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Rheinland-Pfalz & Saarland Als in Mainz Bücher brannten: Historiker forscht zu Ketzern

Eine Zeichnung zeigt die Hinrichtung des Reformators Johannes Hus im Jahr 1415. Foto: Österreichische Nationalbibliothek /dpa/Archivbild

(Foto: Österreichische Nationalbibliothek /dpa/Archivbild)

Mainz (dpa/lrs) - Die Gutenberg-Stadt Mainz ist stolz auf ihre jahrhundertealte Bücherkultur. Aber auch hier kam es zur Verbrennung von Büchern, schon lange bevor die Nazis 1933 Bücher von jüdischen und anderen Autoren ins Feuer warfen. Der Mainzer Historiker Michael Matheus ist dieser schwierigen Geschichte jetzt nachgegangen. Sein Beitrag dazu ist in einer Festschrift für den Mainzer Buchwissenschaftler Stephan Füssel erschienen, die kürzlich im Harrassowitz Verlag Wiesbaden veröffentlicht wurde.

Die "symbolische Zerstörung als schädlich geltender Bücher" sei bereits in der Spätantike praktiziert worden, erklärt Matheus, der unter anderem in Trier, Essen und Mainz lehrte und von 2002 bis 2012 Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Rom war. Die Verbrennung des als Ketzer verurteilten böhmischen Reformators Jan Hus - im Jahr 1415 in Konstanz und zwar zusammen mit seinen Schriften - habe eine nachhaltige Wirkung auch für die folgende Zeit gedruckter Bücher gehabt.

So wurde in Mainz am 20. Oktober 1458 der Küfer (Fassmacher) Johannes Becker, genannt Henne, als Ketzer hingerichtet. Nach den erhaltenen Prozessakten gab er an, in einer Mainzer Kirche vom Heiligen Geist inspiriert worden zu sein. Danach lehnte er als erleuchteter Mensch das Alte und Neue Testament ebenso ab wie kirchliche Normen und Institutionen. Der päpstliche Inquisitor Heinrich Kalteisen, so erklärt Matheus, habe Henne als "ketzer und ungleibigen" sowie als "verstopften verirreten menschen" bezeichnet und ihn zu den Lollarden gezählt - einer religiösen Bewegung, die sich gegen Ende des 14. Jahrhunderts in England entwickelte und die Kirchenhierarchie ablehnte.

Die städtischen Akten hätten auf geradezu makabre Weise das grausame Schicksal des Mainzer Küfers festgehalten, erklärt Matheus. "Akkurat werden Ausgaben für eine eiserne Kette notiert, mit der Henne Becker wohl demonstrativ auf dem Weg zur Stätte seiner Hinrichtung in der Ketzergrube gefesselt wurde." Die städtische Kasse habe auch Ausgaben für drei Fuhren Holz für den Scheiterhaufen notiert und für Wein, der dem Henker und den beiden Mainzer Bürgermeistern gereicht worden sei.

Der Handwerker wurde auf dem Scheiterhaufen hingerichtet, die von ihm verfassten Bücher wurden verbrannt. Ein Ergebnis der Arbeit von Matheus ist, dass Ketzerverbrennung und Bücherverbrennung oft, wenn nicht sogar in der Regel, zwei getrennte Vorgänge waren - während beides in den zeitgenössischen Darstellungen oft zusammen abgebildet wurde.

Gut 20 Jahre später brannten in Mainz erneut Bücher - auf dem Marktplatz gingen am 21. Februar 1479 Schriften des Dompfarrers Johannes Rucherath öffentlich in Flammen auf. Der aus Oberwesel stammende Theologe wurde beschuldigt, mit den Hussiten in Verbindung zu stehen und die Autorität des Papstes kritisiert zu haben. Weil der Geistliche seinen Lehren abschwor, blieb er am Leben, kam aber in Klosterhaft.

Im November 1520 wurde in Mainz versucht, Schriften des Reformators Martin Luther zu verbrennen. Auf dem Marktplatz sei dafür bereits ein Scheiterhaufen errichtet worden, erklärt Matheus. Dann aber sei die Verbrennung an der Weigerung des Henkers und wohl nicht zuletzt am Widerstand von Mainzer Bürgern gescheitert.

Die Verbrennung von Büchern habe damals das Ziel verfolgt, diese zusammen mit den in ihnen festgehaltenen Gedanken für immer zu tilgen, erklärt Matheus. "Mit dem Aufkommen des Buchdrucks wurde es freilich noch aussichtsloser als zuvor, dieses Ziel auch zu erreichen."

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