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Zwischenruf Organhandel: Vorwürfe gegen Thaçi

Die Vorwürfe, die Dick Marty gegen den Regierungschef des Kosovo erhebt, sind aufsehenerregend: Hashim Thaçi soll Ende der 90er Jahre in illegalen Organhandel verwickelt gewesen sein - eine Anschuldigung, die jetzt die parlamentarische Versammlung des Europarates beschäftigt.

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Thaçi widerspricht dem Bericht empört.

(Foto: REUTERS)

Die Vorwürfe gegen den jetzigen Chef kosovarischen Regierung sind so alt wie dessen Auftauchen auf der politischen Bühne während der Verhandlungen von Rambouillet Ende der neunziger Jahre. Hashim Thaçi soll laut Bundesnachrichtendienst Verbindungsmann zwischen organisierter Kriminalität und Politszene gewesen sein. Der "New York Times" zufolge soll er Rivalen aus dem eigenen, separatistischen Lager ermordet haben. Nun sagt der frühere Schweizer Staatsanwalt Dick Marty, der einstige Stalinist sei in den Mord an gefangenen Serben und Kosovoalbanern verstrickt, deren innere Organe verkauft worden sein sollen. Zugleich bekräftigt der nunmehrige liberale Europaabgeordnete die Verbindungen zum organisierten Verbrechen.

Beide Anschuldigungen werden von verschiedenen Seiten bekräftigt: die einstige Chefanklägerin des UNO-Kriegsverbrechertribunals für das ehemaligen Jugoslawien Carla del Ponte hatte bereits in ihren, im Mailänder Feltrinelli-Verlag, erschienen Memoiren "La caccia. Io e i criminali di guerra", "Die Jagd. Ich und die Kriegsverbrecher", Zeugen für die angeblichen Organ-Entnahmen bei 300 serbischen Gefangenen benannt. Diese sollen vom Kosovo in den Norden Albaniens verschleppt worden sein. Die albanische Regierung habe Ermittlungen verboten, bekräftigte die nunmehrige Schweizer Botschafterin in Argentinien gegenüber swissinfo.ch. Die Onlineausgabe des Londoner "Guardian" veröffentlicht geheime Nato-Dokumente, in denen es heißt, die Vereinigten Staaten und andere westliche Länder hätten seit Jahren umfangreiche Kenntnisse über deren kriminelle Verbindungen.

Heute legt Rick Marty in Straßburg dem Europarat seinen Bericht vor. Konkrete Beweise sind darin nicht zu finden. Dafür seien Gerichte und staatliche Ermittlungsbehörden zuständig, sagt er. Mit seinem Report könne er "lediglich ein Stück Vorarbeit leisten". Doch welche Gerichte? Die des Kosovo? Seit Jahren gibt es einen serbischen Haftbefehl. Den umzusetzen dürfte schwierig werden. Die USA und andere Staaten dürften kaum ein Interesse daran haben, Thaçi festzusetzen. Selbst, wenn sich einige Vorwürfe gegen ihn in Luft auflösen sollten, würde der Westen damit seine Politik gegenüber dem früheren Jugoslawien und dessen Autonomer Provinz Kosovo in weiten Teilen delegitimieren. Doch wer über Jahrzehnte einen Zine El Abidine Ben Ali ertragen hat, wird auch mit einem Hashim Thaçi leben können. Bis er einem auf die Füße fällt. Wie Ben Ali.

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Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 für n-tv das politische Geschehen. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

Quelle: n-tv.de

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