Politik
Dienstag, 06. Mai 2014

Person der Woche: Sergej Lawrow, Putins tänzelnder Boxer

Von Wolfram Weimer

Selten war ein russischer Außenminister so sehr im Mittelpunkt der Weltpolitik wie Sergej Lawrow derzeit. Die Krise der Ukraine macht ihn zur Schlüsselfigur in Putins Schach der Macht. Lawrow wirkt grimmig, ist aber ein verblüffend variantenreicher Mann.

Seit den Zeiten Napoleons und seines unfassbar wendigen Außenministers Talleyrand gab es dieses eigenartige Doppel: grimmiger Herrscher und geschmeidiger Diplomat. Derzeit bestaunt Europa das gleiche Modell bei Wladimir Putin und Sergej Lawrow. Der eine verkörpert die Faust, der andere den Verstand. Der eine die Tat, der andere das Wort. Der eine die Macht, der andere die Verständigung. Bei Putin und Lawrow sind die Rollen schon äußerlich perfekt verteilt. Während Putin schon mal mit nacktem Oberkörper sein Muskelspiel mit wilden Tieren zur Schau stellt, tritt der andere stets in Maßanzügen aus der Londoner City auf. Während Putin die Panzer knurren lässt, versucht sich Lawrow im Gesäusel der Diplomatie.

Ohne den russischen Außenminister Sergej Lawrow würde Putins Machtpolitik so nicht funktionieren.
Ohne den russischen Außenminister Sergej Lawrow würde Putins Machtpolitik so nicht funktionieren.(Foto: REUTERS)

Mit Sergej Lawrow erlebt die Weltöffentlichkeit einen Außenminister von historischem Format. Der sonst so kritische "Daily Telegraph" würdigt ihn - man könne seine Position mögen oder eben nicht - als "besten Außenminister der Welt". Der 63-Jährige ist seit mehr als 10 Jahren die Stimme Russlands und bietet insbesondere den USA Widerworte wie kaum ein Amtskollege zuvor. Während seiner Amtszeit hat er Colin Powell, Condoleezza Rice, Hillary Clinton und nun John Kerry nacheinander zur Weißglut gebracht. Sie haben über Lawrow in Washington den Satz geprägt: "We love to hate him!"

Lawrow verbindet die Sturheit sowjetischer Haltung mit der Eleganz eines modernen Kosmopoliten. Der hochgewachsene Knurrbär spricht neben Russisch, Englisch und Französisch auch Singhalesisch (das er während seiner Attaché-Zeit in Sri Lanka erlernte) und sogar Dhivehi, die Amtssprache der Malediven. Er kann den Betonkopf spielen und zugleich die zarten Saiten des Feingeistes zupfen. Schon viele seiner Kontrahenten haben ihn vollkommen unterschätzt. Lawrow zählt zu seinen Hobbys neben "Rafting" (trotz Ähnlichkeiten im Stil nicht zu verwechseln mit seiner Ukraine-Politik) ausdrücklich "Gedichte schreiben".

Er hat eine ausgeprägte religiöse Seite, ist russisch-orthodoxen Glaubens und Ehrenmitglied in der Kaiserlichen Orthodoxen Palästinensischen Gesellschaft, die Pilgerreisen ins "Heilige Land" organisiert und mit den Völkern des Nahen Ostens humanitär zusammenarbeitet. Die Facetten dieses Mannes sind schillernder als das Publikum ahnt. Einerseits komponiert er die Hymne seiner ehemaligen Diplomatenschule, des Moskauer Staatlichen Institutes für Internationale Beziehungen, und er singt gerne. Andererseits ist er fanatischer Fußballfan von Spartak Moskau, Freund schottischen Whiskeys und bekennender Kettenraucher. Vor einigen Jahren protestierte er gegen die Entscheidung des damaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan, das Rauchen im Uno-Hauptquartier zu verbieten, als ginge es um den Weltfrieden.

