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HessenStrommasten und Bahnanlagen: Wo Störche für Probleme sorgen

07.05.2026, 04:02 Uhr
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Immer mehr Störche nisten auf Strommasten und Bahnanlagen in Hessen. Das birgt Gefahren für Tiere und Infrastruktur – und stellt Netzbetreiber vor große Herausforderungen.

Kassel (dpa/lhe) - In Hessen klappert es gewaltig: Die Zahl der Störche im Land steigt stetig. Das bringt auch Probleme mit sich. Denn immer öfter suchen sich die Vögel einen gefährlichen Nistplatz. Die Tiere bauen laut dem Ornithologen Bernd Petri ihre Nester zunehmend auf Strommasten.

"Besonders in Südhessen nisten sehr viele Störche auf Hochspannungsmasten", sagt der Gutachter und ehrenamtliche Weißstorchexperte beim Naturschutzbund Hessen (Nabu). Das stelle eine erhebliche Gefahr für die Störche dar und führe zu Millionenschäden bei den Netzbetreibern. Denn die Vögel kommen häufig durch Stromschläge oder Kollisionen zu Tode. Und ihr Nistverhalten kann zu Stromausfällen führen, etwa wenn sich überhängendes Nistmaterial entzündet.

In diesem Jahr sei eine deutliche Zunahme an Nestern auf Strommasten zu verzeichnen. Besonders betroffen sind laut Petri die Kreise Groß-Gerau, Darmstadt-Dieburg und Main-Kinzig. Die Netzbetreiber versuchten, die Tiere zu vergrämen - allerdings mit überschaubarem Erfolg. "Der Storch ist ein Nistplatz-Traditionalist. Wenn er sein Nest einmal dort gebaut hat, will er immer wieder zurück", erklärt Petri. "Es müssen jetzt neue Ideen und Lösungsstrategien entwickelt werden."

Gewicht wird zur Gefahr

Um Konzepte zum Umgang mit den Störchen zu entwickeln, arbeiten die Unternehmen nach eigenen Angaben mit Behörden und Verbänden zusammen. Der Energieversorger Syna berichtet, regelmäßig würden Störche – in der Regel tödlich – verletzt, Nester gerieten in Brand. "Das kann zu Versorgungsunterbrechungen führen, sei es durch einen Erdschluss oder aber durch die Freischaltung der Masten, um brennende Nester zu löschen oder tote Vögel zu bergen", erläutert eine Sprecherin.

Zudem seien die mehrere Hundert Kilo schweren Nester ein Grund zur Sorge. "Das Gewicht kann sich auf die Statik der Masten auswirken, die nicht darauf ausgelegt sind, ein so hohes Zusatzgewicht zu tragen."

Nester werden entfernt

Das größte Storchenaufkommen sehe man im Rhein-Main-Gebiet in den Bereichen Hochheim und Wallau. Um die Gefahr brennender Nester und die Zahl der toten Störche zu minimieren, müssten die Nester von den Masten entfernt werden. Im Anschluss würden die Masten mit einer Art Ballon vergrämt, um zu verhindern, dass die Vögel dort erneut landen oder Nester bauen können. "Stattdessen wird versucht, den Störchen andere Nistplätze anzubieten."

Derzeit würden aufgrund der Brut- und Setzzeit von Anfang März bis Ende September keine Maßnahmen mehr ergriffen - "es sei denn es kommt zu unmittelbaren Störungen oder Gefährdungen für das Hochspannungsnetz".

Windräder als Alternative

Die Herausforderung sei, die Störche von den Masten zu entwöhnen und damit die Voraussetzungen zu schaffen, dass sie sich auf natürlichen Strukturen wie groß wachsenden Bäume niederlassen. "Bisher sind die Vergrämungen nur teilweise wirksam, weswegen wir in der kommenden Periode auf eine andere Technik zurückgreifen werden."

Künftig sollen Windräder auf die Masten aufgebaut werden. Im Bereich Wiesbaden und Mainz seien sie bereits erfolgreich im Einsatz. Petri zufolge ist die Methode bislang am effektivsten. "Allerdings müssen die Windräder langstielig und größer sein, ansonsten blockieren die Störche sie mit Ästen."

Auch die Avacon Netz GmbH hat Probleme mit Storchennestern an Strommasten - vorwiegend in den Kreisen Wetterau und Main-Kinzig. Der Stromversorger setzt ebenfalls auf die Entfernung der Nester außerhalb der Brut- und Setzzeit und installiert Vergrämungsmaßnahmen. Es seien schon mehrere Maßnahmen ergriffen worden, erklärt ein Sprecher. "Bis jetzt hat keine einen hundertprozentigen Erfolg gezeigt."

Nester auch auf Bahnanlagen

Doch nicht nur Strommasten, auch bahntechnische Anlagen werden zunehmend als Niststandorte genutzt. Es handele sich insgesamt nicht um ein flächendeckendes Problem, jedoch um lokal gehäufte Vorkommen mit betrieblicher Relevanz, teilt die Deutsche Bahn mit."Aktuell sind insbesondere das Kinzigtal entlang der Strecke 3600 sowie der Abschnitt Gießen–Wetzlar auf der Strecke 2651 betroffen", erläutert eine Sprecherin.

"Storchennester auf Bahnanlagen können erhebliche sicherheitsrelevante Auswirkungen haben", erklärt sie. Besonders eingetragenes Nistmaterial könne Kurzschlüsse oder elektrische Überschläge an der Oberleitungsanlage verursachen. Die möglichen Folgen: Beschädigungen an Oberleitungen und Isolatoren, erhöhtes Brandrisiko und Einschränkungen im Bahnbetrieb.

Betriebssicherheit und Tierschutz

Die Deutsche Bahn verfolge einen präventiven Ansatz in Kombination mit technischen Sicherungsmaßnahmen und enger Abstimmung mit dem Naturschutz. So würden unter anderem alternative Nistplattformen in sicherer Entfernung zur Bahninfrastruktur errichtet und Nester in Abstimmung mit und nach Freigabe durch den Nabu entfernt. "Ein unmittelbares Eingreifen erfolgt ausschließlich bei akuter Gefährdung – sowohl für das Tier als auch für den Eisenbahnbetrieb", betont die Sprecherin.

Die Maßnahmen zeigten insgesamt positive Wirkung. "In vielen Fällen konnten betriebliche Störungen reduziert und alternative Nistangebote erfolgreich angenommen werden." Gleichzeitig bleibe die Entwicklung in Regionen mit wachsender Population dynamisch. Eine kontinuierliche Anpassung und Weiterentwicklung der Maßnahmen sei erforderlich. "Ziel bleibt es, die Betriebssicherheit dauerhaft zu gewährleisten und gleichzeitig den Schutz der Tiere sicherzustellen."

Quelle: dpa

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