Hamburg & Schleswig-Holstein25 Jahre nach 9/11 - Hamburg hat Islamistenszene im Blick

Die Attentäter vom 11. September 2001 bereiteten ihre Anschläge auch in Hamburg vor. Die Sicherheitsbehörden der Stadt sind seitdem besonders wachsam. Ein Tipp aus den USA half vor fünf Jahren sehr.
Hamburg (dpa/lno) - Knapp 25 Jahre sind seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 vergangen, doch erst seit einem Jahr erinnern Gedenktafeln in Hamburg an die Opfer. Bei deren Einweihung vor dem ehemaligen Gebäude des US-Konsulats an der Außenalster im Juli 2025 sprach Bürgermeister Peter Tschentscher über die große Anteilnahme der Hamburger damals. Der SPD-Politiker fügte hinzu: "Erschrecken und die Betroffenheit waren umso größer, als bekannt wurde, dass einige der Attentäter in Hamburg gelebt, hier studiert und die Anschläge mit vorbereitet und durchgeführt haben."
Drei der vier Todespiloten, Mohammed Atta und Marwan Alshehhi sowie Ziad Jarrah, hatten in Hamburg studiert. Sie waren in den 90er Jahren nach Deutschland gekommen. Atta, Alshehhi und Ramzi Binalshibh, der "Bankier" der Hamburger Terrorzelle, wohnten gemeinsam in der Marienstraße 54. Weitere Mitglieder des Terrornetzwerks Al-Kaida sollen dort aus- und eingegangen sein, darunter Ziad Jarrah.
Atta, geboren 1968 in Ägypten, steuerte eine gekaperte Boeing 767 von American Airlines in den Nordturm des World Trade Centers. Alshehhi, Jahrgang 1978, saß als Pilot in der United-Airlines-Maschine, die den Südturm des World Trade Centers traf. Der aus den Vereinigten Arabischen Emiraten stammende Vertraute Attas war 1996 mit einem Militärstipendium zunächst nach Bonn gekommen, dann studierte er auch in Hamburg.
Ziad Jarrah, der 1975 als Sohn einer wohlhabenden Familie im Libanon zur Welt gekommen war, begann 1996 in Greifswald einen Sprachkurs. Ab 1997 studierte er an einer Hamburger Fachhochschule Flugzeugbau. Er steuerte das entführte Flugzeug von United Airlines, das nach einer Revolte der Passagiere im US-Bundesstaat Pennsylvania abstürzte. Bei den Anschlägen starben insgesamt fast 3.000 Menschen, darunter elf Deutsche.
Islam-AG auf dem Uni-Campus
Atta und Alshehhi waren an der Technischen Universität in Hamburg-Harburg (TUHH) immatrikuliert. Auf dem Campus trafen sie sich in einer Islam-AG. "Die Ereignisse des 11. September 2001 sind Teil der Geschichte der TU Hamburg", erklärt dazu eine Sprecherin der Hochschule. Die Universität habe sich mit dieser Tatsache auseinandergesetzt. Bei der Frage, ob die Hochschule heute besonders auf Extremismus achte und thematisiere, bleibt die Sprecherin vage: "Extremismus und jede Form von Gewalt und Menschenfeindlichkeit haben an der TU Hamburg keinen Platz", versichert sie.
Die damalige Islam-AG auf dem Campus sei eine studentische Initiative gewesen. "Die Universitätsleitung hat die inhaltliche Arbeit der Gruppe nicht als eigene Aktivität der Universität betrieben", erklärt die Sprecherin.
Anschlag zum 20. Jahrestag vereitelt
Die Gefahr islamistischer Anschläge zeigte sich in den vergangenen Jahren auch in Hamburg immer wieder. Kurz vor dem 20. Jahrestag der Anschläge in den USA bereitete ein junger Deutsch-Marokkaner in der Hansestadt einen Bombenanschlag vor. Als er im Darknet eine Schusswaffe und eine Handgranate kaufen wollte, geriet er an einen verdeckt arbeitenden US-Ermittler. Spezialkräfte nahmen den 20-Jährigen wenige Tage vor dem Jahrestag, am 26. August 2021, fest. Das Oberlandesgericht verurteilte ihn am 8. Juli 2022 zu acht Jahren Gefängnis. Das Urteil wurde rechtskräftig, der junge Mann sitzt nach Angaben der Bundesanwaltschaft weiterhin in Haft.
