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Hamburg & Schleswig-HolsteinStutthof-Prozess: Aussage zu Angeklagter sorgt für Aufsehen

06.09.2022, 01:50 Uhr
Ein-Mikrofon-in-einem-Gerichtssaal
(Foto: Friso Gentsch/dpa/Symbolbild)

Als 15-Jähriger kommt Chaim Golani ins KZ Stutthof und muss dort im Krematorium arbeiten. Vor dem Lagerkommandanten und einer Frau in SS-Uniform hat er große Angst. Könnte diese Frau die KZ-Sekretärin gewesen sein, die jetzt vor dem Landgericht Itzehoe angeklagt ist?

Itzehoe (dpa/lno) - Mit einer vermeintlichen Erinnerung an die Angeklagte hat ein Zeuge im Itzehoer Prozess gegen eine ehemalige KZ-Sekretärin für Aufsehen gesorgt. "Diese Frau, die dort sitzt, hat immer den Kommandanten begleitet, morgens und abends, sie hat alles mit angesehen, sie hat uns verflucht und erniedrigt", sagte am Dienstag der Nebenkläger Chaim Golani über eine Videoverbindung aus Israel. Der 92-Jährige ergänzte nach den Worten eines Dolmetschers: "Sie hat häufig SS-Uniform getragen, Stiefel. Wir hatten Angst vor dieser Frau."

Als der Vorsitzende Richter Dominik Groß einige Zeit später nachfragte, wo er diese Frau gesehen habe, antwortete Golani: "Ich persönlich kannte sie nicht, ich weiß nichts über sie. Ich habe sie nie gesprochen oder direkt gesehen." Während der Anhörung des Zeugen in dessen Wohnung saß neben ihm nach Angaben seines Anwalts Hans-Jürgen Förster der Direktor des Simon Wiesenthal Centers in Israel, Efraim Zuroff.

Angeklagt in dem Prozess vor dem Landgericht Itzehoe ist die 97 Jahre alte Irmgard F. Sie soll von Juni 1943 bis April 1945 als Zivilangestellte in der Kommandantur des Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig gearbeitet haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, durch ihre Schreibarbeit Beihilfe zum systematischen Mord an mehr als 11.000 Gefangenen geleistet zu haben.

Förster erklärte nach der Gerichtsverhandlung zu der Aussage seines Mandanten: "Das ist mit Sicherheit ein Erinnerungsfehler." Aufgrund der Macht und der Bedrohung, die von dem SS-Mann ausging, werde er ihn für den KZ-Kommandanten gehalten haben. "In Wirklichkeit wird es sich um einen Befehlsgeber unterhalb des Kommandanten gehandelt haben, der sehr wohl von einer Frau in Stiefeln und SS-Uniform begleitet worden sein könnte."

Golani war nach eigenen Angaben zwischen dem 15. und 20. Dezember 1943 zusammen mit seinem Vater nach Stutthof gebracht worden. Zuvor sei er in einem KZ in Tallinn (Estland) gefangen gehalten worden. In Stutthof habe er zunächst im Wald und dann zwei bis drei Wochen im Krematorium arbeiten müssen. "Jeden Tag hat man dort Leichen verbrannt, und ich war dabei", sagte Golani. Unter Bewachung durch SS-Leute hätten sie den Toten die Schuhe ausziehen und nach Wertsachen suchen müssen. Die Leichen seien aus Stutthof und anderen Lagern zur Verbrennung gebracht worden. Der Gestank sei unerträglich gewesen.

Der Zeuge erinnerte sich an Appelle, zu denen die Gefangenen dreimal am Tag in langen Reihen antreten mussten. Dabei seien sie von SS-Leuten verprügelt und mit der Peitsche geschlagen worden. "Es wurde immer verprügelt, egal was wir gemacht haben." Viele Gefangene seien infolge der Prügel und der harten Arbeit gestorben. Mitte Februar 1944 sei er von Stutthof weggebracht worden, in Richtung Freiburg. Bei seiner Befreiung durch die französische Armee habe er nur noch 30 Kilogramm gewogen.

Auf Frage des Richters bestätigte Golani, dass er früher Lewin geheißen und seinen Namen nach dem Krieg geändert habe. Laut einem Dokument aus dem Forschungszentrum der Gedenkstätte Stutthof seien er und sein Vater am 23. August 1944 in das KZ gebracht worden, sagte Groß. "Nein, wir kamen im Winter nach Stutthof", widersprach der Zeuge. Sein Anwalt machte ihn auch auf das abweichende Geburtsdatum auf dem Dokument aufmerksam, wonach er bereits im Juni 1926 geboren worden sei, und fragte, ob er sich im KZ älter gemacht habe. "Ja, das war das System, wie man am Leben bleiben konnte", sagte Golani.

Auf weitere Nachfragen von Förster erwiderte der Zeuge: "Keiner von Ihnen hat das mitgemacht, was ich erlebt habe. Vielleicht ist das nicht kohärent, aber es ist wie es ist." Das Gericht hat bereits sieben andere Überlebende und einen ehemaligen Wachmann des Lagers vernommen. Keiner von ihnen konnte Angaben zu der Angeklagten machen. Golani ist nach Angaben des Gerichts voraussichtlich der letzte Nebenkläger, der in dem Prozess als Zeuge ausgesagt hat.

Quelle: dpa

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