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Debatte um Meinungsfreiheit Stefan Kretzschmar hat absolut (Un-)Recht

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Stefan Kretzschmar, hier bei der öffentlichen Ausübung von Meinungsfreiheit.

(Foto: imago/Agentur 54 Grad)

Die deutsche Handball-Ikone spricht ein wahres Phänomen an: meinungslose Profisportler. Sagen sie ausnahmsweise doch etwas, was nicht zu 99,9 Prozent konsensfähig ist, kriegen sie verbal auf die Fresse. Trotzdem sind Kretzschmars Äußerungen zur Meinungsfreiheit Unsinn.

Man erlebt es immer wieder in der Bundesliga oder auf internationaler Ebene: Fußballspieler laufen mit Parolen auf wie "No to Racism" oder #EqualGame. Oder sie werben in Videos für ein respektvolles Miteinander aller Nationen und Rassen. Das ist richtig und wichtig. Doch machen wir uns nichts vor: Vielfach ist die Sprache auf den Rängen in den Stadien eine andere. Schwarze Spieler werden jedes Wochenende in übelster Weise beleidigt. Gibt es einen Aufschrei aus den Teams heraus? Wann hat zuletzt ein Spieler eine flammende Rede gegen Rassismus unter Zuschauern gehalten?

Hierzulande existiert kein einziger Spitzensportler mehr, der wie einst Handball-Ikone Stefan Kretzschmar oder Ewald Lienen, der "Linksaußen" der Bundesliga, politisch pointiert Farbe bekennt. Dafür sorgen schon die Vereine und ihre Bosse, die die Fans nur ja nicht verprellen wollen, damit die weiter und noch viel mehr Eintrittskarten und Shirts kaufen. Nur nicht anecken, lautet die Devise. Konformität ist angesagt, weshalb selbst gut gemeinte Aktionen wie "Nein zu Rassismus" wie ein hohles Pflichtprogramm wirken und deshalb ziemlich verpuffen.

Kretzschmar, einer, der sich einst als Linker bekannte, formuliert das Verhalten seiner Zunft so: "Alle gehen ihren gemütlichen Weg, keiner streckt den Kopf höher heraus als er muss." Da hat er recht. Stimmen wird wohl auch seine Feststellung: "Wir müssen immer mit Repressalien von unserem Arbeitgeber oder von Werbepartnern rechnen. Deswegen äußert sich heute keiner mehr kritisch."

Die Frage aber lautet: Will sich überhaupt ein Sportler noch einmischen? Die Mehrheit der Profisportler - allen voran die Fußballer - leben in einer abgeschirmten Blase, aus der heraus nur noch blubbert, was die PR-Abteilung freigegeben hat. Undenkbar, dass deutsche Akteure beim Abspielen der Nationalhymne aus Protest gegen was auch immer niederknien, wie es in den USA der Fall ist.

Für unzählige Kicker gilt allein das Prestige, weshalb es in sozialen Medien von Fotos mit schweineteuren Autos und goldenen Steaks nur so wimmelt. Allein der kürzlich vom französischen Bayern-Spieler Franck Ribéry demonstrierte Eskapismus sorgt noch für Aufreger - erst recht, wenn Kritiker beschimpft werden und ihnen empfohlen wird, mit nahen Verwandten zu kopulieren. Dann springt die Entrüstungsmaschinerie an.

Die grobe Verkürzung erstickt jeden ernsthaften Diskurs

Aber wer will es den Profisportlern verübeln, dass sie lieber Erklärungen in eigener Sache abgeben als Statements zur Lage der Nation? Denn was dann passiert, erklärt Kretzschmar so: "Für jeden Kommentar bekommst du eins auf die Fresse. Wenn du eine polarisierende Meinung hast, finden die 50 Prozent scheiße." Und weiter: "Für alles, was dich von der Masse abhebt, erntest du einen Shitstorm. Dem setzt sich kein Profisportler aus."

Es reichen schon weitaus weniger Prozent als 50. Es ist schlicht unmöglich, in einem polarisierten Land wie der Bundesrepublik etwas Politisches in die Welt zu posaunen, ohne irgendjemanden zu verärgern. Wer keine Meinung bekundet, die zu 99 Prozent konsensfähig ist, kriegt verbal auf die Fresse - Politiker inzwischen auch real. Gerade die seit Jahren geführte Debatte um "Refugees Welcome" ist - anders als von Kretzschmar behauptet - das Gegenteil einer 99-Prozent-Position. Doch was ist heute noch absolut mehrheitsfähig, wenn inzwischen selbst fundamentale Eckpfeiler der Demokratie wie das Verbot von Todesstrafe und Folter infrage gestellt werden?

