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Miserable Debattenkultur Mundtotmacher im Glaubenskrieg

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Wer Angst vor einem Shitstorm hat, äußert seine Meinung womöglich nicht mehr öffentlich.

(Foto: imago stock&people)

Um im Internet angeprangert zu werden, reicht inzwischen schon ein einziger missratener Satz. Keulen werden geschwungen, Emojis ersetzen Argumente. So enden Diskussionen im Nichts. Das kann nur zur Spaltung der Gesellschaft führen.

Es ist in Mode, einen Menschen in Windeseile vor ein virtuelles Gericht zu bringen, ohne Anhörung zu verurteilen und zum Abschuss freizugeben, weil er oder sie eine Meinung vertreten hat, die denjenigen, die sich zu Richtern aufschwingen, nicht passt. Um an den Pranger in den a-sozialen Medien gestellt zu werden, reicht es inzwischen schon, etwas Unbedarftes zu sagen oder einen Gedanken nicht ausführen zu können.

Der Schriftsteller Marko Martin erlebt das gerade. Der Berliner war im April Gast im "Literarischen Quartett", in dem auch über "Eurotrash" von Christian Kracht diskutiert worden war. Er kritisierte, dass Kracht in seinem neuen Roman die Schweiz als "wunderbar" darstelle - "im Gegensatz zu Deutschland, wo" - Martin zitierte nun aus dem Buch - "das Blut der ermordeten Juden noch in jeder Gasse klebt". Man müsse sich vergegenwärtigen: "Es gibt kein Blut in deutschen Gassen, weil die deutschen Juden wurden ermordet in Teilen Osteuropas - und sie sind in Rauch aufgegangen."

Sicher war der Satz für manchen Zuschauer, dem sofort die Pogromnächte von 1938 einfielen, irritierend oder abstoßend. Die anderen Diskutanten hakten nicht nach, da sie "Eurotrash" gelesen hatten und wussten, dass sich Martin seit etlichen Jahren mit Totalitarismus und der Judenverfolgung befasst. In "Dissidentisches Denken" erzählt er von 22 europäischen Flüchtlingen, unter ihnen die jüdische Schriftstellerin Mariana Frenk-Westheim, die in kluger Voraussicht schon 1930 aus Deutschland nach Mexiko ausgewandert war. Im Deutschlandfunk Kultur sagte Martin dazu, er habe eine Trennlinie ziehen wollen zu jenen, die sich heute Dissidenten nennen, aber "oftmals nur neorechte Querulanten, Verschwörungstheoretiker und Leute sind, die unter dem Label des angeblichen Tabubruchs ihren faschistoiden Dreck" öffentlich ablüden.

Schade, dass Moderatorin Thea Dorn Martin nicht darum bat, den Satz zu erläutern. Der Autor wollte damit, wie er ntv später sagte, anprangern, dass Kracht "den Holocaust zum Nebensätzchen in der Ich-Erzähler-Suada macht, dazu auch noch als unpräzise Metapher nach dem Motto: Es hat wohl was mit den Juden zu tun. Mich hat irritiert, dass weite Teile der hiesigen Literaturkritik einem Buch Beschäftigung mit der Vergangenheit attestieren, dem es offensichtlich vor allem um selbstbezügliche Effekthascherei geht."

Darüber kann man trefflich diskutieren, wobei das eine Debatte voraussetzt. Das Twitter-Volk aber hatte längst sein Urteil über Martin gefällt. Ein User vermisste, dass Dorn Martin nicht "sofort eine zimmert, ihn am Kragen aus dem Studio schleift und ihm klarmacht, dass er sich im Literarischen Quartett gefälligst nie wieder blicken lassen soll" - was hieße, ihn von der öffentlichen Diskussion über Bücher auszuschließen. Ein anderer schrieb: "Das Brillenmodell, das er trägt (in Kombi mit der Frisur) ist look-mäßig ziemlich 'AFD'."

Noch heftiger wurde es Ende April, als es in einer Kolumne eines feministischen Magazins hieß: "Mit Erlaubnis des ZDF schraubt Martin weiter an dem Relativierungsmärchen, dass es in Deutschland keine KZs und Vernichtungslager gegeben hätte." Der Nachsatz "und sie sind in Rauch aufgegangen" wird als "Verhöhnung der industriell organisierten Ermordung" der Juden angeprangert, das ZDF müsse Strafanzeige wegen Volksverhetzung stellen.

Schwarz-weiße Gut-oder-böse-Feststellungen

Das Beispiel zeigt exemplarisch, wie schnell eine Diskussion - selbst einer literaturkritischen - zu schwarz-weißen Gut-oder-Böse-Feststellungen ausartet. Ein einziger missverständlicher Satz reicht, dass ein Autor, der regelmäßig für die "Jüdische Allgemeine" schreibt, zum Holocaust-Relativierer, für vogelfrei erklärt und ihm die Pest an den Hals gewünscht wird: Beleidigungen, (Vor-)Verurteilungen, Aufruf zur Strafverfolgung und Entzug beruflicher Aufträge. Es wird etwas behauptet, ohne sich die Mühe zu machen, sich mit dem Menschen, seinem beruflichen Werdegang und dem Kontext zu befassen. Mit Martin trifft es wahrlich den Falschen.

