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Nordrhein-WestfalenDen Göttern so nah: Was zwei Beile auf einem Felsen verraten

05.03.2026, 19:01 Uhr
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(Foto: Dieter Menne/dpa)

Nach einer Entdeckung auf einer Felsformation im Sauerland sind sich Archäologen sicher: Die hoch aufragenden Steine dienten den Menschen vor über 2000 Jahren rituellen Zwecken.

Olsberg (dpa/lnw) - Mit schwerem Werkzeug kletterten Menschen vor über 2000 Jahren auf einen mehr als 60 Meter aufragenden Felsen, meißelten mühsam Quarz aus dem Gestein, zerstießen es zu feinem Staub, verfüllten die Grube und legten kaum mehr brauchbare Beile sorgsam im rechtem Winkel angeordnet auf das verschlossene Loch.

"Das ist keine profane Handlung. Das ist eigentlich total verrückt", sagt der Archäologe des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), Manuel Zeiler. Über die Situation, die er und seine Kollegen bei einer Grabung entdeckten, berichteten die Forscher nun an den Bruchhauser Steinen im Sauerland. Der Fund liefert wichtige Erkenntnisse über die Bedeutung des Ortes.

Erstmals Belege für rituelle Nutzung der Bruchhauser Steine

Die Menschen der Eisenzeit hätten das Quarz viel leichter am Fuße des Berges gewinnen können. Ohne all die Mühe und nicht auf einem wind- und wetterumtosten Felsen mitten im Sauerland, wie Zeiler erklärt.

Dass sie es doch taten, lässt für die Forscher nach einer Ausgrabung an den Bruchhauser Steinen im Sommer 2025 erstmals den sicheren Schluss zu: Dieser Ort muss für die Menschen der Eisenzeit im religiösen Verständnis eine wichtige Rolle gespielt haben.

Vermutet hatten die Archäologen dies bereits länger – allein ein so klares Indiz wie die außergewöhnliche Situation, die sie hoch oben auf einer Klippe des Feldsteins rekonstruieren konnten, fehlte bislang.

Die Bruchhauser Steine, vier Felsen von einer Höhe von bis 97 Metern bei Olsberg im Sauerland, sind nicht nur beliebtes Wanderziel, geologisch interessantes Naturmonument, sondern auch ein bedeutsames Bodendenkmal: Schon Grabungen früherer Jahrzehnte hatten zutage gefördert, dass die Felsblöcke aus Vulkangestein in der Eisenzeit mit einer Befestigungsanlage eingefasst waren. Welchem Zweck diese gedient haben könnte, war jedoch lange unklar.

Wallburg aus der Eisenzeit gab lange Rätsel auf

Innerhalb der Wallburg wurden keine Hinweise darauf gefunden, dass Menschen hier gesiedelt hatten. Der Ort auf der Bergkuppe sei dazu auch zu häufig herausfordernden Witterungsbedingungen ausgesetzt. "Wenn nicht gerade so ein Frühlingstag ist, weht es dort ganz schön", weiß Zeiler. Auch als Verteidigungsanlage hätte die Wallburg nicht recht getaugt, da Feinde zu leicht hätten eindringen können.

Und so blieb die These, dass die Bruchhauser Steine vor allem als Kultstätte Anziehungskraft auf die Menschen hatten. Schon ein 2013 gefundenes Armband-Fragment und eine absichtlich rituell beschädigte Lanzenspitze legten dies nahe.

Mit dem Metalldetektor - und offiziellem Auftrag

Vor knapp einem Jahr machte dann ein vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe beauftragter Sondengänger den entscheidenden Fund: Im oberen Erdreich stieß er auf zwei völlig verrostete Beilspitzen. Die sorgfältige Ausrichtung der Klingen im rechten Winkel machte erst den Heimatforscher stutzig und dann auch die LWL-Archäologen. Sie begannen mit ihrer Grabung.

Unterhalb legten sie die Grube frei, in der sich zerstoßener Quarz sowie ein Stein zum Zerkleinern des Quarzes und eine zerbrochene Platte befanden. Auffällig sei gewesen, dass die Menschen die Grube wieder verfüllt hatten – "wie um eine Wunde zu schließen oder das Ritual zu beenden, legten sie dann die Beile nieder."

Außergewöhnlicher Ort nahe der Anderswelt

Dass all dies in großer Höhe auf dem bis heute oft nebelverhangenen Felsen an exponierter Stelle geschah, sei in dieser Lesart kein Zufall, sagt Zeiler. "Es ist möglich, dass speziell der Quarz von diesem erhöhten Ort eine besondere Bedeutung hatte – nahe dem, was wir in der Forschung Anderswelt nennen", erklärt Zeiler.

Die Archäologie kenne viele Beispiele solch "außergewöhnlicher Orte, an denen außergewöhnliche Dinge getan wurden." Zum Beispiel Höhlen, die für Bestattungen genutzt wurden und Berggipfel, etwa in Südtirol, auf denen Opferrituale abgehalten wurden. Im Verständnis der Menschen der Eisenzeit dürften solche Orte eine Art Übergang zum Jenseits, zur Welt der Götter und Geister ermöglicht haben, erklärt der Archäologe.

Nicht nur über die Bruchhauser Steine als Kultstätte könnten die Beile über der kaum einen halben Meter tiefen Quarzgrube etwas erzählen. Auch die Verwendung von Quarz in den eisenzeitlichen Gefäßen erscheine möglicherweise in einem neuen Licht, erklärt LWL-Chefarchäologin Sandra Peternek. So sei der Quarz unter anderem handgetöpferten Gefäßen beigemengt, um sie hitzebeständig zu machen.

Welche Bedeutung hat Quarz?

Der mühevoll an einem bedeutsamen Ort gewonnene Quarz könnte aber deutlich weniger praktischen Zwecken gedient haben, als einen tauglichen Kochtopf herzustellen. "Denkbar ist, dass der Quarz vom Feldstein Bestand besonderer, vielleicht ritueller Gefäße war", sagt Peternek.

Eine Replik der Beile wird künftig Bestandteil einer kleinen Ausstellung im Servicecenter am Fuße der Bruchhauser Steine sein – und damit ein weiteres archäologisches Puzzleteil im Mythos um die Felsformation.

Quelle: dpa

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