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Hessen"Wir wurden heimlich beim Duschen gefilmt"

02.02.2026, 04:03 Uhr
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Ein junger Mann soll in einer Wiesbadener WG heimlich Frauen beim Duschen gefilmt haben - bald beginnt der Prozess. Die Opfer gehen in die Offensive: "Der Täter muss sich schämen, nicht wir".

Wiesbaden (dpa/lhe) - Duschen ist ein besonders privater Moment. Unvorstellbar, wenn man genau dabei heimlich gefilmt wird - in den eigenen vier Wänden. Dies ist laut einer Anklage vor dem Amtsgericht Wiesbaden mehreren jungen Frauen in einer Wohngemeinschaft in Wiesbaden passiert. Beschuldigt wird ein 26 Jahre alter ehemaliger Mitbewohner und Hauptmieter der Wohnung.

Der Prozess ist für kommenden Freitag (6. Februar) geplant. Laut Amtsgericht lautet der Vorwurf auf Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs und der Persönlichkeitsrechte. Der Verteidiger Hakan Day teilte mit: "Mein Mandant wird sich im Hauptverhandlungstermin geständig einlassen."

Zu den Opfern zählt die ehemalige WG-Bewohnerin Vanessa, sie tritt als Nebenklägerin auf. Auch rund zweieinhalb Jahre nach der Tat ist die 23-Jährige aufgewühlt, wenn sie von dem Erlebten berichtet. Zu dem damaligen Gefühl der Machtlosigkeit ist allerdings inzwischen eine gehörige Portion Wut hinzugekommen. "Der Täter muss sich schämen, nicht wir", sagt sie. Und ihre Freundin Tara, die mutmaßlich ebenfalls beim Duschen gefilmt wurde, ergänzt: "Die Scham muss die Seite wechseln." Der Satz bezieht sich auf Aussagen der Französin Gisèle Pélicot, die als Vergewaltigungsopfer in die Öffentlichkeit gegangen war.

Der Besichtigungstermin für das WG-Zimmer sei noch angenehm gewesen, erzählt Vanessa. Doch schon am Tag des Einzugs beschlich sie ein beklemmendes Gefühl. Der Mitbewohner habe anzügliche Bemerkungen gemacht und beobachtet, wo genau sie ihre Unterwäsche in den Schrank räumt.

Seltsam kommen ihr auch die Vorgaben vor, die der 26-Jährige zum Thema Duschen macht: Unter dem Vorwand, für warmes Wasser am Boiler etwas einstellen zu müssen, geht der Mitbewohner jedes Mal vor Vanessa allein ins Bad, wenn die junge Frau duschen möchte. Später stellt sich heraus, dass er dort einen Radiowecker platzierte, der mit einer Minikamera ausgestattet war. Solche Geräte gibt es bei Online-Händlern für Spionagetechnik und Heimsicherheit.

Auch Jasmin, die Schwester von Vanessa, übernachtete mehrmals in der Wohnung. Sie fühlt sich ebenfalls unwohl - und die Frauen schöpfen zunehmend Verdacht. "Wir haben uns einen Kameradetektor angeschafft, das Bad und den Boiler abgesucht, aber zunächst nichts gefunden", erzählt Jasmin.

In den Verbindungsdaten des WLAN-Routers entdecken sie schließlich den entscheidenden Hinweis auf den Radiowecker mit Kamera. Die Mädchen gehen zur Polizei, bei einer Durchsuchung wenige Tage später stellen die Beamten neben dem Wecker auch das Laptop und Festplatten bei dem 26-Jährigen sicher.

"Wir waren damals unter Schock", sagt Vanessa. "Es war ein großer Vertrauensbruch, was Männer angeht." Sie sei nach wie vor psychisch belastet, sagt die 23-Jährige. Ihre Freundin Tara sagt: "Er hat mich nackt gesehen, obwohl ich das nicht wollte. Ich habe mich geschämt." Bis heute habe sie Ängste, checke öffentliche Toiletten nach Kameras ab.

Mittlerweile sind bei den jungen Frauen aber auch Frust und Enttäuschung groß. "Es macht uns wütend, dass der Täter weiter in der Wohnung leben darf", sagt Vanessa. Der damalige Umzug sei eine für sie eine Herausforderung gewesen. Wegen der psychischen Belastung habe sich ihr Studium verzögert.

Von der Polizei fühlen sich Vanessa, Jasmin und Tara teils alleingelassen. Eine Beamtin habe vorgeschlagen, die jungen Frauen sollten sich mit dem Verdächtigen mal an einen Tisch setzen und reden. "Sie schickte uns zurück zum Tatort - zum Täter", sagt Vanessa. Bei dem Gespräch habe es großen Streit gegeben. "Wir haben nach wie vor Angst, dass er die Filme ins Internet gestellt hat", sagt Tara. Bislang sei jedoch nichts aufgetaucht.

Mit dem Schritt in die Öffentlichkeit wollen die drei "ihre Stimme erheben", wie sie selbstbewusst sagen. Unterstützung bekommen sie von der Anwältin Juliane Wagner, die auf Opferschutz spezialisiert ist. "Meine Mandantinnen waren fix und fertig, als sie das erste Mal bei mir waren", erzählt die Juristin. "Aber es ist wichtig, dass sie nun aus der Opferrolle rauskommen."

Quelle: dpa

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