Person der Woche

Personen der Woche: Strüngmanns Vom Tegernsee aus die Welt retten

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Andreas und Thomas Strüngmann haben oberbayerische Wurzeln.

(Foto: imago/Ralph Peters)

Zwei oberbayerische Zwillingsbrüder haben Biontech geschaffen und schreiben mit dem Corona-Impfstoff nun Weltgeschichte. In wenigen Tagen wird die Zulassung erwartet, die Welt staunt - doch wer sind die beiden diskreten Milliardäre eigentlich?

Das kleine Mainzer Forschungslabor Biontech wird seit dieser Woche an der Börse mit stolzen 25 Milliarden Euro bewertet. Biontech ist damit viermal so viel wert wie die Deutsche Lufthansa oder die Commerzbank. Denn Biontech hat etwas, worauf die ganze Welt fieberhaft wartet - den ersten Corona-Impfstoff. Das neu entwickelte Vakzin BNT162b2 ist in den klinischen Studien so enorm erfolgreich, dass Biontech mit der Massenproduktion begonnen hat - die amtliche Zulassung wird in wenigen Tagen erwartet. Es wäre der heiß ersehnte "Game Changer" in der Pandemie. Kein Wunder, dass Biontech an der Börse als Aktie des Jahres gefeiert wird und immer mehr Investoren aus aller Welt dabei sein wollen.

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Thomas Strüngmann hat mit seinem Zwillingsbruder Andreas ein Milliarden-Imperium aufgebaut.

(Foto: picture alliance / SZ Photo)

Für den schwächelnden Wirtschafts- und Pharmastandort Deutschland (einst die Apotheke der Welt) ist Biontech endlich wieder eine furiose Erfolgsgeschichte von globalem Format. Dahinter stehen vier Personen, die verblüffend anders sind: zwei Forscher (Ugur Sahin und Özlem Türeci), die miteinander verheiratet sind, obendrein Deutsche mit türkischen Wurzeln. Dazu zwei Investoren (Andreas und Thomas Strüngmann), die einander Brüder sind, Zwillingsbrüder sogar, obendrein Deutsche mit oberbayerischen Wurzeln. Und alle vier sind promoviert. Das ungewöhnliche Quartett ist ein Glücksfall für die Forschung wie für den Kapitalismus.

Denn die vier sind mit Biontech nicht nur erfolgreich sondern auch außergewöhnlich reich geworden. Alle vier sind - was in Deutschland selten passiert - Self-Made-Milliardäre. Das Brüderpaar war schon vor Biontech in die Milliardärsriege aufgestiegen, und da sie Mehrheitsgesellschafter von Biontech sind, stehen sie kurz davor, sogar die reichsten Deutschen überhaupt zu werden.

Diskret, leise und endlos fleißig

Und doch passen die beiden so gar nicht ins Klischee von Milliardären. Sie protzen nicht mit Champagnerpartys im Privatjet oder Jachten mit Hubschrauberlandeplätzen. Sie kaufen sich keine Fußballvereine, Hotels oder Kunsttempel als Bühnen ihrer Selbstdarstellung. Sie sind vielmehr diskret, leise und endlos fleißig. Wer sie in ihren überschaubaren Münchner Büros am Rosenheimer Platz besucht, der sucht vergebens nach Insignien von Macht und Geld, er findet sich in weißer Office-Sachlichkeit und nicht in buntem Glamour wider. Von hier aus investieren die Strüngmänner in allerlei Unternehmungen. Mehr als eine Milliarde haben sie in ein rundes Dutzend Biotech-Firmen gesteckt, nicht alles ging auf, doch die 150 Millionen, mit denen sie Biontech finanziert haben, haben sich besonders gelohnt.

Die Strüngmänner waren schon vor dem Biontech-Coup reich genug, hatten sie doch den Generika-Hersteller Hexal gegründet, aufgebaut und 2005 für 7,5 Milliarden Dollar an Novartis verkauft. Sie hätten sich wie manche amerikanische Milliardäre als Mäzene, Medienmogule oder Weltverbesserer in Szene setzen können. Doch sie wollten keine Besserwisser werden sondern Bessermacher bleiben, der Medizin lieber neue Wegen eröffnen. Und so blieben sie fleißig wie zuvor, noch heute telefoniert Thomas Strüngmann Sonntagabendspät mit Ugur Sahin zur Lage der Firma und der Forschung - und beide sind nach dem Telefonat keineswegs mit der Arbeit fertig.

