Weg in den Élysée vor AugenLe Pen riskiert für ihren Traum Kopf und Kragen
Ein Kommentar von Lea Verstl
Für Marine Le Pen scheint alles kein Problem: Sie ficht ihr Berufungsurteil an, dann befreit sie das höchste Gericht von ihrer Fußfessel - und sie startet unbeschwert in den Präsidentschaftswahlkampf. Doch so einfach ist es nicht. Die Rechtsextreme pokert hoch - und kann alles verlieren.
Marine Le Pen spielt Vabanque. Sie hält an ihrem großen Traum fest, kommendes Jahr als erste Präsidentin Frankreichs in den Élysée-Palast einzuziehen. Daran ändert auch das Urteil eines Berufungsgerichts nichts, das Le Pen in zweiter Instanz der Veruntreuung von EU-Geldern für schuldig befindet. Sie, Le Pen, werde nun das sogenannte Kassationsgericht anrufen, das ganz selbstverständlich "die Wirkung des Urteils aussetzt", damit sie dann "ohne elektronische Fußfessel Wahlkampf führen" kann. Nur: So sicher, wie Le Pen es darstellt, wird der neue Schiedsspruch nicht zu ihren Gunsten ausfallen.
Im Gegenteil: Das Urteil kann letzten Endes noch härter ausfallen - und in ein erneutes Kandidaturverbot münden, nur wenige Wochen vor der Wahl. Aufgrund ihrer heutigen Entscheidung würde Le Pen sich so ins Abseits manövrieren.
Le Pen riskiert nicht nur den eigenen Kopf und Kragen, sondern auch den ihres politischen Ziehsohnes Jordan Bardella. Mühsam hatte sie den 30-Jährigen in den vergangenen aufgepäppelt, damit er eines Tages in ihre Fußstapfen treten möge. Mit Erfolg: In mehreren Rankings zählt Bardella zu den beliebtesten Politikern Frankreichs, allein auf Tiktok folgen ihm mehr als zwei Millionen Nutzer.
Bardella muss sich Rampenlicht mit Le Pen teilen
Doch Bardella bleibt der Weg in den Élysée zunächst versperrt. Solange kein Gerichtsurteil dazwischenkommt, wird er auf den Platz des Premierministers verwiesen - die Strippenzieherin bleibt Le Pen. Geplant ist ein Doppelwahlkampf der beiden. Bardella muss das Rampenlicht dann mit seiner übermächtigen politischen Ziehmutter teilen. So richtig glänzen kann er in ihrem Schatten nicht, müsste er auf den letzten Metern vor der Wahl doch noch allein an den Start gehen.
Auch mit Blick auf ihre Partei setzt Le Pen alles aufs Spiel. Denn der Rassemblement National (RN) hat so gute Chancen wie nie, den Élysée zu erobern. Prognosen räumen sowohl Bardella als auch Le Pen eine Chance ein, den zweiten Wahlgang für sich zu entscheiden, sowohl gegen Kandidaten des linken als auch des zentristischen Lagers. Doch Le Pens Zug ist hochriskant und kann die Siegeschancen, je nach Urteil, von einem Tag auf den anderen zunichtemachen.
Le Pen demonstriert Macht gegenüber rechtem Lager
Zwar halten Le Pen noch viele im RN die Treue. Schließlich gilt sie ihnen als Architektin des salonfähigen Rechtsextremismus, der sich hinter adrett gescheitelten Figuren wie Bardella versteckt - und inzwischen eher mit Alternativen zur "politischen Elite" wirbt als mit dem offenen Antisemitismus von Le Pens Vater, den sie aus der Partei warf.
Doch auch die gewieftesten Machtpolitiker überreizen ihr Blatt. Sollte Le Pens heutige Entscheidung in irgendeiner Weise mit einer möglichen Niederlage des RN bei den Wahlen in Verbindung gebracht werden, werden ihr auch die ergebensten Anhänger den Rücken kehren.
Heute hat Le Pen klargemacht, wie hoch sie im Präsidentschaftswahlkampf pokern will. Dabei handelt es sich nicht nur um eine folgenschwere Entscheidung, sondern auch um eine Machtdemonstration gegenüber ihrem eigenen Lager. Sie allein hält die Karten in der Hand, sie allein bestimmt über Sieg oder Niederlage.