Gemeinsam allem gewachsen

Leben ohne Plastik "Jeder bestimmt, wie weit er gehen will"

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(Foto: imago images / Westend61)

Vor fünf Jahren starten die Kießlings in ihr persönliches Zero-Waste-Abenteuer. Seitdem hat sich vieles im Leben der inzwischen fünfköpfigen Familie verändert. Stefanie Kießling ist vor allem überrascht, was sie inzwischen alles nicht mehr hat.

n-tv.de: Sie haben 2014 als Familie begonnen, Müll zu vermeiden. Damals sind Sie mit zwei Kindern in eine Doppelhaushälfte gezogen. Was war Ihre Überlegung?

Stefanie Kießling: Wir wollten unseren Müll deutlich verringern. Bei uns gab und gibt es keine gelbe Tonne oder keinen gelben Sack, wir müssen das also selbst zum Wertstoffhof fahren und dort sortieren. Der hat nicht gerade arbeitnehmerfreundliche Öffnungszeiten. Das hat uns den Anstoß gegeben.

Ein Hauskauf und ein Umzug sind nicht gerade ideale Bedingungen für die Müllvermeidung.

Das stimmt, aber für uns war dieses kleine Haus der bezahlbare Glücksfall. Das würde ich immer wieder so entscheiden. Bei den Möbeln würde ich hingegen inzwischen schon wieder einiges anders machen. Damals bin ich in ein großes Möbelhaus gegangen und habe uns möglichst günstige Möbel gekauft. Heute würde ich bei den Kleinanzeigen schauen, da bekomme ich sie sogar aus Holz statt mit Melamin beschichtet.

Kann man denn diese Zero-waste-Strategie auch bei Möbeln und Einrichtungsgegenständen durchhalten?

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Man kann sich an die gleichen Grundregeln halten: refuse, reduce, reuse, repair, recycle, rot, also ablehnen, reduzieren, wiederverwenden, reparieren, recyclen, kompostieren. Das Ziel von Zero Waste ist ja im Endeffekt, dass ein Kreislauf entsteht, in dem keine Rohstoffe verschwendet werden. Wenn ich also die erste Regel beherzige, dann lehne ich beispielsweise bei Vorhängen alle Gardinen aus Kunststoff ab, weil sie später beim Waschen immer Mikroplastik abgeben. Vielleicht brauche ich gar keine neuen Vorhänge, sondern lasse sie ganz weg. Oder ich schaue nach Alternativen aus Baumwolle oder Leinen. Die könnte ich auch gebraucht kaufen auf dem Flohmarkt oder über Kleinanzeigen.

Muss man dann Abstriche beim Stil oder beim Design machen?

Nein, das muss man nicht. Es hängt ein bisschen von der Zeit ab, aber bei Möbelhäusern hat auch nicht ein Anbieter alles so, wie ich es gern kaufen möchte. Ob ich das jetzt auf der Webseite von einem Möbelhaus schaue oder bei Second-Hand-Anbietern, ist letztlich egal. Ich habe so eine wunderschöne Couch gefunden, genauso wie ich sie wollte, für 'nen Appel und 'n Ei'. Die gab es sonst gar nicht mehr so. Aber es ist natürlich eine grundsätzliche Haltung, zu sagen, ich muss nicht alle drei bis vier Jahre mein komplettes Mobiliar auswechseln.

Viele fürchten, dass man dann gar nichts mehr kaufen kann. Wie sehen Sie das?

Jeder bestimmt doch selbst, wie weit er gehen will und wo er hinwill. Das hängt immer von den eigenen Lebensumständen ab. Es gibt da kein Dogma. Es ist natürlich auch eine Frage der Sichtweise. Ich kann mir sagen, ich darf jetzt nicht mehr shoppen gehen und habe nicht mehr die schicksten Klamotten. Oder ich sage mir: Ich habe jetzt nur noch meine Lieblingssachen im Schrank, ich bin immer top angezogen und fühle mich wohl. Man kann immer die negative Seite sehen, dazu tendieren wir. Aber wir müssen das nicht.

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Bedeutet dieser Lebensstil für Sie und auch für Ihre Kinder Einschränkungen?

