Nordrhein-WestfalenEndlich frei: Moyland darf Beuys-Sammlung umfassend nutzen

Fettecken, Margarine und ein legendärer ZDF-Auftritt: Nach absurden Rechtsstreits kann das Museum Moyland seine Beuys-Sammlung ohne Einschränkungen präsentieren. Was Besucher und Fans jetzt erwartet.
Bedburg-Hau (dpa/lnw) - Es ging um Beuys' Fettecken und alte Schokolade, Fotos mussten abgehängt werden, in Ausstellungskatalogen fehlten Bilder. Viele Jahre lang lieferten sich das niederrheinische Museum Moyland mit dem weltweit größten Bestand an frühen Werken von Joseph Beuys und die Witwe des Universalkünstlers bizarre Auseinandersetzungen. Bis zum Bundesgerichtshof stritten sie um Ausstellungsrechte.
Nun ist ein Befreiungsschlag gelungen. Eva Beuys und ihre Kinder räumten der Museumsstiftung die umfassenden Nutzungsrechte an Tausenden Werken von Beuys (1921-1986) ein, der zu den einflussreichsten Künstlern des 20. Jahrhunderts zählt. Das Land Nordrhein-Westfalen bezahlte für die Nutzungsrechte einmalig 3,25 Millionen Euro. Das Beuys-Museums an der Grenze zu den Niederlanden kann nun national und international sichtbarer werden.
Sammlung kann ans Tageslicht geholt werden
Die seit Jahrzehnten fast geheime Sammlung aus rund 6.000 frühen Beuys-Werken, 50.000 Aktionsfotografien und 250.000 Archiv-Dokumenten könne künftig erschlossen und in einem Online-Katalog der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, sagte die Moyland-Direktorin Antje-Britt Mählmann.
Große Pläne hat sie bereits für Ausstellungen. So soll im Herbst 2027 eine große Ausstellung zu Beuys und der Kunst der Gegenwart in den Hamburger Deichtorhallen gezeigt werden – mit Moyland als Hauptleihgeber. Auch ein Biennale-Projekt in einer Kirche in Venedig ist geplant.
Moyland darf Beuys-Werke vervielfältigen lassen, Abbildungen in Büchern veröffentlichen, Werke verleihen und auf Webseiten und in sozialen Medien mit seinem Kunstschatz werben. Und nicht zuletzt dürfen künftig auch Beuys-Artikel im Museumsshop verkauft werden. "Ich werde das erste Beuys-T-Shirt aus dem Museumsshop kaufen", so Mählmann.
Absurde Streits um Fettecken-Fotos
Bisher musste Moyland für alle Projekte die Zustimmung des Beuys Estate einholen, also Eva Beuys und die Kinder des Künstlers fragen. Sehr oft biss das Museum auf Granit. Ein Höhepunkt war der bizarre Rechtsstreit um Fotos einer legendären Beuys-Aktion, die 1964 live in der ZDF-"Drescheibe" gezeigt worden war.
Beuys verstrich dabei einen Turm von Margarine-Würfeln akribisch zu einer Fettecke. Von der Aktion "Das Schweigen des Marcel Duchamp wird überbewertet" aus den Schwarz-Weiß-Zeiten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens existiert heute keine Aufzeichnung mehr. Aber ein Fotograf hielt die Performance fest. Als Moyland die Fotos ausstellte, intervenierte Eva Beuys und ließ sie abhängen. Jahre später gewann Moyland den Streit vor dem Bundesgerichtshof und durfte die Fotos wieder ausstellen.
Ministerin griff durch
Dass sich Eva Beuys und Moyland letztlich einigten, könnte mehrere Gründe haben. Zum einen ist die Beuys-Witwe inzwischen 92 Jahre alt und wollte die Dinge möglicherweise regeln. Zum anderen nahm die von der jahrzehntelangen Fehde unbelastete NRW-Kultur- und Wissenschaftsministerin Ina Brandes (CDU) die Sache persönlich in die Hand. Schließlich zahlt das Land NRW jährlich 4,5 Millionen Euro für Moyland – und Brandes wollte das Geld nicht für eine weitgehend versteckte Sammlung ausgeben.
Vor drei Jahren stattete Brandes Eva Beuys und ihren Kindern einen Besuch in Düsseldorf ab. Mehrere Stunden saßen sie am Tisch und redeten. Schließlich gelang es, die bis zur Gründung des Museum Moyland Ende der 90er Jahren reichenden Gräben einigermaßen zuzuschütten. "Ich bin Eva Beuys und dem Joseph Beuys Estate für diesen Durchbruch sehr, sehr dankbar", sagte Brandes. Davon werde die wissenschaftliche Forschung ebenso profitieren wie die Besucher in Moyland, die das frühe Beuys-Werk nun ohne Einschränkungen erleben könnten.
Fronten seit Jahrzehnten verhärtet
Kern des Konflikts ist auch, dass Eva Beuys zeitweise zahlreiche Werke aus Moyland vergeblich zurückverlangt hatte und den Umgang mit den teils hochempfindlichen Beuys-Arbeiten im Wasserschloss bemängelte. Die Sammlung geht zurück auf die Brüder Hans und Franz Joseph van der Grinten, die seit Kriegsende mit Beuys befreundet waren. In einer tiefen künstlerischen Krise hielt sich Beuys 1957 für einige Monate auf dem Bauernhof der Familie in Kranenburg auf. 1997 wurde die mit finanzieller Hilfe des Landes NRW wiederaufgebaute Schlossruine als Museum mit der Sammlung der Brüder van der Grinten eröffnet.
Das Urheberrecht an den Werken von Beuys ist übrigens nicht übertragbar und bleibt beim Joseph Beuys Estate. Denn die Erbengemeinschaft ist Rechtsnachfolger des Künstlers. Durch den Vertrag wurden Moyland aber die urheberrechtlichen Nutzungsrechte übertragen. Die VG Bild-Kunst, die bisher die Interessen des Beuys Estate vertrat, ist künftig nicht mehr im Spiel.
Nachdem die Brücken zu den Beuys-Erben gebaut seien, hofft die Moyland-Chefin auch künftig auf einen engen Dialog und gegenseitiges Verständnis. Es sei ja im Interesse aller und auch junger Künstler, dass Beuys "ein bisschen rauskommt aus der Vergangenheit in unsere Gegenwart".