Baden-WürttembergDiese Extremisten bedrohen das Land am stärksten

Islamistische Angriffe, rechtsextremer Nachwuchs und "Wegwerf-Agenten" im Dienste Russlands: Der Staat wird angefeindet, von allen Seiten. Wie gefährlich der Extremismus ist für das Land.
Stuttgart (dpa/lsw) - Hybride Angriffe aus dem Ausland, wachsende extremistische Szenen, mehr Gewalt, Radikalisierung über soziale Medien und gezielte Desinformation: Der neue Verfassungsschutzbericht schlägt Alarm. Die Bedrohungen für den Staat würden immer vielfältiger und komplexer - von Drohnenüberflügen über Infrastruktur bis hin zu Desinformationskampagnen.
Innenminister Manuel Hagel (CDU) sprach bei der Vorstellung des Berichts von zusammengerechnet 20.430 Extremisten in Baden-Württemberg - das sei "eine große Kreisstadt an Extremisten". Davon seien 1.680 gewaltbereit. "Die Gefährdungslage ist praktisch in jedem Jahr hoch und steigert sich in allen Phänomenbereichen", sagte die Verfassungsschutzpräsidentin Beate Bube.
Hybride Angriffe und Spionage
Besonders alarmiert zeigt sich der Verfassungsschutz über hybride Bedrohungen. Dazu zählen Sabotage, Spionage, Cyberangriffe und gezielte Desinformation. Nach Angaben des Innenministeriums setzt Russland weiterhin auf "Low-Level-Agenten", auch "Wegwerf-Agenten", um die Demokratie zu destabilisieren. In Stuttgart etwa stehen drei Männer vor Gericht, weil sie als mutmaßliche Agenten und Saboteure Brandanschläge auf den Güterverkehr geplant haben sollen - im Auftrag des russischen Geheimdienstes.
Auch Wirtschaftsspionage bleibt nach Einschätzung der Behörde eine der größten Gefahren. Baden-Württemberg sei wegen seiner starken Industrie, Forschungseinrichtungen und Rüstungsunternehmen ein bevorzugtes Ziel ausländischer Nachrichtendienste - insbesondere aus Russland und China.
Rechtsextremismus wächst enorm
Der Rechtsextremismus in Baden-Württemberg befindet sich auf dem Vormarsch. Das Personenpotenzial stieg 2025 von 3.140 auf 3.790 und erreichte damit einen neuen Höchststand. Der Verfassungsschutz geht zudem davon aus, dass jedes fünfte der 8.600 Mitglieder des AfD-Landesverbands im Land rechtsextremistisch ist.
Gleichzeitig werde die Szene immer jünger. Jugendorganisationen wie die der neonazistischen Partei Der III. Weg, die Nationalrevolutionäre Jugend, habe etwa Propagandamaterial unter anderem an Schulen im Rems-Murr-Kreis verteilt. Auffällig ist auch zudem die Entwicklung der Gewalt im Rechtsextremismus. Zwar ging die Zahl der rechtsextremistischen Straftaten leicht zurück, gleichzeitig stieg die Zahl der Gewalttaten in dem Bereich von 54 auf 97 deutlich an, vor allem Körperverletzungen im Kontext von Hasskriminalität.
Linksextremisten setzen auf Sabotage
Auch der Linksextremismus bleibt nach Einschätzung des Verfassungsschutzes ein relevantes Sicherheitsproblem. Zwar stieg das Personenpotenzial nur leicht auf 2.730 Menschen, aber Sabotageaktionen und politische Störaktionen machten den Sicherheitsbehörden zu schaffen. Besondere Aufmerksamkeit erregte die Kampagne "Switch off - the system of destruction", die bundesweit Sachbeschädigungen und Brandstiftungen für sich reklamierte. Schlagzeilen machte etwa ein Brandanschlag auf ein Tesla-Auslieferungszentrum in Holzgerlingen im Kreis Böblingen.
Reichsbürger wachsen weiter
Weiter angewachsen ist auch das Milieu der Reichsbürger und Selbstverwalter. Rund 4.400 Menschen werden der Szene inzwischen zugerechnet, etwa jeder Zehnte gilt als gewaltorientiert. Und: "Die Szene versucht zunehmend, ihre Ideologie öffentlich sichtbar zu machen", so das Innenministerium. Im Juli 2025 marschierten nach Angaben des Verfassungsschutzes rund 350 Anhänger bei einem Treffen in Karlsruhe durch die Stadt und propagierten das historische Deutsche Reich als angeblich weiterhin einzig gültige Staatsform.
Islamistische Radikalisierung von Minderjährigen im Netz
Die salafistische Szene umfasst nach Angaben des Verfassungsschutzes weiterhin rund 1.350 Personen. Sorgen bereitet den Sicherheitsbehörden die Radikalisierung junger Menschen im Internet. Besonders Instagram und TikTok spielten eine zentrale Rolle bei der Verbreitung islamistischer Propaganda. Der Zugang zu solchen Inhalten sei "heutzutage leichter als je zuvor", so das Ministerium. Zwar bleibe es meist bei der Verbreitung extremistischer Inhalte, einzelne Fälle führten jedoch zur Vorbereitung schwerer Gewalttaten.
Als Beispiel verweist der Bericht auf den Mannheimer Messerangriff vom Mai 2024, bei dem der Polizist Rouven Laur getötet wurde. Der Täter erklärte später, er sei über soziale Medien und Chatgruppen mit einem Mitglied der Terrormiliz Islamischer Staat in Kontakt gekommen und zur Tat motiviert worden.
Nahostkonflikt wirkt bis nach Baden-Württemberg
Auch der Nahostkonflikt prägt weiter die Sicherheitslage. Extremistische Gruppierungen nutzten Demonstrationen zum Krieg in Gaza nach Einschätzung des Verfassungsschutzes gezielt, um israelfeindliche und antisemitische Botschaften zu verbreiten. Aufmerksamkeit erhielt der Angriff auf das israelische Rüstungsunternehmen Elbit Systems in Ulm im September 2025. Seit April stehen deshalb fünf mutmaßliche Mitglieder des internationalen Netzwerks Palestine Action vor dem Landgericht Stuttgart.