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HessenWenn hessische Städte Geschichte(n) im Namen tragen

19.04.2026, 04:32 Uhr
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Warum heißt Geisenheim Hochschulstadt und wer war Johannes Pistorius? Die Namen von Städten und Gemeinden erzählen von Erfindern, Reformatoren und Märchensammlern.

Wiesbaden (dpa/lhe) - Welche hessische Stadt erinnert in ihrem Namen an einen Kaiser mit einem roten Bart? Und wer war Johannes-Pistorius, der seit kurzem Bestandteil des Namens der Stadt Nidda ist? Von den 421 Städten und Gemeinden in Hessen führen Dutzende eine Zusatzbezeichnung in ihrem Namen. Dazu zählen auch alle Städte, die "Bad" in ihrem Namen führen und Kreisstädte. Offiziell verliehen wird der Beinamen vom Innenministerium.

Aussagekräftiger als "Bad" oder "Kreisstadt" sind aber Zusatzbezeichnungen, die mehr über den Charakter oder die Geschichte der jeweiligen Kommune aussagen. Es gibt aber auch inoffizielle Namen, die mit Städten verbunden sind. Ein Überblick:

Kleinstadt als Hochschulstadt

Hochschulstadt klingt nach Großstadt - im Rheingau darf sich aber auch die Kleinstadt Geisenheim seit 2015 so nennen, was ankommende Besucher sogleich auf den gelben Ortsschildern lesen können. 2013 war die Hochschule Geisenheim offiziell gegründet worden. Heute ist Geisenheim weltweit bei vielen Winzern als Ausbildungs- und Forschungsstätte ein Begriff.

Auf den Spuren der Karolinger

Der Namenspatron von Seligenstadt reicht weit in die Geschichte zurück. Seit 2020 nennt sich die Gemeinde im Kreis Offenbach "Einhardstadt". Der Gelehrte bekam das heutige Seligenstadt 815 vom Sohn Karls des Großen, Ludwig dem Frommen, als Anerkennung für seine Verdienste am Hofe. Er ließ die Basilika und ein Kloster bauen. Die Spuren des Gelehrten sind nach Angaben der Stadt noch heute allgegenwärtig. Nach seinem Tod im Jahr 840 wurde der Berater der karolingischen Herrscher in Seligenstadt begraben.

Wo Wissen schon im Namen steht

Seit fast drei Jahrzehnten trägt Darmstadt den Beinamen "Wissenschaftsstadt". Die Großstadt sei seinerzeit die Erste gewesen, die diesen Beinamen bekommen habe, heißt es bei der Stadt. Mit über 40.000 Studierenden, einem Studierenden-Einwohner-Verhältnis von 1:3 und über 30 wissenschaftlichen Einrichtungen, darunter vier Hochschulen, gehöre Darmstadt zu den tragenden Säulen der Forschungs- und Bildungsstandorte in Deutschland. Den Beinamen bekam die viertgrößte Stadt Hessens im August 1997.

Erinnerung an Märchensammler und an Kaiser Friedrich I.

Gleich zwei Städte tragen den Beinamen "Brüder-Grimm-Stadt": Hanau als Geburtsstadt der berühmten Märchensammler und Steinau (Main-Kinzig-Kreis) als ihre Heimat in der Kindheit. Etwa auf halbem Weg zwischen den beiden Grimm-Städten liegt Gelnhausen, das sich den Beinamen Barbarossa-Stadt gegeben hat und damit an seinen Gründer Kaiser Friedrich I. erinnert, der auch Barbarossa genannt wurde.

Den Erfinder des Computers im Stadtnamen

Fulda wird gerne auch die Barockstadt genannt. Dieser inoffizielle Beiname kommt nicht von ungefähr, hat die osthessische Stadt doch ein sehenswertes Barockviertel mit Dom, Stadtschloss, Orangerie und weiteren Gebäuden aus dieser Epoche. An einen der größten Erfinder des 20. Jahrhunderts erinnert Hünfeld (Kreis Fulda), das sich zu Ehren des Erbauers des ersten Computers offiziell Konrad-Zuse-Stadt nennen darf. Zuse starb 1995 in Hünfeld.

Würdigung eines Reformators in Nidda

Nidda (Wetteraukreis) darf sich seit Ende März offiziell Johannes-Pistorius-Stadt nennen. Erinnert wird damit an den Reformator (1504-1583), der nach Angaben der Stadt als enger Weggefährte Martin Luthers die Reformation in Nidda einführte und sich für Toleranz und friedliches Miteinander einsetzte.

Wetzlar wird zuweilen auch als Goethe- und Optikstadt bezeichnet. Damit wird zum einen an die eng mit der Wirtschaftsgeschichte der mittelhessischen Stadt verbundene Entwicklung der optischen Industrie und an die Zeit erinnert, als sich der junge Johann Wolfgang von Goethe in der ehemaligen Reichsstadt aufhielt und dort "Die Leiden des jungen Werthers" verfasste.

Einzige Hansestadt Hessens

Das nordhessische Korbach ist die einzige Hansestadt in Hessen und eine der südlichsten im Binnenland gelegenen Hansestädte Deutschlands. Nach Angaben des Internationalen Städtebunds Die Hanse lag die Stadt im Mittelalter verkehrsgünstig am Schnittpunkt von zwei wichtigen Handelsstraßen. Einheimische Kaufleute organisierten sich daher im Hansebund. In Korbach zeugen verschiedene Bauwerke von der hansischen Vergangenheit, darunter das 1377 errichtete Rathaus, zwei gotische Hallenkirchen und die Stadtbefestigung mit doppeltem Stadtmauerring.

Kaufungen ehrt Kaiserin Kunigunde

Mit dem Namenszusatz "Kunigundengemeinde" will die Gemeinde Kaufungen im Kreis Kassel ein Zeichen der historischen Verbundenheit und für Gleichberechtigung setzen. Er geht zurück auf Kaiserin Kunigunde von Lützelburg (980 - 1033), die sich gemeinsam mit ihrem Ehemann, Heinrich II., dafür einsetzte, den Kasseler Königshof nach Kaufungen zu verlegen und dort ein Kloster zu gründen. Auf ihre Initiative hin wurde dort die Stiftskirche erbaut. Kunigunde lebte nach ihrer Zeit als Herrscherin acht Jahre im Kloster Kaufungen als einfache Nonne. Kaufungen führte nach eigenen Angaben als erste Kommune in Hessen eine Zusatzbezeichnung zu Ehren einer Frau ein.

Quelle: dpa

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