Kommentare

Pelosis Eklat im Kongress US-Demokraten sinken auf Trumps Niveau

Seine Gegner klagen, Donald Trump beraube das Amt des US-Präsidenten seiner Würde. Mit dem Zerreißen von Trumps Redemanuskript begibt sich die Repräsentantenhaus-Vorsitzende Pelosi selbst auf dessen Niveau - ein Fingerzeig auf den verzweifelten Zustand der Demokraten vor der Wahl.

Nein, es gibt keine Ausrede für diesen scheinbar emotionalen Ausbruch von Nancy Pelosi, Donald Trumps Redetext zur Lage der Nation zu zerreißen. Weder den verweigerten Handschlag des US-Präsidenten noch dessen anschließende Rede an die Nation, die vor Eigenlob und patriotischer Inszenierung triefte; auch die Auszeichnung von Rush Limbaugh mit der Medal of Freedom rechtfertigt Pelosis Verhalten nicht.

Die höchste zivile Auszeichnung der USA wird normalerweise im Weißen Haus überreicht und nicht im Rahmen der traditionsreichen Ansprache an die Nation, und eher selten an Männer, die wiederholt mit Rassismusvorwürfen konfrontiert waren. Das kann man geschmacklos finden. Instinktlos ist es aber nicht: Trump hat einmal mehr rücksichtslos das eigene Lager bedient. Er erfüllt die Erwartungen seiner Anhänger, um diese im Jahr des Präsidentschaftswahlkampfs zu mobilisieren.

Eine Geste der Verzweiflung

Pelosi wäre naiv, hätte sie eine andere Rede erwartet. Moderate Töne, eine Aussöhnung seines gespaltenen Landes entsprechen weder dem Stil noch der Strategie von Trump. Dass er den Demokraten den Versuch, ihn abzusetzen, auch persönlich übel nimmt, kann Pelosi so wenig überrascht haben wie das Scheitern des Impeachement-Verfahrens. Ihre Reaktion am Ende von Trumps Ansprache war deshalb keinesfalls spontan oder unbedacht.

Ohnehin überzeugte Trump-Gegner mögen die Geste zwar feiern, doch sie ist vor allem Ausdruck von Frust und Hilflosigkeit. Das politische Amt, das einst mit dem stolzen Beinamen "Anführer der freien Welt" versehen war, wird seit drei Jahren von einem Narziss ohne persönlichen Anstand ausgefüllt, der seine politischen Überzeugungen danach ausrichtet, was ihm opportun erscheint. Dem hat die Demokratische Partei (noch immer) nichts entgegenzusetzen. Trumps Widerwahl ist im Moment wahrscheinlicher als je zuvor.

Es ist verständlich, dass die innerparteilich tief gespaltenen Demokraten die Hoffnung verloren haben, Trump würde sich mit seinen Beleidigungen und tölpelhaften Auftritten in den Augen der Republikaner selbst diskreditieren. Amerikas Konservative haben sich mit der oft würdelosen Amtsführung ihres Präsidenten erstaunlich schnell arrangiert. Doch müssen sich die Demokraten deshalb auf dasselbe Niveau begeben?

Munition für Trumps Wahlkampf

Pelosi kann nicht länger für die Demokraten in Anspruch nehmen, sie würden verantwortungsvoller mit Ämtern umgehen und sie nicht zu billiger Selbstinszenierung missbrauchen. Konservative US-Medien und Politiker schäumen ob des vermeintlichen Skandals und werden die Aufnahmen in den kommenden Monaten immer wieder zeigen, um die Demokraten in den Augen gemäßigter Wähler als "linksradikal" zu brandmarken.

Pelosi hat sich und ihrer Partei einen Bärendienst erwiesen. Das Verhalten der qua Amt wichtigsten Politikerin der Demokraten zeigt, dass die Partei zu Beginn des Präsidentschaftswahljahrs 2020 ohne starke Frau oder Mann dasteht, die der Gegenseite die Hand reichen, das Land versöhnen und so zu neuen Mehrheiten finden könnte.

Quelle: ntv.de