Nordrhein-WestfalenNeue Kinderschutzbeauftragte hört Betroffenen zu

Von Missbrauch bis Instagram: Die neue Kinderschutzbeauftragte in NRW nimmt Kinderrechte ins Visier – und will Betroffene nicht länger alleine lassen.
Düsseldorf (dpa/lnw) - Schwere sexuelle Missbrauchsfälle von Kindern wie in Lügde oder Münster haben in den vergangenen Jahren Nordrhein-Westfalen erschüttert. Als Konsequenz hat das Land bereits eine Kinderschutzkommission sowie auch eine neue Professur für Kinderschutz und Kinderrechte an der Hochschule Düsseldorf eingerichtet. Nun kommt auch eine NRW-Landesbeauftragte für diesen Bereich hinzu.
Die Fachanwältin Petra Ladenburger nimmt ihre Arbeit als unabhängige Beauftragte für Kinderschutz und Kinderrechte am 18. Februar auf und verspricht: "Ich werde mich dafür einsetzen, dass die Rechte von Kindern und Jugendlichen bei allen politischen Entscheidungen und gesellschaftlichen Debatten mitgedacht und berücksichtigt werden."
Wer ist die neue Kinderschutzbeauftragte?
Petra Ladenburger bringt 35 Jahre Erfahrung in ihr neues Amt ein. Als Fachanwältin für Familienrecht vertritt sie seit vielen Jahren Opfer von sexualisierter Gewalt sowie Kinder und Eltern in Sorgerechtsverfahren. Sie lehrt als Dozentin an der Technischen Hochschule Köln zum Thema Gewaltschutz. Als Anhörungsbeauftragte für die unabhängige Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hat sie mehr als 300 Betroffene interviewt.
Was sind die Aufgaben der Kinderschutzbeauftragten?
Ladenburger hat sich viel vorgenommen. Sie wolle alle Kinder in den Blick nehmen, alle Altersgruppen, alle gesellschaftlichen Gruppen. Viele Kinder und Jugendliche hätten keine Lobby, weil sie Beeinträchtigungen hätten, arm seien, nicht in ihren Familien aufwachsen könnten oder Flüchtlinge seien. Viele erlebten auch rassistische Diskriminierung oder würden diskriminiert, weil sie queer seien. "Ich werde mir auch alle Formen von Gewalt anschauen", sagt sie.
Welche Bereiche nimmt sie unter die Lupe?
Ladenburger will zahlreiche Bereiche untersuchen, in denen junge Menschen in ihren Rechten beschränkt werden oder Gewalt erleben. Dazu gehören der digitale Raum, Kitas, Schulen, der Freizeitbereich und Familie. "Meine Aufgabe ist es dann, auszuwerten, was gut läuft und zu benennen, was nicht gut läuft, Veränderungen anzustoßen und einzufordern."
Wie geht Ladenburger diese Mammutaufgabe an?
Zunächst werde sie sich "ein qualifiziertes und motiviertes Team zusammenstellen". Sechs Mitarbeiter bekommt die Beauftragte, deren Büro im Kinder- und Familienministerium angesiedelt ist. Sie wolle nicht nur über, sondern mit Kindern und Jugendlichen sprechen. "Ich möchte hören, was Kinder und Jugendliche selbst zu sagen haben."
Sie werde auch Menschen zuhören, die in ihrer Kindheit und Jugend Gewalt erlebt hätten, sagt Ladenburger. "Bei ihnen hat der Kinderschutz versagt und ich möchte mich einsetzen, dass die Betroffenen mit den Folgen dieses Versagens künftig nicht alleingelassen werden."
Warum bekommt NRW eine Beauftragte für Kinderschutz?
Dass NRW eine Kinderschutzbeauftragte bekommt, war ein fraktionsübergreifender Beschluss von CDU, Grünen, SPD und FDP im Landtag. Die neue Stelle ist eine weitere Reaktion auf jahrelang unentdeckte große Missbrauchskomplexe wie in Lügde, Münster und Bergisch Gladbach. Als Lehre daraus war in NRW auch bereits das Kinderschutzgesetz verabschiedet worden. Kinderschutzbeauftragte gibt es auch in einigen anderen Bundesländern.
Was soll gegen die steigende Gewalt in Kitas getan werden?
Die neue Kinder- und Familienministerin Verena Schäffer (Grüne) zeigte sich alarmiert angesichts des steilen Anstiegs von Gewaltvorfällen in den Kitas des Landes. Aus der Antwort der Landesregierung auf eine Anfrage der SPD-Fraktion geht hervor, dass 2025 in Kitas landesweit mehr als 4.700 Fälle von sexueller Gewalt sowie körperlichen und psychischen Übergriffen registriert wurden. Im Jahr davor waren es noch 2.680 Meldungen. Das entspricht einem Anstieg von gut 76 Prozent.
Ladenburger betonte, es müsse nach der Ursache der gestiegenen Gewalt oder der gestiegenen Meldungen geforscht werden. Möglicherweise gebe es mehrere Erklärungen dafür. Zum einen, dass tatsächlich die Gewalt zugenommen habe. Denkbar sei aber auch, dass in den Kitas aufmerksamer hingeschaut werde und die Meldewege verbessert würden. So gibt es seit Ende 2024 ein digitales Meldungstool.
Und wie ist die Meinung zu einem Verbot sozialer Medien?
Ministerin Schäffer hält nichts von einem Verbot sozialer Medien wie Tiktok oder Instagram für Kinder nach dem Vorbild Australiens. Das sei ihr "ein bisschen zu kurz gedacht", denn schon heute würden Altersbeschränkungen im Netz umgangen. Vielmehr müsse die Medienkompetenz bei Kindern und Eltern erhöht werden. Es gehe auch um die Regulierung von sozialen Medien nicht nur in Deutschland, sondern in Europa.
Ladenburger äußerte sich nicht eindeutig. Letztlich sei es aber nicht die zentrale Aufgabe von Kindern und Jugendlichen, sich selbst im digitalen Raum zu schützen, sondern dies sei die Aufgabe von Erwachsenen und auch der Plattformen.