Nordrhein-Westfalen7.000 Angriffe auf Zugbegleiter – Kann die KI helfen?

Täglich werden Zugbegleiter zur Zielscheibe gewaltbereiter Fahrgäste. Das Land hofft, in solchen Situationen bald viel schneller einschreiten zu können - mit Hilfe künstlicher Intelligenz.
Düsseldorf (dpa/lnw) - Mal ist es eine rüde Beleidigung, mal wird es auch handgreiflich: Rund 7.000 Mal sind Zugbegleiter in Nordrhein-Westfalen im vergangenen Jahr verbal oder körperlich angegriffen worden. Meist werden sie zur Zielscheibe, wenn sie Schwarzfahrer erwischen oder für Sicherheit und Ordnung in den Zügen sorgen wollen. Das Land will deshalb beim Sicherheitskonzept weiter nachschärfen - mit Personal und dem Einsatz von künstlicher Intelligenz bei der Videoüberwachung der Züge.
"Wir erleben an vielen Stellen eine Verrohung, deshalb müssen wir Personal und Fahrgäste besser schützen", sagte NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) bei der Vorstellung des Sicherheitsberichts für den Regionalverkehr in Nordrhein-Westfalen.
Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 20.150 sicherheitsrelevante Vorfälle im Bahnverkehr erfasst - fast 1.350 mehr als im Vorjahr. Dabei ging es um Delikte von Sachbeschädigung über Beleidigung bis zu Körperverletzung und Waffengebrauch.
Attacken auf Personal
Insgesamt sei Bahnfahren zwar sehr sicher, betonte der Vorstandssprecher des Verkehrsverbunds Rhein-Ruhr (VRR), Oliver Wittke. Schließlich nutzten Fahrgäste die S-Bahnen und Regionalzüge in NRW für 400 Millionen Fahrten im Jahr. Bei keinem Volksfest und keiner Sportveranstaltung gebe es verhältnismäßig so wenige Straftaten, argumentierte Wittke.
Doch die zunehmende Gewaltbereitschaft gegen das Personal in den Zügen macht den Verantwortlichen Sorgen. "Da hat sich offenbar in der Gesellschaft etwas zum Schlechten verändert", sagte Wittke.
Mit Abstand der häufigste Auslöser von Konflikten und Übergriffen sind die Ticketkontrollen. Aber auch wenn Zugbegleiter Fahrgäste auf ein Fehlverhalten aufmerksam machen oder wenn sie es mit betrunkenen Fahrgästen zu tun haben, eskaliert die Situation regelmäßig.
Erinnerungen an tödlichen Angriff in Rheinland-Pfalz
Im Hinterkopf haben viele Bahn-Beschäftigte dabei den tödlichen Angriff auf einen Zugbegleiter Anfang des Jahres in Rheinland-Pfalz. Bei einer Ticketkontrolle wurde der Mitarbeiter von einem Fahrgast so heftig geschlagen, dass er später starb. Der Fall hatte bundesweit eine Debatte über mehr Sicherheit im Bahnverkehr ausgelöst.
Das Personal leiste täglich einen unverzichtbaren Beitrag für einen funktionierenden Nahverkehr und verdiene daher Respekt, Schutz und Rückhalt, sagte Wittke. "Gewalt und Bedrohungen gegen das Personal sind in keiner Weise akzeptabel."
Hoffen auf Unterstützung durch künstliche Intelligenz
Gerade in absehbar kritischen Situationen - etwa an Wochenend-Nächten oder rund um Fußballspiele - sollen Zugbegleiter deshalb nicht mehr alleine, sondern in Zweierteams unterwegs sein. Auch den Sicherheitsdienst in den Zügen will das Land besser aufstellen: Im Moment läuft ein Programm an, bei dem Security-Mitarbeiter in 300 Unterrichtsstunden lernen, wie sie sich in Konfliktsituationen verhalten sollen.
Langfristig erhofft sich Verkehrsminister Krischer Unterstützung von künstlicher Intelligenz (KI). Schon jetzt gebe es in 95 Prozent der Züge eine Videoüberwachung. Das Ziel sei, diese Aufnahmen nicht erst im Nachhinein auswerten zu können, sondern sie mit Hilfe von KI in Echtzeit zu nutzen. Künstliche Intelligenz könne Gefahrensituationen erkennen und dann automatisch bei den Sicherheitsdiensten und der Bundespolizei Alarm schlagen.
Ein Pilotprojekt dafür läuft im Moment beim kommunalen Verkehrsunternehmen DSW21 in Dortmund. Auf einen Zeitplan, wann die KI landesweit bei der Kriminalitätsbekämpfung in Bahnen und Bussen helfen könne, wollte sich Krischer nicht festlegen. "Dazu findet im Moment eine landesweite Bestandsaufnahme der Technik statt, um das neu voranzubringen", sagte er.
Grünen-Minister gegen Entkriminalisierung von Schwarzfahren
Skeptisch sieht der NRW-Verkehrsminister angesichts der Übergriffe auf Kontrolleure die Debatte, dass Schwarzfahren kein Straftatbestand mehr sein soll. Zuletzt hatte Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) eine "Entkriminalisierung" des Schwarzfahrens gefordert.
Krischer betonte, mehr als die Hälfte der Angriffe auf Zugbegleiter sei im vergangenen Jahr aus einer Ticketkontrolle heraus entstanden. Vor diesem Hintergrund wäre es ein "falsches Signal", Schwarzfahren weniger hart zu verfolgen. "Meinen Job sehe ich darin, für mehr Sicherheit zu sorgen", betonte Krischer.
VRR-Chef fordert mehr Zusammenarbeit der Behörden
Für das persönliche Sicherheitsgefühl der Menschen sei es auch wichtig, dass Bahnhöfe und ihr Umfeld sauber und gut beleuchtet seien, betonte VRR-Chef Wittke. Derzeit gebe es bei solchen Fragen noch zu häufig ein Gerangel um Zuständigkeiten zwischen der Bahn und den Städten - und am Ende fühle sich niemand verantwortlich.
"Den Fahrgast interessiert das aber nicht. Der sagt: Ich will das Umfeld sauber haben, ich will mich da sicher fühlen, es muss hell sein", sagte Wittke. Die Behörden müssten sich deshalb besser abstimmen, forderte der VRR-Chef. Letztlich müssten alle Beteiligten ein gemeinsames Ziel haben: "Es dürfen keine Angsträume entstehen."