Wie das Gericht bei der Urteilsverkündung feststellt, bildete das familiäre Umfeld den Nährboden für den Hass des Islamisten. Sein Vater habe ihn nach streng religiösen Grundsätzen erzogen und schon als Kind mit in die Al-Kuds-Moschee genommen. In dem Gebäude in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs trafen sich damals auch Mohammed Atta und seine Komplizen. Der Vater des Verurteilten war laut Gericht ein Verantwortlicher der Moschee, die seit 2010 geschlossen ist. In Chats mit seinem Sohn habe er Gewalt gegen "Ungläubige" gutgeheißen. Als Handy-PIN nutzte der Sohn das Datum der Anschläge in den USA: 9112001.
In einem weiteren Fall stoppten die Sicherheitsbehörden in Hamburg die Vorbereitung eines schweren Terroranschlags in Schweden. Mit einem Sprengstoffgürtel wollte ein Syrer möglichst viele Besucher einer schwedischen Kirche töten. Im Dezember 2023 verurteilte das Oberlandesgericht den damals 29-Jährigen zu vier Jahren und neun Monaten Haft.
Im vergangenen Mai verhafteten Spezialkräfte der Hamburger Polizei einen 17-Jährigen. Der Syrer soll nach Angaben der Staatsanwaltschaft geplant haben, eine unbestimmte Anzahl "Ungläubiger" zu töten.
Verfassungsschutz beobachtet islamistische Szene
Für Deutschland gelte weiterhin eine abstrakt hohe Gefährdungslage, erklärt die Innenbehörde wenige Tage vor dem 25. Jahrestag von 9/11. Konkrete Hinweise auf bevorstehende Anschläge gebe es aber nicht. Einzelne Täter, die sich individuell sehr schnell radikalisierten und womöglich auch noch psychisch auffällig seien, blieben jedoch eine Herausforderung für alle Sicherheitsbehörden. "Ein Schwerpunkt der Arbeit des Verfassungsschutzes ist und bleibt daher die Beobachtung der islamistischen Szene", teilt Behördensprecher Daniel Schaefer mit.
Aktuell gebe es in Hamburg 14 Personen, die als Gefährder dem Bereich religiöse Ideologien - damit ist der Bereich Islamismus gemeint - zugeordnet werden. Fünf von ihnen befinden sich auf freiem Fuß. "Seien Sie versichert, dass die Polizei entsprechende Personen im Fokus hat und die Sicherheitsbehörden in Hamburg äußerst wachsam sind", betont Schaefer.
Senator: Größte Gefahr ist der Rechtsextremismus
Der Hamburger Senat begrüßte sowohl die Schließung des vom Iran gesteuerten Islamischen Zentrums Hamburg (IZH) im Juli 2024 als auch das Verbot des Vereins Muslim Interaktiv im November vergangenen Jahres. Nach der Schließung der Blauen Moschee an der Alster, die vom IZH betrieben wurde, sagte Tschentscher: "Dieser Tag tut Hamburgs Stadtgesellschaft gut." Radikaler Islamismus und Antisemitismus hätten keinen Platz in einer weltoffenen, demokratischen und freien Hansestadt.
Laut dem aktuellen Bericht des Hamburger Verfassungsschutzes für 2025 stellen Islamisten die mit Abstand größte Extremistengruppe in der Hansestadt. 1.925 Personen werden dieser Gruppe zugeordnet, 1.610 von ihnen (84 Prozent) werden als gewaltorientiert eingestuft. Zum Vergleich: Das Personenpotenzial der Rechtsextremisten beläuft sich dem Bericht zufolge auf 450 Menschen, 250 von ihnen (56 Prozent) gelten als gewaltorientiert. Nach wie vor sei der Rechtsextremismus "die größte strukturelle Gefahr für unsere Demokratie", sagte Innensenator Andy Grote (SPD) bei der Vorstellung des Berichts im Mai.