Hessen"Violence as a Service": Neue Herausforderung für Polizei

Die Frankfurter Polizei spricht von einer "neuen Qualität der Kriminalität". Was steckt hinter dem Phänomen "Violence as a Service"? Und welche Bilanz ziehen die Beamten noch für das Jahr 2025?
Frankfurt/Main (dpa/lhe) - Wie steht es um die Zahl der Straftaten in Frankfurt? Was hilft bei der Bekämpfung der Straßenkriminalität - etwa im Bahnhofsviertel? Wie entwickelt sich die häusliche Gewalt? Und was ist mit "Violence as a Service" gemeint? Die Polizei in Hessens größter Stadt hat ihre Kriminalstatistik 2025 vorgestellt. Die wichtigsten Fragen und Antworten.
Was hat es mit dem Phänomen "Violence as a Service" auf sich?
Das ist eine relative neue Form, bei der Gewalt wie eine Dienstleistung angeboten wird, erklärt der Leiter Kriminaldirektion, Viktor Lekic. Kriminelle Netzwerke lagern hierfür die Vorbereitung und Durchführung von Gewalthandlungen gegen einen Lohn an Dritte aus. "Häufig werben sie Minderjährige oder junge Täter an, die dann Drohungen, Angriffe oder Tötungen gegen Bezahlung ausführen", schreibt dazu das Bundeskriminalamt. Die Anwerbung erfolge oft über Plattformen oder Messenger-Dienste.
Gibt es ein konkretes Beispiel?
Erst Anfang der Woche hat das Landgericht Frankfurt einen 15-Jährigen wegen eines Brandanschlags auf ein Café zu einer Jugendstrafe von vier Jahren und drei Monaten verurteilt - unter anderem wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung in fünf Fällen. Der Teenager hatte laut Gericht im Sommer 2025 eine selbstgebaute Kugelbombe mit mehreren Litern Brandbeschleuniger in das Café in Bockenheim geworfen. Dort war der Sprengsatz detoniert und hatte den Raum komplett in Brand gesetzt.
Der Wirt konnte durch sein Eingreifen vier Gäste und sich weitgehend unversehrt ins Freie bringen. Der Täter aus den Niederlanden war laut Ermittlungen per Snapchat angeworben und für die Tat nach Frankfurt gebracht worden. Laut Polizei hatte es auch in anderen Frankfurter Fällen Festnahmen in den Niederlanden gegeben. Oftmals gehe es um Anschläge auf Bars oder Cafés, vermutlich im Zusammenhang mit Bedrohungen wegen Schulden.
Wie stellt sich die Polizei auf die neuen Entwicklungen ein?
"Im vergangenen Jahr haben wir mehrere schwere Straftaten festgestellt, die wir dem Muster "Violence as a Service" zuordnen", sagt Lekic. Unerfahrene Jugendliche werden demnach als Täter missbraucht, die Auftraggeber bleiben dagegen im Hintergrund und sind nur schwer zu greifen. Lekic spricht von einer "neuen Qualität der Kriminalität" und einer "besonderen Herausforderung". Das Phänomen wird die Polizei weiter beschäftigen, denn inzwischen werden die Täter "vor unserer Haustür im Rhein-Main-Gebiet rekrutiert".
Was zeigt die Bilanz noch, wie steht es um den Tatort Frankfurt?
Insgesamt blieb die Zahl der registrierten Straftaten nahezu unverändert. So gab es einen minimalen Anstieg von 0,3 Prozent auf 113.603 Fälle. Die Aufklärungsquote lag bei 62,5 Prozent. Das vierte Jahr in Folge gab es mehr Delikte in den Bereichen Beleidigung, Bedrohung und Körperverletzung - und zwar von insgesamt 14.520 auf zusammen 16.005 Fälle. "Die Zündschnur vieler Menschen ist kurz, der Umgang innerhalb der Gesellschaft rau", sagt Polizeipräsident Stefan Müller.
Mord, Vergewaltigung, Totschlag: Wie sind hier die Zahlen?
Im Bereich Mord und Totschlag kam es zu 72 versuchten und 6 vollendeten Fällen. Die gute Nachricht: Das sind elf vollendete Taten weniger als im Jahr zuvor. Im Bereich der Vergewaltigung, sexuellen Nötigung und Belästigung gab es dagegen einen klaren Anstieg um rund 30 Prozent auf 722 Fälle. Zudem gebe es eine hohe Dunkelziffer, so die Polizei. In den meisten Fällen bestehe eine Beziehung zwischen den Tätern und Opfern.
Wie steht es um die häusliche Gewalt?
Die Zahlen sind ebenfalls erschreckend. In diesem Bereich, zu dem etwa häusliche Körperverletzung, Stalking, Bedrohung und Sexualdelikte bis hin Mord zählen gab es ein Plus von 10,7 Prozent auf 2.281 Fällen - ein neuer Höchststand. Lakic betont: In den meisten Fällen gehe es um männliche Machtausübung. Und: Auch hier spiele die Verrohung der Gesellschaft eine Rolle. Der Anstieg liege aber auch an einer höheren Anzeigebereitschaft.
Den Opfern, 80 Prozent von ihnen Frauen, werde ein umfangreiches Hilfsangebot unterbreitet. Mögliche Maßnahmen seien Gefährderansprachen, Platzverweise oder mehrtägigen Ingewahrsamnahmen. Immer häufiger komme es zum Einsatz elektronischer Fußfesseln.
Was ist mit der Straßenkriminalität - etwa im Bahnhofviertel?
Ein Hauptaugenmerk der Polizei liegt auf der Bekämpfung des Straßenraubs. Hier wurden die Straftaten im Bahnhofsgebiet in den vergangenen beiden Jahren nahezu halbiert, wie Müller sagte. Gleichzeitig stieg die Aufklärungsquote auf über 50 Prozent. Gründe dafür seien die hohe Polizeipräsenz sowie Videoüberwachung, mit der den Angaben zufolge stadtweit über 1.000 Delikte aufgeklärt werden konnten, sowie die Waffenverbotszone. In Frankfurt gibt es Waffenverbotszonen im Bahnhofsviertel und in Alt-Sachsenhausen.
Die Maßnahmen hätten sich auch positiv auf die Messerangriffe im öffentlichen Raum ausgewirkt: Laut Polizei sanken die Delikte im Stadtgebiet von 142 auf 120, im Bahnhofsgebiet von 49 auf 42 Taten. Bei den Taten im Bahnhofsviertel handele es sich oftmals um milieuinterne Taten. Dennoch: Die Gesamtzahl der Straftaten im Bahnhofsviertel bleibt hoch. Sie stieg um 2,6 Prozent auf 10.129 Fälle. Die Betäubungsmittelkriminalität macht einen Anteil von 18,4 Prozent aus.