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Hamburg & Schleswig-HolsteinViel Arbeit, viel Herz: Wie Lämmer auf einem Hof aufwachsen

19.03.2026, 05:32 Uhr
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Rund 950 Mutterschafe bringt Martina Jensen durch die Lammzeit. Familie, Technik und Leidenschaft wirken zusammen, damit jedes Lamm eine Chance bekommt.

Bordelum (dpa/lno) - Gierig saugen die kleinen Schafe an der Flasche. Innerhalb weniger Augenblicke sind die Flaschen leer. "Der hier bekommt bloß ein bisschen Starthilfe. Der war recht klein, als er geboren wurde", sagt Martina Jensen, als sie mit einer weiteren Flasche zu einem anderen Lamm geht. Die Schäferin aus dem nordfriesischen Bordelum ist gut beschäftigt, denn es ist Lammzeit in Schleswig-Holstein.

Rund 950 Mutterschafe verschiedener Rassen und Kreuzungen hat Jensen. Jedes Schaf bekommt im Schnitt 1,8 Lämmer. Viel zu tun also in diesen Wochen. Die Ställe sind fast rund um die Uhr besetzt. Eigentlich schaffen die Schafe die Geburten alleine, wie Jensen sagt. Und gerade bei Schafen, die ihre ersten Lämmer bekommen, sei es für die Bindung besonders wichtig, dass sie das alleine machen und der Mensch nicht zu viel dazwischenfunkt. "Aber wir haben immer einen Blick drauf."

Für die Schäferin ist es "die anstrengendste, aber auch gleichzeitig die schönste Zeit". "Wenn man sieht, es sind neue Leben auf die Welt gekommen". Da gehe einem jeden Tag wieder das Herz auf.

SH ist drittgrößtes Schafland hinter Bayern und Baden-Württemberg

Nur in zwei deutschen Bundesländern werden mehr Schafe gehalten als in Schleswig-Holstein. "Wir sind drittgrößtes Schafland hinter Bayern und Baden-Württemberg", sagt die Geschäftsführerin des Landesverbands Schleswig-Holsteinischer Schaf- und Ziegenzüchter, Janine Bruser. "Aber die größte Dichte haben wir." So sichtbar wie hier seien Schafe ihrer Meinung nach in keinem anderen Bundesland.

Rund 190.000 Schafe gibt es den Angaben zufolge in Schleswig-Holstein. Jährlich werden innerhalb weniger Wochen im Frühjahr rund 320.000 Lämmer geboren. "Das ist die Jahreszeit, auf die wir alle hingearbeitet haben", sagt Bruser. Die Lammzeit sei eine sehr arbeitsintensive, aber auch die schönste Zeit im Jahr.

Vollzeitjob für Familie Jensen

Die Schäferei Jensen ist ein Familienbetrieb, den Martina Jensen und ihr Vater gemeinsam betreiben. In der Lammzeit helfen Saisonkräfte. Und auch Martinas Mutter, die sonst in einem anderen Beruf arbeitet. An diesem Tag füttert sie ebenfalls Lämmer zu.

Mindestens drei Tage bleiben die Mütter mit ihren Lämmern in einer Einzelbox, bis sie in die größeren Boxen ziehen, wo bis zu zehn, zwölf Schafe mit ihren Jungen zusammen sind. Dort bleiben sie noch mal mindestens zehn Tage. Erst im Anschluss geht es nach draußen - zunächst noch in der näheren Umgebung und noch nicht auf den Deich.

Den Job als Erzieherin für die Schafe an den Nagel gehängt

Bevor Jensen 2022 Vollzeit-Schäferin wurde, hat sie als Erzieherin in Hattstedt, etwa 20 Kilometer entfernt, gearbeitet. Zunächst in Vollzeit, dann in Teilzeit in der Kita und auf dem Hof. Dann nahm fer Hof immer mehr Raum ein. Beiden Berufen gerecht zu werden, wurde schwierig, wie sie sagt. "Auf zwei Hochzeiten tanzen kann man nicht."

Bereut hat sie die Entscheidung bisher nicht, auch wenn die Freizeit gerade in diesen Wochen eher spärlich ausfällt. In der Lammzeit sei es ein 24-Stunden-Job, sagt sie. Die Tiere gehen immer vor: "Für mich gibt es kein Abendbrot, wenn nicht alle meine Tiere versorgt sind." Sie habe sich zum Ziel gesetzt, jeden Tag, jedes Schaf und jedes Lamm einmal in der Hand gehabt zu haben.

Auch Flaschenlämmer haben ein Anrecht auf vernünftige Aufzucht

Besonders am Herzen liegt Jensen auch die Aufzucht der Flaschenlämmer. Kein Mutterschaf müsse mehr als zwei Lämmer gleichseitig säugen, findet die Schäferin. Wenn ein Schaf mehr als zwei Jungtiere geboren hat, wird also eines davon bei Jensens ein Flaschenlamm oder genauer gesagt, ein Automatenlamm. Denn auf dem Hof gibt es einen modernen Automaten, an dem die kleinen Schafe trinken können, wann sie möchten. Über einen Chip wird dokumentiert, wie viel die Kleinen trinken.

Sie stecke ziemlich viel Zeit und Engagement in die Flaschenlämmer, sagt Jensen. "Weil ich persönlich finde, dass jedes Lamm ein Anrecht auf eine vernünftige Aufzucht hat, auch wenn man ein Flaschenlamm ist".

Besten weiblichen Lämmer für die Nachzucht der Mutterschafe

Die männlichen Lämmer gehen alle in den Verkauf. Aus den besten weiblichen Lämmern zieht Jensen ihre Nachzucht, der Rest wird ebenfalls verkauft. Wenn Jensen von Schafen spricht, kommt sie ins Schwärmen. Man unterschätze Schafe eigentlich immer, findet sie. Dabei seien sie sehr intelligent. Ein Schaf kenne seine Artgenossen, seine Menschen. "Also es hat auch Freundschaften, tatsächlich."

Fällt es ihr denn schwer, zu wissen, dass die Lämmer in einigen Monaten geschlachtet werden müssen? Darüber habe sie sich tatsächlich sehr viele Gedanken gemacht, bevor sie Schäferin geworden sei, sagt Jensen. Für sie sei sehr wichtig, dass es ihren Schafen gut gehe. "Und Schafe haben an sich ein sehr schönes Leben, wenn es auch vielleicht ein kurzes Leben sein mag." Sie würden von ihrer Mutter großgezogen, verbrächten ihr Leben am Deich. "Wenn sie artgerecht und gut großgezogen werden, dann kann ich auch damit leben, dass sie geschlachtet werden."

Quelle: dpa

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