Die Strüngmänner sind nicht ins Geld verliebt, sie sind ins Gelingen verliebt. Und sie haben einen bübischen Spaß, es "Big Pharma" zeitlebens zu zeigen. Erst dass man Medikamente auch viel günstiger produzieren und verkaufen kann, dann, dass man die Welt viel besser mit Medikamenten versorgen kann und schließlich dass man ganz neue Medikamente und ganz neue Methoden erfinden kann, die nicht aus den riesigen Forschungslaboren der großen Konzerne kommen.

Im Grunde ihres Wesen verkörpern die Strüngmann-Zwillinge die besten Tugenden des deutschen Mittelstands - Autonomie, Fleiß, Mut, Optimierungslust. Sie wirken wie zwei verschmitzte Davids aus den bayerischen Bergen gegen die Goliaths der globalen Pharmaindustrie. Thomas (der promovierte Betriebswirt) und sein eineiiger Zwillingsbruder Andreas (der promovierte Arzt) sind in Rottach-Egern aufgewachsen, gingen in Tegernssee ins Gymnasium und übernahmen 1979 die väterliche, oberbayerische Firma Durachemie.

Wie ein strahlender Junge zu Weihnachten

Und so freut sie mehr als irgendwelche Börsenmilliarden, dass sie es bei Biontech ausgerechnet mit einem Startup geschafft haben. Und dass sie es mit einer mRNA-Methode geschafft haben, die ebenfalls von den Konzernen abgelehnt wurde. Viele in der Branche waren skeptisch - bis hin zu Bill Gates. Die Strüngmänner nicht. Statt wie bei klassischen Ansätzen das Antigen (den Erreger oder Fragmente von ihm) zu verimpfen, auf das das Immunsystem reagieren soll, wird bei mRNA-Impfstoffen die "Bauanleitung" dafür verimpft. Diese Methode könnte ein Durchbruch, ein echter Türöffner für viele neue Anwendungen, etwa in der Krebs- und Allergietherapie werden. "Wir stehen erst am Anfang einer großartigen Geschichte", schwärmt Strüngmann, der sich für sein Mainzer Team und den Biontech-Erfolg freut wie ein strahlender Junge zu Weihnachten, dem das Leben permanent Geschenke macht.

Thomas Strüngmann kann Geschäfte und Geschicke virtuos streicheln, wo andere verbissen kämpfen. Er wirkt auch mit seinen 70 Jahren immer noch auf dem Sprung ins Positive. Es gibt unter Investoren und in der Pharmabranche die Männer der Sorte "Herr Wichtig", er aber ist ein "Herr Möglich". Als Thomas Strüngmann auf dem letztjährigen Ludwig-Erhard-Gipfel inmitten von Vorstandsvorsitzenden und Politikern zur Rede aufgefordert wurde, überließ er lieber der damals völlig unbekannten Forscherin Özlem Türeci die Bühne. Die Wirtschaftselite wunderte sich über die leisen, aber klugen Töne der Unbekannten. Heute kennt sie die Weltöffentlichkeit als die Entwicklerin des Impfstoffes. Und Strüngmann schwärmt von ihr und ihrem Mann. Dem Forscherpaar in Mainz sei etwas "ganz, ganz Großartiges gelungen", es sei "nicht bloß eine Win-Win-Situation für zwei Seiten, sondern eine Rundherum-Win-Situation für alle."

Glaubt er wirklich an seinen Impfstoff und die Unbedenklichkeit? Thomas Strüngmann antwortet: "Ja, unbedingt, ich werde mich sofort impfen lassen." Und dann? "Am Tegernsee ein neues Haus bauen." Dort wo alles mit den ersten Unternehmungen des Vaters, dem Augenarzt Ernst Strüngmann, begann. Und der seinen Söhnen am Sterbebett den Segen gab, Größeres und ganz Großes im Leben zu wagen. Sie haben es befolgt.

Quelle: ntv.de