HessenSpielen, Stricken, Gassigehen - Freizeit in Gruppen im Trend

Einsam daheim sitzen war gestern - nach Jahren der Nach-Pandemie-Flaute suchen viele Leute wieder nach Ausgehmöglichkeiten in Gesellschaft. Davon können auch Veranstalter und Gaststätten profitieren.
Frankfurt/Wiesbaden/Bad Homburg (dpa/lhe) - Lust auf eine Runde Doppelkopf oder einen Restaurantbesuch, aber es fehlen Mitspieler oder die passende Begleitung? Über digitale Helfer wie Apps lassen sich unkompliziert Gleichgesinnte für unterschiedlichste Freizeitaktivitäten finden. Wer früher alleine am Küchentisch gebastelt oder einsame Runden mit seinem Hund gedreht hat, kann sich heute zum Kreativtreff im Café verabreden oder sich einer Gassi-Gruppe anschließen.
Spontane Gemeinschaftsevents haben wachsenden Zulauf und eröffnen Chancen auf neue Kontakte. Das beschert auch manchen Restaurants und Kulturzentren wieder mehr Besucher, die seit der Pandemie teils arg gelitten hatten.
Stricken und Kino - wie passt das zusammen?
Davon profitiert etwa das in Darmstadt ansässige Kino-Unternehmen Kinopolis. Seit einiger Zeit lädt es auch an mehreren hessischen Standorten das handarbeitsaffine Publikum zu "Wollkino"-Vorstellungen. Während auf der Leinwand der Film läuft, können die Besucherinnen und Besucher die Stricknadeln klappern lassen. "Die angepasste Lichtstimmung im Saal sorgt dafür, dass Du sowohl das Kinoerlebnis in vollen Zügen genießen als auch in Ruhe stricken kannst – ohne Deine Augen zu überanstrengen", wirbt etwa das Kinopolis Bad Homburg auf seiner Homepage für eine Vorstellung. "Perfekt für alle, die Filme lieben und gleichzeitig ihre Strickprojekte weiterführen wollen."
Hessenweit in drei Kinos der Gruppe in Darmstadt, Gießen und Bad Homburg gibt es Wollkino-Vorstellungen. "Das Format ist noch relativ neu und befindet sich in einer Ausbauphase, aber wir sehen bereits jetzt, dass es sehr gut angenommen wird", sagt eine Kinopolis-Sprecherin. Auch jüngere Gäste fühlten sich angesprochen und auch Menschen, die gar nicht zum Stricken kommen - sondern wegen des gemeinsamen Erlebnisses. Sie kämen leichter ins Gespräch, "es bildet sich ganz natürlich eine kleine Community, die sich über das gemeinsame Interesse verbindet", sagt die Kinopolis-Sprecherin.
Gerade mit Blick auf die Konkurrenz von Streaming-Plattformen seien Formate wie das Wollkino auch "ein bewusst gesetzter Ansatz". Man arbeite daran, den Kinobesuch stärker zu "eventisieren" - von Familienformaten bis hin zu Erlebnissen wie Dolby Cinema oder besonderen Premierenabenden. Gestrickt werden darf auch in anderen Kinos - in Frankfurt etwa in der Astor Film Lounge und den Arthouse Kinos.
Gruppentreffs in Restaurant und Kneipe - aber bitte zuverlässig
Auch Spieleabende und Quizrunden finden längst nicht mehr nur in Freundeskreisen in heimischen Wohnzimmern statt, sondern sorgen auch für Geselligkeit in Kneipen, Clubs und Restaurants. Der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga Hessen sieht die Entwicklung hin zu mehr Gruppenevents in der seit der Pandemie durch die Konsumzurückhaltung gebeutelten Gastronomie grundsätzlich positiv.
Vor allem für Wirte, die sich aktiv einbringen und digitale Plattformen oder Apps nutzen, um Gäste anzusprechen oder für ihre Angebote zu werben, könne das eine Chance sein, sagt der Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands, Gisbert Kern. "Die Event-Gastronomie ist tatsächlich ein Trend." Allerdings bestehe auch ein gewisses Risiko, dass Tischreservierungen für die teils unverbindlich organisierten Grupprentreffs kurzfristig wieder abgesagt würden und Lokalbetreiber dann vergeblich Waren und Personal vorhalten.
Direkte Publikumsansprache über App
Über Rückenwind für die gebeutelte Kultur durch die wieder auflebende Lust aufs Ausgehen in Gesellschaft freut sich Gert Schroeder. Der Rechtsanwalt und seine Partnerin Jutta Matthaei haben im Bad Homburger Stadtteil Ober-Erlenbach in ihren eigenen Wohnräumen das "Arthouse Zehntscheune" geschaffen, einen Veranstaltungsort für Kunst und Musik, Theater und Literatur.
Das Publikum dafür spricht Schroeder auch über die Socializing-App Meet5 an, die aus einem Frankfurter Start-up hervorgegangen ist und Menschen mit ähnlichen Freizeitinteressen zu Gruppenaktivitäten zusammenbringen will - ähnliche Konzepte verfolgen etwa Apps wie Meetup und Spontacts. Rund drei Millionen registrierte Nutzer hat Meet5 nach Angaben einer Sprecherin, alleine im Rhein-Main-Gebiet seien es rund 50.000 aktive User, die sich pro Monat an rund 40.000 Treffen beteiligten.
Steht ein Event an, lädt Schroeder kulturinteressierte App-User dazu ein und kann so aktiv für Zuschauer und Zuhörer der Veranstaltungen im Arthouse Zehntscheune sorgen. Die seien zumeist in mittlerem Alter, ein "bisschen intellektualisiert" und brächten Begeisterung für Kunst- und Kulturgenuss in Gesellschaft mit.
Auch Sport- und Wandertreffs beliebt
Aber auch zum Sport, Tanzen und vielen anderen Freizeitaktivitäten finden sich zunehmend Menschen zusammen, die sich teils noch nie zuvor gesehen haben. Während manche Vereine über Mitgliederschwund und einen Mangel an Ehrenamtlern klagen, kommen flexible Treffen ohne Termin- und Leistungsdruck etwa bei manchen Berufstätigen gut an.
Auch Wandern in der Gruppe ist beliebt - und wird mittlerweile häufig über Gruppen in Sozialen Netzwerken oder über Apps organisiert. Ein Sprecher des Deutschen Wanderverbandes sieht das als Chance - einerseits um mehr Menschen fürs Wandern und für ein Engagement im Verein zu gewinnen, aber auch, um den Gemeinschaftssinn in der Gesellschaft wieder anzukurbeln. Gerade weil keine großen Vorbedingungen dafür nötig sind, sei Wandern das perfekte "Gegenmittel" gegen Einsamkeit.