Sich uninformiert und unwissend zu äußern, ist eine der vielen Erscheinungen, die das Internet mit sich gebracht hat. Ob kompetent oder nicht: Jede und jeder kann zu allem etwas sagen - und tut es ausgiebig, bevorzugt im festen Glauben, viel schlauer zu sein als der Rest der Welt. Besserwisserei und gefährliches Halbwissen bilden ein toxisches Gemisch. In Debatten ersetzen Emojis Argumente. Daumen hoch oder Daumen runter - wie im Alten Rom.

Auch das Schwingen üblicher Keulen zur Diskreditierung eines Menschen zeigt sich an Martins Beispiel. Hier ist es einmal mehr das Schlagholz mit der Aufschrift AfD gewesen. Auf der anderen Seite werden, um nur zwei Beispiele zu nennen, der Gutmenschen - und Mainstream-Knüppel als Instrumente verbaler Angriffslust genutzt. Einher geht das in der Regel mit Arroganz, weil Keulenschwinger glauben, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben, obwohl deren Wahrnehmung auf starken subjektiven Anteilen beruht. Wer den Keulenschwingern nicht folgt, wird für dumm erklärt.

Der momentan wohl populärste Knüppel dürfte sein, Menschen in die rechte Ecke zu stellen. Wenn man sich vor Augen führt, wie oft ins Feld geführt wird, dieses Handeln oder jener Wortbeitrag spiele der AfD in die Hände - sie müsste bundesweit bei mindestens 20 Prozent liegen. Gemessen an dieser Behauptung, müssten die AfD-Umfragewerte im Zuge der Videoaktion #allesdichtmachen nach oben geschnellt sein - sind sie aber nicht. So dumm können die Leute also nicht sein, dass sie wegen ein paar satirischen Filmchen zur AfD pilgern.

Mit einer Keule auf dem Kopf ist schlecht reden

Das Problem der Keulen ist vor allem, dass Diskurs, so er denn überhaupt noch stattfindet, kurz aufflackert, im Schwarz-Weiß-Schema debattiert wird und die Trennlinie scharf zwischen Gut und Böse verläuft, ohne Nuancen zuzulassen. Wer "Zigeunerschnitzel" sagt, ist Rassist. Punkt und aus. Dass sie oder er eventuell nur noch nicht verstanden hat, warum der Begriff beleidigend ist, fällt unter den Tisch. Mit der Rassisten-Keule auf dem Schädel redet es sich schlecht.

Die WDR-Sendung "Die letzte Instanz" hat gezeigt, wie so etwas abläuft. Nachdem die Gäste nach einer fragwürdigen und sehr trivialen Diskussion erklärt hatten, die Tilgung des Begriffs "Zigeunerschnitzel" abzulehnen, erlebten sie bekanntlich einen Shitstorm. Die Schauspielerin Janine Kunze entschuldigte sich inklusive der üblichen Beteuerungen, keine Rassistin zu sein, die mehr und mehr zu einem Bußritual verkommen, zwar wichtig und richtig, aber im Kampf gegen den Alltagsrassismus kaum bis gar nicht helfen. Es wird nicht mehr wachgerüttelt, sondern führt zu Ermüdung.

Man darf gespannt sein, wann und ob überhaupt sich Kunze wieder zu einem politischen Thema öffentlich zu Wort meldet. In den vergangenen Tagen hat sie nicht einmal auf Anfragen mit der Bitte um ein Gespräch reagiert. Allein das ist bedenklich, da ihr das Recht auf freie Meinungsäußerung per Grundgesetz zusteht. Das beinhaltet eben auch Dinge zu sagen, die anderen nicht gefallen. Es ist schließlich nicht so, dass Kunze und ihre Mitstreiter die einzigen Deutschen sind, die die Umbenennung des Zigeunerschnitzels ablehnen. Sie reden für eine anonyme Masse, die die harten Schläge der Rassismus-Keule ebenso trifft. Es ist daher nur logisch, dass sich weite Teile der Bevölkerung medial nicht mehr wiederfinden.

Kontroversen, die eine Gesellschaft wachhalten, sind zwingend notwendig. Sie ins Internet, das Reich alternativer Fakten, zu verbannen, ist alles andere als hilfreich, weil sie dort bevorzugt in Blasen stattfinden. So verkommt die Debattenkultur zunehmend zum Glaubenskrieg. Der aber führt nicht zusammen, sondern spaltet nur noch mehr.

Quelle: ntv.de

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