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Hamburg & Schleswig-HolsteinKegelrobben in Friedrichskoog rüsten sich für die Freiheit

19.01.2026, 05:02 Uhr
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Von kleinen Heulern zu kräftigen Räubern: In Friedrichskoog fressen sich Kegelrobben-Jungtiere fit für die Freiheit. Was hinter den Kulissen der Seehundstation passiert.

Friedrichskoog (dpa/lno) - Die Seehundstation Friedrichskoog bereitet sich auf die Auswilderung der ersten Kegelrobben des Winters vor. Fünf Jungtiere tummeln sich bereits im Auswilderungsbecken. Auf das tierärztliche Gesundheitszeugnis folgt später ein Antrag bei der Nationalparkverwaltung. "Das wird hoffentlich in den nächsten Wochen der Fall sein", sagt Stationsleiterin Tanja Rosenberger. "Auswilderungen sind ja immer das Ziel unserer Arbeit und für uns auch die schönsten Momente."

Männliche Kegelrobben päppelt das Team auf, bis sie etwa 40 bis 45 Kilogramm auf die Waage bringen. Bei Weibchen sind es 35 bis 40 Kilo. Rosenberger entleert einen Eimer Heringe im Auswilderungsbecken. Es dauert nur wenige Sekunden, dann tauchen mehrere Kegelrobben mit einem Hering im Maul auf. Sie haben die Namen Karlsson, Marieke, Smilla, Andrea und Wellenwaldi bekommen.

"Die kamen als Heuler im Alter von wenigen Tagen", sagt Rosenberger. Marieke beispielsweise brachte bei der Eingangsuntersuchung nur 10,6 Kilogramm auf die Waage und hatte den Kontakt zur Mutter verloren. Allein wäre sie noch nicht überlebensfähig gewesen. In Friedrichskoog kümmern sich die Mitarbeitenden seit Wochen um junge Kegelrobben. Anfangs bekommen sie Lachsemulsion, dann folgen Heringe und andere Fischsorten.

Vier Mahlzeiten

Ein Fisch nach dem anderen fliegt in eines der elf Aufzuchtbecken. Während Kegelrobbe Frötzi sofort abtaucht und den Fisch verschlingt, regt sich Mister Piep 2 auf dem Trockenen unter einer Wärmelampe kein Stück. Das Jungtier hatte bei der ersten Fütterung am Morgen bereits reichlich zugeschlagen, betont Rosenberger. Kommen sie und ihr Team mit Eimern voller Fisch in den Aufzuchtbereich, ist die Aufregung bei den Kegelrobben groß.

"Die Kegelroben werden viermal am Tag gefüttert und wenn sie auf der vollen Fischportion sind, also auch schon großen Hering bekommen, dann wiegt der ungefähr 200 Gramm. Wenn sie da zehn Fische pro Fütterung bekommen, dann sind wir bei acht Kilo am Tag", sagt Rosenberger. An einigen der Tiere in den Becken sind noch Teile des Lanugo genannten Embryonalfells zu sehen.

Diese Saison läuft es in Friedrichskoog bislang gut. "Das letzte Jahr war unser bis dahin schlechtestes mit einer relativ hohen Sterblichkeit, aber die Saison ist eben noch nicht vorbei", sagt Rosenberger. "Und bei Wildtieren, die auch zum Teil eben in sehr schlechtem Zustand zu uns gebracht werden, ist ja auch nicht zu erwarten, dass wir 100 Prozent schaffen." In den vergangenen Jahren hätte die Quote aber stets mehr als 90 Prozent betragen.

Größte Raubtiere

Kegelrobben sind die größten Raubtiere Deutschlands. Sie können nach Angaben der Deutschen Wildtierstiftung bis zu 2,5 Meter lang und 300 Kilogramm schwer werden. Die Tiere sind in Deutschland nach dem Bundesnaturschutzgesetz und der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der EU streng geschützt. Im Gegensatz zu den Seehunden liegt die Geburtenzeit der Kegelrobben im Winter.

Nach Angaben des Vereins Jordsand sind auf der Helgoländer Düne am 11. Dezember die meisten Tiere gezählt worden: 1.049 Jungtiere und 2.115 Kegelrobben insgesamt (10. Dezember 2024: 971 Jungtiere, 1.879 Kegelrobben insgesamt). "Die tatsächliche Zahl an Geburten liegt aber höher", sagt eine Sprecherin. Danach seien weitere Tiere geboren worden. Bei einem weiteren Zähltermin Ende Dezember hätten die ersten Jungtiere die Düne aber bereits verlassen.

Hilfe

Nach Angaben des Vereins Jordsand ist die offizielle Geburtensaison zwar seit Ende 2025 beendet. Im Januar habe es aber noch einen Nachzügler gegeben, sagt die Sprecherin. Nur ein Teil der Jungtiere ist in den vergangenen Wochen entweder verlassen aufgefunden oder aufgrund von Verletzungen durch ältere Tiere in die Seehundstation gebracht worden. "Wir haben derzeit 22 Kegelrobben hier in der Station zur Aufzucht und Reha", sagt Rosenberger. Das seien weniger als in den Vorjahren.

Das Gros der Tiere in Friedrichskoog kommt von der Nordseeinsel. "Helgoland ist so ein Dreh- und Angelpunkt, wo sich sehr viele Tiere aus allen Regionen aufhalten", sagt Rosenberger. Erfahrungsgemäß kehre ein Teil der Kegelrobben nach ihrer Zeit in der Seehundstation dorthin zurück, vielleicht auch Molly. Sie war mit einer massiven Bissverletzung eingeliefert worden. "Die Wunden sind soweit gut verheilt", sagt Rosenberger.

"Kegelrobben sind robuster, sie haben auch ein gigantisches Heilfleisch", sagt Rosenberger. Die Tiere seien auch untereinander ruppiger. Im Vergleich zu den Seehund-Heulern im Sommer müsse ihr Team im Winter bei den Kegelrobben mehr aufpassen. "Unsere Wathosen im Winter sehen schneller sehr gelöchert und getackert aus." Die im Vergleich zu Seehunden größeren Tiere hätten einen "anderen Wumms".

Nach Angaben der Seehundstation kostet die Aufzucht eines Tieres rund 2.000 Euro. Finanziert wird das Ganze durch Eintrittsgeld und 200 bis 300 Patenschaften pro Jahr, die man bereits ab 50 Euro eingehen kann sowie durch Spenden.

Quelle: dpa

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