Kommentare

Nahles schmeißt hin Für die SPD wird es jetzt noch schlimmer

e8b1711b2b5fbad638a94235d867b5d5.jpg

Andrea Nahles will sich komplett aus der Politik zurückziehen.

(Foto: dpa)

Kaum eine Politikerin steht derart sinnbildhaft für den Abstieg der SPD wie Andrea Nahles. Doch wer glaubt, ihr Rücktritt löse irgendein Problem, der täuscht sich. Im Gegenteil: Er verursacht nur noch mehr.

"Endlich", mag man es durch die Republik raunen hören. "Endlich ist Andrea Nahles zurückgetreten." Kaum eine politische Persönlichkeit wird derart mit dem Abstieg der SPD assoziiert wie sie. Unvergessen sind ihre Auftritte, bei denen sie die Grenzen des guten Humors strapazierte: das "Bätschi" während der Koalitionsverhandlungen und wie sie im Bundestag Pippi Langstrumpf sang. Im März noch machte ein Video von einer Veranstaltung in Thüringen die Runde, auf dem zu sehen ist, wie sie den dortigen SPD-Chef Wolfgang Tiefensee mit Kosenamen belegt: "Schnuffibuffi", "Wollibolli" und schließlich "Mindestlohniiiii". Auch SPD-Politiker bekamen bei solchen Auftritten eine Gänsehaut - vor lauter Fremdscham.

Als Partei- und Fraktionschefin machte sie häufig eine ungelenke Figur. Ihre Witzchen waren oft nicht gut. Bei ihren Reden wurde sie mitunter laut bis zur Heiserkeit und wirkte dann eher aggressiv als überzeugend. Der Absturz der SPD hat sich in den vergangenen Monaten rasant beschleunigt und an der Spitze der Partei stand dabei eine Person, bei der viele Genossen nur den Kopf schüttelten. Ein anderer Vorwurf gegen sie lautete: Die klebt doch an ihrem Posten und will keine Verantwortung für die inzwischen zahlreichen Wahldebakel übernehmen. Entkräften konnte Nahles diesen Vorwurf nicht - bis heute.

Ja, es mag ein "endlich" durch das Land und die deutsche Sozialdemokratie gehen. Aber warum eigentlich? Denn für die SPD kommt es jetzt noch schlimmer.

Personalproblem der SPD nicht gelöst

Denn wer soll Nahles' Job übernehmen? Generalsekretär Lars Klingbeil vielleicht? Oder soll Vizekanzler Olaf Scholz noch eine Runde drehen als Übergangs-Parteichef? Leute wie Arbeitsminister Hubertus Heil oder Familienministerin Franziska Giffey gelten als Hoffnungsträger. Aber wären sie auch für Fraktions- und Parteivorsitz geeignet? In Berlin machen Gerüchte die Runde, die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin könne übernehmen - erst einmal. Dass die unter Multipler Sklerose leidende Malu Dreyer dauerhaft gleichzeitig ein Bundesland und eine Partei führt, ist aber unwahrscheinlich.

Die SPD hat ein Personalproblem und wer glaubt, dieses Problem habe darin bestanden, dass Nahles nicht zurücktritt, täuscht sich. Persönlichkeiten mit genug politischer Erfahrung für die Spitze der Partei gibt es derzeit nicht. Und eine gute Führung braucht die SPD dringend. Wer könnte ein Spitzenkandidat für mögliche Neuwahlen sein? Auch wenn von der Kanzlerkandidatur bei der Partei angesichts der Umfragewerte ja ohnehin keine Rede mehr sein kann - warum sollte es besser werden, nur weil die Chefin hinschmeißt? Die Große Koalition jedenfalls ist durch ihren Rücktritt nicht stabiler geworden.

Und so peinlich ihre Auftritte oft waren, so gut war ihr Ruf hinter den Kulissen. Nahles galt als extrem zuverlässig und fleißig. Bei der Union auf der einen Seite als "linke Schreckschraube" verschrien, bekam sie oft Lob von denen, die mit ihr zusammenarbeiteten. Ausgerechnet CSU-Chef Horst Seehofer etwa verteidigte sie bis zuletzt vor ihren Kritikern, die sich auch in der SPD immer lauter zu Wort meldeten. Nahles gilt als exzellent vernetzt, genoss Respekt bis ins Kanzleramt. Eigenschaften, die im Schatten ihrer ungelenken Art verschwanden, die die SPD jetzt aber mehr bräuchte denn je.

Doch Nahles macht Schluss - und zwar richtig. Sie will nicht nur Fraktions- und Parteivorsitz, sondern auch ihr Bundestagsmandat abgeben. Das kann als Abrechnung mit all jenen verstanden werden, die kein gutes Haar an ihr gelassen haben. Es ist unwahrscheinlich, dass man sich eines Tages Nahles zurückwünscht. Aber gewonnen hat die Partei durch ihren Schlussstrich auch nicht. Im Gegenteil: Für die SPD kommen nur noch mehr Probleme.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema