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Hamburg & Schleswig-HolsteinÖkonom fordert Hightech-Offensive statt Panzer-Nachkauf

13.02.2026, 05:02 Uhr
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500 Milliarden Euro für Verteidigung – doch bleibt Deutschland weiter abhängig von den USA? Ökonom Schularick sieht Chancen, die kaum genutzt werden.

Kiel (dpa/lno) - Der Kieler Ökonom Moritz Schularick fordert einen Kurswechsel in der deutschen Verteidigungspolitik. "Es fehlt ein vernünftiger Plan, mit den grundsätzlich richtigen höheren Verteidigungsausgaben Frieden und Freiheit in Europa zu stärken und dies mit ökonomischen und technologischen Chancen zu verbinden", sagte der Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft im Interview der Deutschen Presse-Agentur. "Der Plan ist aktuell, bis Ende des Jahrzehnts rund 500 Milliarden Euro auszugeben, um am Ende genauso abhängig von den Amerikanern zu sein wie bisher." Das leuchte ihm nicht ein.

Schularick hatte sich bereits vor dem schuldenbasierten Sondervermögen der Bundesregierung für den langfristigen Aufbau von Verteidigungskapazitäten ausgesprochen und eine Ausnahme der Schuldenbremse für Militärausgaben vorgeschlagen.

Der Institutschef sieht für die deutsche Industrie Potenziale in neuen Technologien. "Grundsätzlich haben wir die Chance, jetzt etwa so wie die Chinesen es bei den Elektroautos gemacht haben, eine ganze Generation von Technologie zu überspringen. Statt jetzt in den 1990er Jahren entwickelte Panzer nachzukaufen, für die in den vergangenen 20 Jahren kein Geld da war, sollten wir die Mittel besser gleich in die nächste Generation von Verteidigungstechnologie stecken."

KI statt Soldat?

Deutschland orientiert sich nach Schularicks Dafürhalten noch zu stark an Alttechnologien. "Wir haben bis jetzt 95 Prozent des Geldes für bemannte Altsysteme verplant. Dabei sind wir ein Land, das eine nicht besonders kriegsfreudige Bevölkerung hat, die zudem immer älter wird und abnimmt." Gleichzeitig habe Deutschland viel Kapital und auch Technologie. "Deshalb müsste unsere Verteidigungstechnologie auf Kapital und Technologie basieren und nicht auf Menschen."

Großbritannien habe sich anders als Deutschland entschieden, zu etwa einem Fünftel auf unbemannte Systeme zu setzen, sagte Schularick. "Dementsprechend sollten auch wir unsere Mittel einsetzen." Der Kampfwert von Altsystemen bei künftigen Auseinandersetzungen sei unsicher.

Ziel müsse es sein, so schnell wie möglich das autonom fahrende Militärfahrzeug der Zukunft zu entwickeln, sagte Schularick. Stattdessen bestelle das Land eine vierstellige Zahl an Radpanzern vom Typ Boxer, für die man ebenso viele Fahrer brauche. Für den Ökonomen ein Strategiefehler.

"25 Millionen Euro teure Panzer können von einer Drohne kampfunfähig gemacht werden, die vielleicht 50.000 Euro kostet", sagte Schularick. "Und wir haben die geniale Idee, dem Panzer ein zweites bemanntes System an die Seite zu stellen, um den Panzer zu schützen." Sinnvoller sei, gleich in unbemannte Systeme zu investieren. Panzerfahrer ließen sich in Deutschland ohnehin nicht einfach finden.

Handarbeit statt Serienfertigung

Versäumnisse sieht der Ökonom auch im Bereich der Luftabwehr. "Wir haben es seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine in den vergangenen vier Jahren nicht geschafft, die industriellen Kapazitäten und Möglichkeiten Deutschlands und Europas so einzusetzen, dass wir zum Beispiel deutlich mehr Flugabwehrraketensysteme vom Typ Iris-T produzieren. Das ist wirklich Manufakturarbeit, Handarbeit von Liebhaber-Stücken und keine industrielle Serienfertigung." Dort seien industrielle Potenziale noch zu heben.

Für Schularick fehlt es auch an wirtschaftlicher Planung für den Fall eines direkten Konflikts. "Die Planung ist jetzt, wieder volle Regale zu haben. Aber wir haben keinen Plan für den Fall, dass die Hälfte der Regale wieder leer ist nach einem halben Jahr." Niemand plane aktuell Produktionskapazitäten. "Wie viele Millionen Drohnen sollte Deutschland aber in der Lage sein, pro Jahr zu produzieren? Wie viele Luftabwehr-Raketen? Wie viele Marschflugkörper vom Typ Taurus?"

Quelle: dpa

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