Man kann das ja nur als einschränkend empfinden, wenn man etwas einschränkt, aber das tun wir nicht. Wir verbieten auch den Kindern nichts, wir versuchen Vorbild zu sein und Sachen zu erklären. Manches sehen sie ein, manches nicht. Mein siebenjähriger Sohn liebt diese in Plastik eingeschweißten Comics, die darf er auch haben. Aber wenn er sein Trinken vergessen hat, kauft er nichts in einer Plastikflasche, sondern nimmt sich einen Becher und trinkt Wasser. Das finde ich super. Anders ist es, wenn jetzt einer nach New York fliegen will. Das ist nicht drin: Erstens finanziell und zweitens wegen des CO2-Ausstoßes. Ich finde es auch legitim, mal nein zu sagen. Aber es ist auch okay, wenn nicht alle in der Familie alles mitmachen wollen.

Müssen Sie denn heute noch über jeden einzelnen Schritt nachdenken?

Nein, vieles hat sich automatisiert. Ich weiß jetzt, wo ich was gut einkaufen kann, wo ich beispielsweise mein Obst und Gemüse unverpackt bekomme. Das ist kein Aufwand mehr. Inzwischen weiß ich auch: Das brauche ich und das brauche ich nicht. Ich kann jetzt viel besser sagen: Nein, danke. Weil ich beispielsweise nicht noch einen Kugelschreiber brauche, auch wenn der ein kostenloses Werbegeschenk ist. Ich finde, wir haben auch immer noch zu viel Spielzeug. Unsere Kinderzimmer quollen früher über, aber vieles wurde nicht benutzt. Heute achten wir darauf, dass wir etwas kaufen oder schenken lassen, mit dem man auf viele verschiedene Weisen spielen kann.

Sie sind durchaus mal mit der Überlegung gestartet, auch Geld zu sparen. Tun Sie das noch?

Ja, aber ich gebe es für andere Sachen aus. Ich häufe jetzt nicht plötzlich Dinge an, aber ich spare beispielsweise jetzt für eine Solaranlage auf dem Dach. Ich versuche schon, dann den nächsten ökologischen Schritt zu machen.

Wie macht sich denn Ihre Müllvermeidung konkret bemerkbar?

Statt auf Konsumgüter setzen wir inzwischen mehr auf Beziehungen und Freunde. Mit denen kann man auch tauschen oder Einkaufsgemeinschaften bilden. Von denen kann man sich beispielsweise mal etwas leihen, es muss ja gar nicht jeder einen Hochdruckreiniger oder eine Bohrmaschine haben. Vor allem aber sind wir zufriedener geworden.

Woran liegt das?

Weil wir Sachen mehr wertschätzen, die wir haben. Außerdem haben wir uns auf das reduziert, was wir tatsächlich brauchen: Das ist befreiend, weil wir viel weniger Ballast haben. Damit spart man am meisten Müll. Wir haben einfach weniger zu tun. Weil wir weniger haben, müssen wir weniger aufräumen. Aber es bringt auch nichts, sich verrückt zu machen. Wenn mal für etwas keine Alternative findet oder es zu umständlich erscheint, dann stelle ich das lieber zurück und mache da weiter, wo es mir leichterfällt.

Hat Sie etwas überrascht, wenn Sie jetzt auf Ihren Lebensstil schauen?

Ich wäre nie darauf gekommen, was ich alles gar nicht brauche. Ich habe einfach ganz viele Sachen nicht mehr.

Was denn zum Beispiel?

Ich habe keine Frischhalte- oder Alufolie mehr. Man könnte Bienenwachstuch nehmen, es geht aber auch ein Teller als Deckel auf einer Schüssel. Ich hab auch keine Windeln mehr gekauft, sondern mir für unser drittes Kind Stoffwindeln organisiert, die ich dann noch weitergeben konnte. Ich habe kein Shampoo, kein Duschgel, keine Flüssigseife mehr, dafür gibt es jetzt ein Seifenstück und Shampooseife. Ich habe keinen Weich- und keinen Klarspüler mehr, sondern ein Baukastensystem mit Zitronensäure und habe so nicht 20 verschiedene Putzmittel im Schrank stehen. Papiertaschentücher, Feuchttücher und Küchenrolle kaufe ich auch nicht mehr.

Brauchen Sie denn noch einen Mülleimer?

Nur noch für Recyclingmüll. Der wird einmal im Monat geleert, dann ist er locker gefüllt.

Mit Stefanie Kießling sprach Solveig Bach

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Quelle: n-tv.de

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