"Verlogener Miesepeter"

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Die Doppelgesichtigkeit Lawrows fasziniert viele seiner Gesprächspartner. Die Ex-Außenministerin der USA, Madelaine Albright, sagte jüngst über ihn: "Er ist sehr intelligent und kann charmant wie umgänglich sein. Aber auch das ganze Gegenteil davon." Lawrow verbirgt - was selten ist in diplomatischen Kreisen - seine sarkastische Seite nicht. Er setzt die Fähigkeit zu schwarzem Humor gezielt ein, lässt seine Sauertöpfigkeit als Stilmittel wirken. In der Bush-Administration kamen sie am Ende zum texanischen Gesamturteil: "Er ist ein verlogener Miesepeter." Und doch haben auch sie ihn schwer unterschätzt.

Lawrows Vater war ein Armenier aus Tiflis, seine Mutter stammte aus Moskau. Sie war bereits Funktionärin beim Außenhandelsministerium der Sowjetunion und dirigierte ihren hochbegabten Sohn durch die Kadernetzwerke der Sowjets. 1972 machte Lawrow seinen Abschluss am Moskauer Staatlichen Institut für internationale Beziehungen und wurde als Jungdiplomat zunächst an die Botschaft nach Sri Lanka entsandt. Von 1976 bis 1981 arbeitete er in der Abteilung für internationale Organisationen im sowjetischen Außenministerium und wurde von 1981 bis 1988 zur Delegation der ständigen Vertretung der Sowjetunion bei den Vereinten Nationen nach New York entsandt. 1994 kehrte er - nach einer Zwischenzeit als stellvertretender Außenminister in Moskau - zur UN zurück und profilierte sich als bärbeißiger, ständiger Repräsentant Russlands.

Lawrow lebte also ein volles Jahrzehnt in den USA und kennt die Vereinigten Staaten so gut wie kein anderer Außenminister der Welt. Ihm gelingt es daher immer wieder, die amerikanische Diplomatie mit deren eigenen Waffen zu schlagen - legendär sind die Dispute mit Condoleezza Rice über die Legitimation des Irakkrieges oder der Streit mit Collin Powell über die Streitbarkeit von Wahlergebnissen – nach der umstritten Bush-Wahl in Florida. Lawrow ist ein mit allen Wassern des Hudson-Rivers gewaschener UN-Diplomat, und wenn in der Ukraine-Krise Dringlichkeitssitzungen anberaumt werden, weil Kiew wieder mal einen innenpolitischen Fehler begangen hat, dann zieht Lawrow nur seine alt gelernten Register.

Putin weiß, dass Lawrow nie zum Konkurrent wird

Lawrow hat - ein Erbe seiner New Yorker Jahre - zuweilen die Attitüde eines Spitzenmanagers aus dem Westen. Er geht raumgreifend in Sitzungssäle und wirkt immer - auch eine bewusste Inszenierung - zeitknapp. Sein maßgeschneidertes Outfit würde perfekt an die Wall Street passen, sein demonstratives Selbstbewusstsein und sein Sinn für Risiken auch. Die Zeiten ungelenker Sowjetgrobiane in ausgebeulten Hosen sind vorbei. Seine Botschaft: Das moderne Russland ist selbstbewusst und avantgardistisch – auch wenn es zuweilen kläfft wie einst Chruschtschow.

Für Putin ist Lawrow mittlerweile so wertvoll wie seine maskierten Geheimkommandos in Osteuropa. Wie weiland Talleyrand hält er dem Despoten die diplomatischen Kanäle offen, beschwichtigt (wenn es zu brenzlig wird), droht (wenn es zu unrussisch wird) und schweigt in mindestens sieben Sprachen. Er hat ein gutes Verhältnis zu Frank-Walter Steinmeier, vielleicht weil beide es gewohnt sind, mit Polterchefs geschickt umzugehen. Umgekehrt weiß Putin (wie Schröder bei Steinmeier auch immer sicher sein konnte), dass sein Außenminister ihm selber nie Konkurrenz sein wird. Nur so kann sich Lawrow über mehr als ein Jahrzehnt in diesem Job halten und die Kabale des Kremls überstehen.

Lawrow ist wie Putin von 1991 traumatisiert. Beide betrachten die Gorbatschow-Ära und das Ende des Sowjet-Imperiums als ebenso nationale wie persönliche Schmach. Und beide arbeiten daran, das zu revidieren. "Wir schlagen uns wieder nach oben durch", ist ihre Devise. Der eine boxt dabei direkte Geraden, der andere kann auch tänzeln.

Quelle: n-tv.de

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