HessenWilke-Wurst-Skandal vor Gericht – Fakten und Fragen

Elf Todesfälle und zahlreiche Erkrankungen stehen im Fokus: Der Prozess um den Lebensmittelskandal in Nordhessen startet und wirft viele Fragen zu Hygiene und Verantwortung auf.
Kassel (dpa/lhe) - Schimmel, verdorbene Ware, Todesfälle: Der sogenannte Wilke-Wurst-Skandal, der 2019 Schlagzeilen machte, zählt zu den bundesweit schwersten Lebensmittelskandalen der vergangenen Jahre. Wegen mit Keimen verunreinigter Produkten der Firma Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren im nordhessischen Twistetal sollen elf Menschen gestorben und Dutzende erkrankt sein.
Am Montag (6. Juli) beginnt die juristische Aufarbeitung des Falles vor dem Landgericht Kassel. Die Fakten zur Verhandlung - und die Fragen, die offen sind:
Die Beschuldigten
Auf der Anklagebank sitzen zwei 57 und 58 Jahre alte Männer und eine 55-jährige Frau. Bei ihnen handelt es sich um den ehemaligen Geschäftsführer der Fabrik, seine Stellvertreterin sowie den damaligen Produktionsleiter. Ihnen wirft die Staatsanwaltschaft vor, dafür verantwortlich zu sein, dass mit Listerien kontaminierte Wurstwaren in den Verkehr gebracht wurden und zahlreiche Menschen darauf hin eine Listeriose entwickelten. Bei elf von ihnen soll die Infektionskrankheit zumindest mitursächlich für ihren Tod gewesen sein.
Listerien können Kranken und Kindern erheblich zusetzen. Die in der Natur häufig vorkommenden Bakterien können in tierische und pflanzliche Produkte geraten - etwa Hackfleisch, Sushi oder Rohmilchkäse. Listerien sind sehr widerstandsfähig. Sie überstehen sowohl Tiefgefrieren als auch Trocknen. Kochen, Braten, Sterilisieren und Pasteurisieren töten die Bakterien dagegen sicher ab.
Nur sehr wenige Menschen, die Listerien aufnehmen, erkranken auch an Listeriose. Bei gesunden Erwachsenen verläuft die Infektion meist unauffällig oder nimmt einen harmlosen Verlauf mit grippeähnlichen Symptomen wie Fieber und Muskelschmerzen oder Erbrechen und Durchfall - oft erst bis zu acht Wochen nach dem Verzehr. Gefährlich ist die Infektion aber für abwehrgeschwächte Menschen.
Der Vorwurf
Der Betrieb in Twistetal (Landkreis Waldeck-Frankenberg) war im Oktober 2019 geschlossen worden, nachdem in seiner Wurst Listerien-Keime nachgewiesen worden waren. In der Fabrik sollen schlechte hygienische Bedingungen geherrscht haben. Ein Bericht, den die Organisation Foodwatch damals im Internet veröffentlichte, bezieht sich auf eine Betriebskontrolle am 2. Oktober 2019 bei Wilke, einen Tag nach der vom Kreis Waldeck-Frankenberg angeordneten Schließung des Betriebs. Darin wurden bauliche und hygienische Mängel aufgelistet.
Der Betrieb biete "ideale Bedingungen" für die Vermehrung und Verbreitung von Listerien, hieß es darin. Und: "Der Betrieb im vorgefundenen Zustand bietet keine Gewähr für die Produktion sicherer Lebensmittel." An anderer Stelle war von "Verwesungsgeruch" in einem Aufzug die Rede, in dem auch Wurst und Fleisch offen transportiert worden seien. Ein Foto zeigte Schimmel an der Decke eines Gewürzlagers.
Außerdem besteht laut Staatsanwaltschaft der Verdacht, dass teilweise verdorbene Ware aufbereitet und überlagerte Ware mit einem falschen Mindesthaltbarkeitsdatum versehen und in den Handel gebracht wurde.
Die Anklage
Elf Todes- und zahlreiche Krankheitsfälle werden mit Waren des Wurstproduzenten in Verbindung gebracht. Insgesamt wurden laut Staatsanwaltschaft Listerien bei 37 Menschen festgestellt.
Die drei Beschuldigten sind in elf Fällen wegen fahrlässiger Tötung und in sieben Fällen wegen fahrlässiger Körperverletzung angeklagt. Ihnen wird zudem die Beibringung gesundheitsgefährdender Stoffe in vier Fällen, Betrug in 17 Fällen sowie gesundheitsgefährdendes Inverkehrbringen von Lebensmitteln in 18 Fällen vorgeworfen.
Der damalige Geschäftsführer und seine Stellvertreterin müssen sich zudem wegen vierfacher versuchter Körperverletzung durch Unterlassen verantworten. In drei Fällen sollen sie trotz eines positiven Salmonellenbefunds aus einer Eigenbeprobung keinen Warenrückruf veranlasst haben. In einem weiteren Fall sollen die beiden von der Lebensmittelaufsicht eines anderen Bundeslandes über einen positiven Listerienbefund informiert worden sein, aber nicht alles Erforderliche getan haben, um den vollständigen Rückruf der Ware zu gewährleisten.
Allen drei Beschuldigten wirft die Staatsanwaltschaft vor, Gesundheitsschäden von Konsumenten billigend in Kauf genommen zu haben.
Die Opfer
Die elf Todesopfer im Alter zwischen 47 und 86 Jahren stammten aus Nordrhein-Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg, Brandenburg, Niedersachsen, Sachsen, Berlin und dem Saarland. Viele der Verstorbenen hatten sich zuvor in Pflegeeinrichtungen oder Kliniken aufgehalten, die von Wilke beliefert wurden.
Der Prozess
Der Prozess startet gut sechseinhalb Jahre nach der Schließung des Wurstherstellers mit rund 200 Mitarbeitern. Insgesamt 15 Verhandlungstage sind derzeit am Landgericht Kassel vor der 2. (Wirtschafts-)Strafkammer geplant. Mit einem Urteil wäre dann am 12. August zu rechnen.
Die Fragen
Wie konnte der Betrieb trotz der katastrophalen hygienischen Zustände über Jahre ungehindert weiter Fleischwaren produzieren und in den Handel bringen? Warum haben die Mängel nicht schon früher zur Schließung der Fabrik geführt? Warum haben die Angeklagten nicht verhindert, dass kontaminierte Waren in Umlauf gebracht wurden? Das sind einige der Fragen, auf die sich viele Menschen eine Antwort erhoffen.