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Nordrhein-Westfalen"Mr. Ruhrgebiet" geht - Chef des Ruhrmuseums in Ruhestand

28.03.2026, 04:02 Uhr
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Staublunge und Einmachglas: Mit ungewöhnlichen Exponaten hat der Chef des Ruhrmuseums Theo Grütter Geschichten von Krieg, Alltag und Kohle erzählt. Jetzt geht er in den Ruhestand - und hat Pläne.

Essen (dpa/lnw) - Der langjährige Leiter des Ruhrmuseums Heinrich Theodor Grütter hat sich mit einer "letzten Nacht" in seinem Haus von mehr als 500 Gästen und Wegbegleitern verabschiedet. Er geht als einer der erfolgreichsten Museumsleute Nordrhein-Westfalens in den Ruhestand.

In Essen wird der gebürtige Gelsenkirchener und begeisterte Anhänger seiner Region nur "Mr. Ruhrgebiet" genannt. Der Historiker wechselt nach 40 Berufsjahren und gut 14 Jahren an der Museumsspitze in den Ruhestand.

Sein Ruhrmuseum im Welterbe Zollverein - einst die größte Zeche der Welt - zählt mit rund 250.000 Besuchern pro Jahr zu den meistbesuchten Häusern Deutschlands.

Der soziale Kitt hat gehalten

Grütters großes Thema war der Umbau des Ruhrgebiets zu einer Kultur- und Dienstleistungsregion. Zu seinem Abschied sagt der 68-Jährige: "Es war gut, dass der Abschied aus dem Industriezeitalter langsam passierte. Dadurch hat der soziale Kitt gehalten."

Angesichts des Abbaus von Hunderttausenden Jobs sei das nicht selbstverständlich gewesen und durchaus ein Vorbild für heutige Umbrüche. "Heute ist dieser soziale Kitt in Gefahr - nicht zuletzt durch den Aufstieg der AfD in den einstigen SPD-Milieus", sagt Grütter.

50 Ausstellungen mit vier Millionen Zuschauern

Rund 50 Ausstellungen mit insgesamt vier Millionen Besuchern hat der Historiker und Kulturwissenschaftler auf die Beine gestellt - zu Kohle und Stahl und zum Alltagsleben im "Land der Tausend Feuer", wie eine erfolgreiche Ausstellung im vergangenen Jahr hieß.

"Glückauf - Film ab" beleuchtete die Geschichte der Region als deutschlandweites Zentrum der Kinokultur, "Unter Tage - Unter Zwang" die traurige Geschichte der Zwangsarbeit im Bergbau. Grütters Lieblingsausstellung in den Jahren war die Schau "Gold vor Schwarz" 2008/2009 mit bis zu 1.200 Jahre alten Kostbarkeiten wie Kreuzen, Monstranzen und Kelchen des Essener Domschatzes, ausgestellt in den kohlegeschwärzten Räumen der einstigen Kohlebunker auf Zollverein.

Die Ausstellung habe gezeigt, dass das Ruhrgebiet keineswegs nur eine Industriegeschichte habe, sondern weit ins Mittelalter zurück und bis zur Zeit der Römer eine wichtige Rolle spielte, sagt Grütter.

Ein Weckglas mit Wasser und eine Staublunge

Unzählige Besucher hat der Museumschef persönlich durch die Dauerausstellung geführt. An zwei Ausstellungsstücken bleibt er dabei immer besonders lange stehen: Eine in Formaldehyd eingelegte Staublunge eines Bergmanns, die eindringlich die Gesundheitsbelastung durch die Arbeit unter Tage zeigt, und ein schlichtes Einmachglas, mit Wasser gefüllt.

Eine junge Mutter aus Essen habe das Glas mit abgekochtem Wasser sowie Milchpulver 1945 im Krieg für sich und ihre neu geborenen Zwillinge mit in den Bunker genommen. Essen wurde als wichtiger Rüstungsstandort massiv bombardiert. Aus irgendeinem Grund brauchte die Frau das Wasser aber nicht, später wurde es vergessen und tauchte erst Jahrzehnte später wieder auf. Das Glas zähle zu seinen Lieblingsexponaten, weil es Alltag und Kriegsleid erfahrbar mache, so der Museumschef.

Als Schalke-Fan jetzt häufiger im Stadion

Theo Grütter ist wie viele Gelsenkirchener glühender Schalke-Fan. Im Ruhestand will er kein Spiel mehr verpassen. Zwei Dauerkarten besitzt er schon lange. Außerdem will er Spanisch lernen für Mallorca-Urlaube. Die Nachfolge im Ruhrmuseum übernimmt erst mal kommissarisch sein Stellvertreter Dietmar Osses.

Quelle: dpa

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