*Datenschutz

Mats Hummels wagte es im vergangenen Mai, den - permanent von Rechten zur Diffamierung ihrer Gegner verwendeten - Begriff "Gutmenschen" in einem völlig unpolitischen Tweet zu benutzen. Weil die geschlagenen Bayern damals nach dem verlorenen DFB-Pokalspiel gegen Eintracht Frankfurt vor der Siegerehrung in den Katakomben des Berliner Olympia-Stadions verschwanden, wurde der Verteidiger auf Twitter gefragt: "Fandest du die Aufregung nach eurer 'Kabinenflucht' Samstag gerechtfertigt?" Der Abwehrspieler antwortete: "Ich finde es sehr 'interessant', wie viele Gutmenschen bei solchen Themen um die Ecke kommen und wie selten (nämlich nie) es gewürdigt wird, wenn man sich astrein verhält."

Seine richtige Feststellung, dass faires und anständiges Gebaren in der Gesellschaft öffentlich kaum registriert wird, ging unter. Stattdessen wurde Hummels zurechtgewiesen: "Nazi-Sprech benutzen geht GAR NICHT!", schrieb ihm ein Eintracht-Fan. Und als der Bayern-Profi sich mit dem Wikipedia-Eintrag zu "Gutmensch" zu verteidigen versuchte, bekam er Charaktereigenschaften zu spüren, die heute leider zur deutschen Debattenkultur gehören. "Wort benutzen und dann auf Wikipedia gucken, was es heißt, ist die falsche Reihenfolge", schrieb jemand. Aus der Gegenrichtung kam die Frage, ob die "Ochsen" wüssten, "dass der Begriff Gutmensch auf Nietzsche zurückgeht. Ihr seid so herrlich dumm in eurer Empörung." Arroganz und Klugscheißerei auf beiden Seiten.

Das Problem, das Kretzschmar benannt hat, geht weit über den Sport hinaus. Dazu muss man nicht erst an den Grünen-Chef Robert Habeck erinnern, der Twitter (vorläufig) abgeschworen hat. Die grobe Verkürzung und gewollte Pointierung erstickt jeden ernsthaften Diskurs im Ansatz.

Man muss fest davon ausgehen, dass es unter Profisportlern in Deutschland auch Wähler von AfD und Linken gibt, vielleicht auch von NPD und DKP. Würde sich einer von ihnen outen, wäre ihm oder ihr ein Shitstorm ungeahnten Ausmaßes gewiss. Der nächste öffentliche Auftritt wäre ein Spießrutenlauf - wenn es ihn noch gäbe. Vielleicht gerieten, wie es Kretzschmar andeutet, Vertragsverlängerung und Wohlstand auf sehr hohem Niveau in Gefahr.

"Zur Meinungsfreiheit gehört auch der Mut zur Meinungsäußerung", sagt der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki. "Kretzschmar beschreibt keine Einschränkung der Meinungsfreiheit, sondern Feigheit." Wahre Worte. Auch mit seiner Kritik an Kretzschmar hat Kubicki recht. An einer Stelle irrte der 218-fache Handballnationalspieler nämlich gewaltig: Die Meinungsfreiheit ist in Deutschland nicht eingeschränkt, auch nicht für Sportler. Und wenn die politisch Rechte 100 Mal das Gegenteil behauptet: Jeder kann hierzulande sagen, was er will, solange es mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Gerade die Worte Kretzschmars und die folgende Debatte darüber zeigen das auf beeindruckende Weise.

Ein sehr ernstes Problem ist allerdings das, worauf Kretzschmar hingewiesen hat. Dass Leute aus Angst vor beruflichen Nachteilen lieber schweigen. Das beschränkt sich nicht allein auf den Sport. Wenn (zu) viele Bürger im Gefühl leben, vom politischen Diskurs ausgegrenzt zu werden, dass ihre Meinung nicht zähle und sie nicht alles öffentlich sagen dürften, weil Sanktionen drohten, dann muss eine demokratische Gesellschaft das als Alarmzeichen verstehen - selbst dann, wenn das Gefühl zu Unrecht besteht. Denen dann die Nazi- oder die Nazi-Hasser-Keule überzubraten, führt nur zu neuen Beulen und Wunden. Heilsam ist es jedenfalls nicht.

Quelle: n-tv.de

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