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Übergriffe in Deutschland Jede Anfeindung gegen Russen ist eine zu viel

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Das Schild meint vermutlich das russische Militär in der Ukraine - und nicht die Russen in Deutschland.

(Foto: imago images/Jochen Eckel)

Angesichts des mörderischen Kriegs gegen die Ukraine ist es zynisch, wenn ausgerechnet die russische Botschaft in Berlin über Anfeindungen gegen Russen in Deutschland klagt. Das Russen-Bashing muss dennoch sofort aufhören.

Angriffskriege, Bomben auf Zivilisten, Wahlmanipulation, Desinformation, irre Propaganda, brutale Unterdrückung der Opposition, Auftragsmorde, Drohungen an die freie Welt - nie war Russland so aggressiv wie unter Wladimir Putin. In der Ukraine missachtet es Stunde um Stunde die elementarsten Menschenrechte. Der erste Angriffskrieg in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs, befohlen von einem eiskalten Diktator, beruht auf der abstrusen Lüge, dass sich sein Land gegen einen - frei erfundenen - "Genozid" von Ukrainern an Russen wehre. Unter diesem Vorwand wird gemordet, ein Nachbarland in Schutt und Asche gelegt, werden Hunderttausende zur Flucht gezwungen.

Putin und seinen würdelosen Spießgesellen sind sämtliche Regeln und Maßstäbe einer zivilisierten Welt verloren gegangen, falls sie sie je hatten. Das belegt auch eine Mitteilung der russischen Botschaft in Berlin über Beschwerden von Landsleuten, die in Deutschland leben. Man muss es sich vor Augen führen: Die Diplomaten einer amoralischen Staatsführung, die schon jetzt Tausende Tote auf dem Gewissen hat und ein Nachbarland vernichten will, beklagen sich über Beschimpfungen, Hassbotschaften, Schubsereien und Mobbing unter Schülern. So zynisch es klingen mag: Die Betroffenen werden es überleben.

"Wir halten jegliche Manifestationen von Diskriminierung und Verletzungen der Rechte unserer Bürger und der russischsprachigen Bevölkerung in Deutschland für inakzeptabel", so Putins Vertreter in Deutschland. Sie sollten mal russische Oppositionelle oder gar Ukrainer fragen, was die so von Verletzungen von Bürgerrechten durch das Moskauer Regime halten. Wie immer misst das offizielle Russland mit zweierlei Maß. Ihm ist das Gespür für die Lage abhandengekommen. Wie jede Diktatur ignoriert auch die in Moskau das Zusammenspiel von Ursache und Wirkung.

Und dennoch ist es selbstverständlich richtig, russische Staatsbürger in Deutschland vor verbalen, seelischen und körperlichen Angriffen zu bewahren. Nicht etwa deshalb, um Moskau keinen Vorwand für eine Erklärung zu liefern, in Deutschland finde ein "Genozid" an Russen statt. Sondern aus zwei anderen Gründen.

Jeder Einzelfall ist einer zu viel

Zum einen sind wir - trotz aller Polarisierung und Exzessen in sozialen Medien - eine zivilisierte Nation und keine Barbaren. In Deutschland gehen Menschen generell anständig miteinander um. Zum anderen wäre es furchtbar, in eine rassistische Stimmung gegenüber Russen, Russischstämmigen oder Menschen mit russisch klingenden Namen zu verfallen. In Deutschland leben Menschen aus Russland und Ländern der ehemaligen Sowjetunion, die Putins Propaganda auf den Leim gegangen sind oder es weiterhin tun. Aber die Mehrheit der Russlanddeutschen sind nach Erkenntnissen des Migrationsforschers Jannis Panagiotidis, Professor an der Uni Osnabrück, "definitiv" keine Putin-Anhänger. Viele sind nach Deutschland ausgewandert, weil sie es in der Heimat nicht mehr ausgehalten haben.

Nach einem Bericht des ARD-Magazins "Report" unter Berufung auf Angaben der Innenministerien der Länder und mehreren Polizeipräsidien wurden vereinzelt Angriffe gegen vermeintlich russischsprachige Menschen gemeldet, ebenso Fälle von Sachbeschädigungen gegen russische Geschäfte, bei denen Schaufenster beschmiert und beschädigt worden seien. Von Streitigkeiten und Beleidigungen sollen auch ukrainische Bürger betroffen gewesen sein. Das sind Einzelfälle - aber jeder "Einzelfall" ist einer zu viel.

Unter russischstämmigen Künstlerinnen und Künstlern geht die Angst um, kollektiv bestraft zu werden, keine Aufträge oder Engagements mehr zu erhalten, selbst wenn sie seit Jahren im Westen ihr Zuhause haben. Der Autor dieser Zeilen weiß von einer Russin, die ihren Jungen früher als sonst aus der Kita abgeholt hat, weil es von anderen Kindern gehänselt wurde.

Das russische Volk ist nicht unser Feind. Die Verbrechen, die gegen die Ukraine begangen werden, haben Putin und seine Vasallen zu verantworten. Niemand hierzulande ist ein Übeltäter, nur weil er oder sie Russisch oder Deutsch mit Akzent spricht. Menschen nicht unter Generalverdacht zu stellen, ist ein zentraler Eckpfeiler unseres Zusammenlebens und der Demokratie. Es gibt weder Kollektivschuld noch Sippenhaft. Auf Putins Niveau begeben wir uns nicht - hoffentlich niemals.

Quelle: ntv.de

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