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TRIC statt BRIC? Türkei, der europäische Tiger

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Die Türkei strotzt vor Kraft. Hier wollen Anleger und Investoren gerne mitmachen.

Denkt man an Emerging Markets, denkt man an China, Indien, Russland oder Brasilien und nicht an die Türkei. Ein Tiger auf der Schwelle Europas, das passt nicht so recht ins Bild. Aber Anleger sollten dieses Boomland gut im Auge behalten. Die Anlagechancen sind vielversprechend.

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Istanbul ist nach Ansicht vieler Experten die lukrativste Stadt, die Europas Immobilienmarkt zu bieten hat.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Die Türkei gilt als politisch stabil. Trotz vieler Ressentiments gegen Ministerpräsident Recep Erdogan. Unter seiner achtjährigen Amtszeit hat sich die Wirtschaft von dem Niveau des heutigen Griechenlands zu der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaft Europas  gemausert. Allein im vergangenen Jahr legte die türkische Wirtschaft acht Prozent zu. Das Pro-Kopf-Einkommen hat sich nahezu verdoppelt.

Das Land verfügt über eine junge, wachsende und konsumfreudige Bevölkerung. Die beste Voraussetzung für stetiges Wachstum. Auf der Liste der größten Volkswirtschaften der Welt rangiert die Türkei auf Platz 17.  Und damit soll nicht Schluss sein. Zum 100-jährigen Jubiläum der Republikgründung im Jahr 2023 will das Land zu den ersten Zehn gehören und "Führungsnation" sein. Auf die wirtschaftliche Liberalisierung soll dann laut der "Agenda 2023" von Erdogan auch die gesellschaftliche folgen.

Die Türkei tickt anders

Die Finanzkrise konnte der Türkei nichts anhaben. Dank einer vergleichsweise geringen Inflation, niedrigen Zinsen und einer mäßigen Verschuldung von Staat, Unternehmen und Privathaushalten blieb die Wirtschaft gut auf Kurs. Keine Bank ging bankrott und musste gerettet werden, einen IWF-Kredit konnte man dankend ablehnen. Das Bankensystem ist solide. Die Staatsverschuldung sank von 65,4 Prozent auf heute geschätzt unter 40 Prozent. Die Türkei ist das krasse Gegenstück zum benachbarten hochverschuldeten Griechenland.

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Recep Tayyip Erdogan hat die Türkei zum Tiger gemacht.

(Foto: picture alliance / dpa)

Andere Schwellenländer wie Brasilien oder Indien haben prozentual zweistellige Inflationsraten. In der Türkei ging die Inflation von 130 Prozent in der Spitze auf zwischenzeitlich 4,3 Prozent zurück. Zuletzt bewegte sie sich knapp unter sieben Prozent.

Überhitzungsängste

Kurzfristig droht dem Land eine Überhitzung der Konjunktur. Aber positiv ist festzustellen, dass die Zentralbank sich bereits dagegen wappnet. Ihr wirkt die Notenbank schon jetzt kräftig entgegen, indem sie nicht nur Zinsen senkt, sondern auch Liquidität aus dem Geldmarkt nimmt. Der Trick ist, sich Risikokapital vom Hals zu halten, das auch schnell wieder aus einem Land abfließen kann. Während andere Länder also um Investoren buhlen, hat sich Zentralbankchef Durmus Yilmaz auf die Fahne geschrieben, die Lira weniger attraktiv zu machen. Zugegebenermaßen ein Experiment, das eigentlich im Widerspruch zu gängigen wissenschaftlichen Experimenten steht.

Nach Ansicht von Yilmaz ist diese Maßnahme aber notwendig, um sich vor der Geldschwemme aus den großen Industriestaaten zu schützen, weil diese finanziell stabile Länder in ihrer Existenz bedroht. Er sieht diese Gefahr nicht nur für die Türkei, sondern auch für die anderen Schwellenländer.

Schieflage in der Leistungsbilanz

Sorgen bereitet ihm auch das wachsende Leistungsbilanzdefizit. Die Lira darf auch deshalb nicht zu stark sein. Das würde Einfuhren verbilligen und Ausfuhren verteuern. 2010 kletterte das Defizit auf 5,9 Prozent. 2009 lag es bei lediglich 2,3 Prozent.

Fest steht, dass die Türkei zu den am dynamischsten wachsenden Volkswirtschaften gehört. Schwellenländer-Experten rechnen damit, dass die großen Ratingagenturen das Land noch in diesem Jahr hochstufen werden. Aber der türkische Aktienmarkt blieb bislang weitgehend unentdeckt.

Wie kann der Anleger partizipieren?

Der türkische Aktienmarkt ist vergleichsweise preiswert. Mit einem durchschnittlichen 2011-er KGV von rund zehn werden Dividendentitel niedriger bewertet als die der Schwellenländer insgesamt. Der Grund hierfür liegt in der hohen Gewichtung des Finanzsektors. Im Gegensatz zu chinesischen oder brasilianischen Blue Chips werden aber selbst die türkischen Standardwerte an den deutschen Börsen nicht gehandelt. Mit der türkischen Telekomgesellschaft Turkcell gibt es nur ein Unternehmen, das an einer westlichen Börse gelistet ist. Aber selbst für diese Aktie werden an den deutschen Handelsplätzen keine Kurse gestellt.

Wer also vom Wachstum am Bosporus profitieren will, sollte sich Index- oder Basket-Lösungen suchen. Am praktikabelsten ist es, den türkischen Aktienmarkt über einen Indexfonds zu kaufen. Die gängigsten sind der Dow Jones Turkey Titan, der die 20 größten börsennotierten Unternehmen am Bosporus umfasst und der MSCI Turkey. Ansonsten käme der aktiv gemanagte Aktienfonds HSBC Turkey Equity in Betracht. Der Fonds ist nur zu zwei Dritteln in türkische Standardwerte investiert. Den Rest machen Small und Mid Caps aus. Gleichzeitig sind die drei großen türkischen Banken, die den Indexfonds dominieren, in dem aktiv gemanagten Aktienfonds geringer gewichtet.

Klar ist, dass es sich auch bei dem Türkeifonds um ein risikoreiches Produkt handelt.

Quelle: n-tv.de

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