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Hessen Studie beleuchtet Gewalt gegen Gerichtsvollzieher

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Für einige Beschäftigte im öffentlichen Dienst gehören Beleidigungen und Angriffe zum Alltag. Manche Berufsgruppen sind besonders stark betroffen, wie Gießener Kriminologen zeigen.

Frankfurt/Main (dpa/lhe) - Beschimpfungen, Anfeindungen, Attacken: Gerichtsvollzieher sowie Beschäftigte in Jobcentern und der Agentur für Arbeit erleben immer wieder teils massive Gewalt. Für diese Berufsgruppen zeige sich "eine besondere Belastung mit Gewalt und Aggressionen, die vielfältige Schutz- und Unterstützungsmaßnahmen erfordern", heißt es in einer am Dienstag vorgestellten Studie von Gießener Forschern im Auftrag des hessischen Landesverbands des Deutschen Beamtenbunds (dbb). Die Bandbreite reiche von bereits als "normal" empfundenen Beleidigungen, Psychoterror bis zu Angriffen und versuchter Tötung, berichtete Kriminologin Britta Bannenberg.

Der dbb kritisierte, dass Beschäftigte nach Vorfällen im Stich gelassen würden: "Häufig erfahren Beschäftigte, die Opfer von Bedrohungen, Beleidigungen oder gar körperlicher Gewalt geworden sind, keine Unterstützung durch ihre Vorgesetzten", sagte der Landesvorsitzende Heini Schmitt laut Mitteilung. Die Folge sei, dass Opfer lange unter dem Einfluss ihrer traumatischen Erlebnisse stünden, viele würden über einen Berufswechsel nachdenken.

Es gebe vieles im Berufsalltag von Gerichtsvollziehern, das nicht problematisch sei, sagte Bannenberg mit Blick auf die Untersuchung, für die laut ihren Angaben rund 20 Beschäftigte ausgiebig befragt worden waren. "Aber wenn es zu Gewalterleben kommt, dann waren auch sehr, sehr heftige Erfahrungen zu verzeichnen." Betroffene beklagten nach solchen Vorfällen vielfach auch eine "kühle und desinteressierte Haltung" der Vorgesetzten, heißt es in der Studie.

Besonders gefahrenträchtige Situationen für Gerichtsvollzieher sind der Erhebung zufolge Zwangsräumungen oder Inobhutnahmen von Kindern. Eine Rolle spiele auch, dass diese in der Regel alleine unterwegs seien und zu den Schuldner nach Hause kommen. Die Befragten erlebten auch schon bei scheinbar banalen Anlässen Gewalt. Zudem seien bei den Befragungen Probleme mit sogenannten Reichsbürgern genannt worden. "Das ist nicht untypisch, weil diese ja den Staat generell infrage stellen", so Professorin Bannenberg.

Bei den Arbeitsagenturen und den Jobcentern fielen insbesondere die Eingangszonen als gefahrenträchtig auf. Zu den Gewalterfahrungen der Befragten gehören Beleidigungen - auch und gerade gegen Frauen -, Attacken mit Gegenständen, Bedrohungen mit Schusswaffen oder Messern, Einsperren im Büro bis hin zu körperlichen Angriffen.

Die Forscher stellten verschiedene Maßnahmen vor, um auf das Problem zu reagieren: Dazu gehören unter anderem spezielle Schulungen, Schutzausrüstung, Notfallsysteme, ausreichend Sicherheitspersonal oder psychologische Betreuungsangebote.

"Viele unserer Forderungen und Lösungsansätze wurden in den Befragungen fast gleichlautend von den Betroffenen formuliert", sagte dbb-Landesvorsitzender Schmitt. Das Gewalt-Phänomen könne nur bekämpft werden, wenn alle Beteiligten mitmachten. Man bekomme den Eindruck, dass die Verantwortlichen in der Politik "die wahren Dimensionen der Problematik gar nicht erfahren" wollten.

Die Studie der Gießener Kriminologin baute auf eine im vergangenen Jahr vorgestellte Erhebung auf. Diese identifizierte unter anderem Polizisten, Gerichtsvollzieher und Bedienstete im Justizvollzug als Berufsgruppen des öffentlichen Diensts in Hessen mit den gravierendsten Gewalterfahrungen.

Bei der neuen Untersuchung handelt es sich den Studienmachern zufolge um eine qualitative Befragung von 23 Beschäftigten aus Hessen und teils auch aus anderen Bundesländern. Ziel war es demnach, Details zu erfahren und ein besseres Verständnis der Gewaltsituationen zu bekommen. Trotz der kleinen Zahl der Befragten ließen sich aussagekräftige Erkenntnisse ableiten, so Bannenberg.

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