Politik
Sonntag, 04. Oktober 2009

Russlanddeutsche unter Stalin: Geheimdienst stoppt "Trauer-Buch"

Die Razzia des russischen Geheimdienstes FSB traf den Geschichtsprofessor Michail Suprun, der die Schicksale der Russlanddeutschen unter Diktator Josef Stalin erforscht, völlig unerwartet. Der Wissenschaftler wollte im Auftrag des Deutschen Roten Kreuzes ein Buch über tausende deportierte und in sowjetische Straflager verschleppte Menschen fertig stellen, als das Einsatzkommando zuschlug. Der FSB beschlagnahmte in Supruns Universitätsbüro und in seiner Wohnung in der Stadt Archangelsk im Norden Russlands Computer, Dateien, Dokumente sowie Dutzende Bücher und Forschungsergebnisse der vergangenen Jahre. Menschenrechtler und die deutsche Seite zeigten sich empört über das Vorgehen der russischen Behörden.

Tausende Russlanddeutsche aus dem Norden Russlands waren in einem Gulag interniert.
Tausende Russlanddeutsche aus dem Norden Russlands waren in einem Gulag interniert.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

"Wie bemühen uns seit Jahren um die Aufklärung der vielen Schicksale. Nie hat es Probleme gegeben", sagte der Vizechef des Historischen Forschungsvereins der Deutschen aus Russland, Anton Bosch, in Nürnberg der Deutschen Presse-Agentur dpa. Die Behörden werfen Suprun sowie Alexander Dudarew, dem Leiter des Informationszentrums der Innenbehörde von Archangelsk vor, mit der Veröffentlichung tausender Namen von Opfern des Stalin-Terrors die Persönlichkeitsrechte der Hinterbliebenen zu verletzen.

"Mein Lebenswerk ist zerstört"

"Das ist absurd. Ich kann über die Hintergründe dieses Vorgehens nur spekulieren. Nicht einmal das Internet haben sie mir gelassen", sagte Suprun der dpa. "Mein Lebenswerk ist zerstört." Die Bücher der Erinnerung habe es schon zu Perestroika-Zeiten in den 80er-Jahren gegeben. Klar scheint aber, dass die unbequeme Recherche dieses Autors von mehr als 130 wissenschaftlichen Arbeiten offizielle Stellen stört. Die Aufarbeitung des blutigen Terrors unter Sowjetdiktator Stalin wird auch nach Einschätzung der Menschenrechtsorganisation Memorial nicht gern gesehen in Russland. Der Zugang zu den Archiven sei extrem schwierig.

Die russische Staatsanwaltschaft wirft Suprun vor, den Beamten Dudarew überredet zu haben, die Archive zu öffnen. Dudarew muss sich nun wegen Amtsmissbrauchs verantworten. "All diese Anschuldigungen sind absoluter Nonsens", sagt der Anwalt der Beschuldigten, Iwan Pawlow. Die Memorial-Expertin Irina Flige in St. Petersburg zeigte sich bestürzt über den neuen Versuch, Geschichtsaufarbeitung in Russland zu verhindern. Die Organisation, die Ende 2008 in St. Petersburg ebenfalls eine Razzia erlebte, wolle sich nun um zusätzlichen Rechtsbeistand kümmern, um Suprun zu entlasten.

Bis heute keine Aufklärung

Der Historiker hatte sich vor allem mit dem Schicksal der Russlanddeutschen im Norden Russlands befasst - tausende von ihnen waren auch auf die berüchtigte Gefängnisinsel Solowki des sowjetischen Geheimdienstes KGB im Weißen Meer oder in andere Straflager (Gulag) gebracht worden. Der in Nürnberg lebende Russlanddeutsche Anton Bosch erzählt, dass er selbst auch erst durch die Archive über das Schicksal seiner Verwandten Auskunft erhielt.

Viele Familien wissen bis heute nicht, was mit ihren Angehörigen passierte, als Stalin die Russlanddeutschen nach dem Krieg in den Norden und nach Sibirien deportieren ließ. Suprun arbeitete an diesem "Trauer-Buch" für die Region Archangelsk, in dem die Namen der Betroffenen, Kurzbiografien und einordnende Geschichtsdarstellungen zu den Sowjetverbrechen veröffentlicht werden sollten. Im Fall einer Verurteilung drohen dem 54-Jährigen Sozialarbeit und Geldstrafe.

Quelle: n-tv.de