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SPD-Mann schmeißt hin House of Kahrs, letzte Folge

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Hatte nie ein Problem damit, anzuecken: Johannes Kahrs.

(Foto: picture alliance / dpa)

Völlig überraschend schmeißt SPD-Politiker Johannes Kahrs komplett hin: Bundestagsmandat, politische Ämter - selbst sein Twitter-Konto löscht er. Es ist bemerkenswerter Abgang für einen Politiker mit solch großem Ego.

Johannes Kahrs ist für seinen Politikstil berüchtigt. Als Chefhaushälter und Sprecher des konservativen Seeheimer Kreises führte in der SPD-Fraktion kein Weg an ihm vorbei, heißt es. Von der äußeren Unscheinbarkeit dieser Funktionen sollte man sich nicht täuschen lassen. Er hatte bedeutenden Einfluss in seiner Partei, in der Ausgabenpolitik des Bundes und in der Politik seines Heimatwahlkreises Hamburg-Mitte. Dort mischte er sich sogar auf Ebene der Bezirkspolitik ein. In Anlehnung an die US-Politserie "House of Cards" um den machtgierigen Präsidenten Frank Underwood bezeichnete "Die Zeit" sein Konstrukt aus politischen Verbindungen und Seilschaften einmal als "House of Kahrs". Damit ist nun Schluss.

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Statt Kahrs soll Eva Högl Wehrbeauftragte werden.

(Foto: imago images/Christian Spicker)

Kahrs erklärt, bis zum Ablauf des Tages von seinem Mandat als Bundestagsabgeordneter und allen anderen politischen Ämtern zurücktreten wird. Sein Twitter-Konto, das er stets mit großer Leidenschaft zu benutzen schien, hat er bereits gelöscht. Der Auslöser ist, dass seine Fraktion ihn nicht zur Wahl des Wehrbeauftragten stellen wollte. Stattdessen haben sich die SPD-Abgeordneten einstimmig - heißt es aus Kreisen der Fraktion - für Eva Högl entschieden. Kahrs, heißt es, habe anschließend eine Erklärung abgegeben. Er akzeptiere, dass er im Bundestag vermutlich keine Mehrheit bekommen hätte. Da er sich aber verändern wolle, versuche er es nun außerhalb der Politik. Es klingt, als habe er beide Fäuste in der Tasche geballt.

Denn so überraschend kann das Ergebnis eigentlich nicht gekommen sein. Bei Entscheidungen dieser Art fragen die Abgeordneten in der Regel vorab ein Stimmungsbild bei den anderen Fraktionen ab. Dabei dürfte weder der SPD-Fraktion noch Kahrs in den vergangenen Tagen entgangen sein, dass er selbst bei Koalitionspartner CDU/CSU kaum durchsetzbar gewesen wäre - ganz zu schweigen von den anderen Parteien. Bei der AfD war er verhasst, bei Grünen und Linken wegen seiner Ablehnung von Rot-Rot-Grün im Bund nicht all zu beliebt. Kahrs ist nicht nur für sein Netzwerk berüchtigt, sondern auch für seinen polternden Stil: anecken, sich unbeliebt machen - das war für ihn offensichtlich nie ein Problem. Bei der Entscheidung, wer künftig das unparteiische Amt des Wehrbeauftragten ausüben soll, ist es aber offenbar eines.

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Außerdem hat der bisherige Amtsinhaber Hans-Peter Bartels auch Unmut auf sich gezogen, weil er das Amt wohl etwas zu großzügig ausfüllte. Da entstehe fast ein zweites Verteidigungsministerium, lautete eine Warnung von Kritikern Bartels'. Bei Kahrs wäre das vermutlich nicht anders gewesen. Der hatte schon seit längerem versucht, sich als Verteidigungspolitiker zu profilieren. Und auf seinen neuen Traumjob könnte er sich bereits vorbereitet haben, indem er seinen Einfluss nutzte. Denn schon Anfang des Jahres hatte der Haushaltsauschuss auf seinen Antrag hin vier neue Planstellen für das Büro des Wehrbeauftragten beschlossen. Und das, obwohl Bartels die niemals beantragt hatte. Dazu passt das Gerücht, dass Fraktionschef Rolf Mützenich ihm angeblich im Herbst zugesagt haben soll, das Amt zu bekommen. Das scheint er sich zwar später noch einmal anders überlegt zu haben. Kahrs jedoch könnte sich demnach schon vor der Wahl mit den neuen Planstellen schon auf das Amt vorbereitet und Platz für seine Getreuen geschaffen zu haben. Möglicherweise hatten die SPD-Abgeordneten genug von diesem übertriebenen Selbstbewusstsein und Kungeleien.

Für einen Ego-Politiker wie Kahrs ist der Komplett-Rückzug eine erstaunliche Reaktion auf eine nicht ganz überraschende Entscheidung. Dafür, dass der Mann sich über Jahre in der Politik hochgearbeitet und seine Netzwerke gespannt hat, ist es eine erstaunlich unsouveräne Reaktion. Es spricht dafür, dass er sich komplett zurückzieht. Und es spricht dafür, dass die Stimmung bei Kahrs nicht nur an der heutigen Entscheidung gekippt ist. Es wäre dann also die vorerst letzte Folge "House of Kahrs". Der Posten der Wehrbeauftragten wird nun voraussichtlich mit Högl besetzt. Sie hat im Gegensatz zu Kahrs keinerlei Erfahrungen in dem Bereich. Das scheint für die Fraktion am Ende aber das kleinere Übel gewesen zu sein.

Quelle: ntv.de