Nordrhein-WestfalenStudie: Weiterbildung erreicht Geringqualifizierte selten

Viele Jobs verändern sich rasant – doch gerade Geringqualifizierte bleiben bei Weiterbildungen oft außen vor. Was eine Studie für die Zukunft der Arbeit empfiehlt.
Düsseldorf (dpa/lnw) - Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und mehr Flexibilität: Die moderne Arbeitswelt verlangt von den Beschäftigten, sich immer schneller auf neue Arbeitsformen einzustellen. Zentrale Voraussetzungen dafür sind laut einer Studie des Forschungsinstituts Prognos, dass Beschäftigte qualifiziert und von Anfang an in den rasanten Wandel eingebunden werden.
Geringqualifizierte bleiben allerdings bei der Weiterbildung oft außen vor, heißt es in der Studie "Neue Formen der Arbeit" im Auftrag der Landesregierung NRW. Weiterbildung bringt den Autoren zufolge nur dann einen strategischen Vorteil, wenn es gelingt, sie für alle Qualifikationsstufen umzusetzen. Geringqualifizierte sowie an- und ungelernte Beschäftigte nähmen aber am seltensten an Weiterbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen teil.
Wandel durch Mitbestimmung
Die Arbeitswelt sei viel individueller geworden, sagte NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) bei der Vorstellung der Studie. In vielen Berufen gebe es heute gleitende Arbeitszeiten. Seit der Corona-Pandemie sei zumindest in den Büroberufen Homeoffice in vielen Bereichen nicht mehr wegzudenken. Die Menschen bekämen so mehr Spielräume und Privatleben, Familie und Arbeit besser unter einen Hut, sagte Laumann.
Aber bei der Transformation durch KI und Digitalisierung müssten alle Menschen mitgenommen werden - nicht nur die Führungsleute, sondern auch diejenigen, die sich mit Lernen und neuen Dingen etwas schwerer täten als andere. Laumann warb für mehr Mitbestimmung und Sozialpartnerschaft in Betrieben und Unternehmen. Große Veränderungen dürften nicht nur mit ein paar Leuten im Betrieb besprochen werden. Gerade in großen Unternehmen gehe das nur über Personalräte und Betriebsräte - "und über eine gute Kommunikation der Arbeitgeberseite mit den Sozialpartnern".
Künstliche Intelligenz erzeugt oft Misstrauen
Einführungen in Künstliche Intelligenz, die von der Betriebsführung ohne klare Vision und ohne Beteiligung der Belegschaft verordnet werden, erzeugen der Studie zufolge Unsicherheit und Misstrauen. Oft würden die neuen digitalen Werkzeuge dann auch nur oberflächlich genutzt.
Betriebe mit gelebter Mitbestimmung erzielten eine höhere Arbeitszufriedenheit und bessere Integration digitaler Prozesse. "Technologie allein schafft keine Produktivitätsgewinne", heißt es in der Studie. "Die eigentliche Herausforderung der digitalen Transformation ist keine technische, sie ist eine menschliche, kulturelle und organisationale."
Homeoffice mit Risiken
Die Studie befasst sich auch mit mobiler Arbeit. Diese habe sich nach der Pandemie auf einem dauerhaft erhöhten Niveau stabilisiert. Mobile Arbeit gelinge dort, "wo klare Regeln, eine tragfähige Vertrauenskultur und eine gute technische Infrastruktur vorhanden sind", schrieben die Autoren. Wo diese Voraussetzungen fehlten, drohten Entgrenzung, soziale Isolation und eine schleichende Ausweitung der Arbeitszeit. Das Modell des vollständigen Homeoffice berge strukturelle Produktivitätsrisiken, wenn der informelle Austausch und das kollektive Lernen in Teams dauerhaft wegfielen.
Soloselbständige oft mit prekären Bedingungen
Die Zahl der Soloselbständigen ist laut der Studie nach einer langen Wachstumsphase wieder leicht rückläufig. Aktuell liege der Anteil bundesweit bei 4,2 Prozent. Ein pauschales Bild von Soloselbstständigkeit gebe es nicht. So gebe es erfolgreiche Soloselbstständige etwa in IT-Berufen mit überdurchschnittlichem Grundeinkommen. Ein erheblicher Teil der Soloselbstständigen sei aber von prekären Arbeitsbedingungen betroffen, die sich durch geringe Einkommen und unzureichende soziale Absicherung auszeichneten. Besonders in den Bereichen Handwerk, Kultur- und Kreativwirtschaft sowie in Gesundheitsberufen seien diese Risiken verbreitet.
Rider und Lieferdienste - häufig anderer Hauptverdienst
Seit der Pandemie sind Lieferdienste für Essen, neue Fahrdienste oder andere Kurierdienstleistungen aus dem Straßenbild nicht mehr wegzudenken. Entgegen dem Klischee sei das Bildungsniveau im Bereich der sogenannten Plattformarbeit tendenziell hoch. Häufig hätten die Beschäftigten einen anderen Hauptverdienst. Gemeinsamer Nenner dieser Form der Arbeit ist die Vermittlung von Aufträgen über eine digitale Plattform.
Zugleich sei der Migrationshintergrund etwa bei Lieferdiensten oft überdurchschnittlich hoch, weil zum Beispiel Sprachbarrieren eine nicht so große Rolle spielten. Gleichzeitig müsse gerade bei der Plattformarbeit der Arbeitsschutz besonders kontrolliert werden.