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Rheinland-Pfalz & SaarlandWo der Tod sehr präsent ist - die Mainzer Rechtsmedizin

22.07.2026, 04:03 Uhr
Fuer-sie-persoenlich-seien-Faelle-besonders-traurig-bei-denen-Tote-schon-lange-unbemerkt-in-einer-Wohnung-oder-einem-Haus-gelegen-haetten-sagt-Tanja-Germerott-Leiterin-der-Rechtsmedizin-in-Mainz

Opfer von Gewalttaten, Verkehrstote oder ungeklärter Todesfälle - was alles auf den Seziertischen landet und wie im einzigen Institut dieser Art in Rheinland-Pfalz gearbeitet wird.

Mainz (dpa/lrs) - Auf den Seziertischen der Rechtsmedizin in Mainz landen Opfer von Gewalttaten, Badetote, ungeklärte Todesfälle. Das Institut ist das einzige dieser Art in Rheinland-Pfalz und landesweit zuständig. Zwei Handvoll Mediziner obduzieren Leichen, schreiben Gutachten und vieles mehr. Es sei abwechslungsreich, sagt Leiterin Tanja Germerott. Mal handwerkliche Arbeit, mal ein bisschen Denksport. "Ich weiß morgens nicht, was der Tag bringt."

In dem Gebäude des rechtsmedizinischen Instituts der Universitätsmedizin in der Mainzer Oberstadt wurde 2025 auch die Leiche des Dreifachmörders von Weitefeld im Westerwald obduziert und identifiziert. Der 61-Jährige soll ein Ehepaar und dessen 16 Jahre alten Sohn im April getötet haben.

Täter von Weitefeld wurde hier identifiziert

Von dem Mann fehlte vier Monate jede Spur, bis ein Zeuge die Leiche in einem Feld an einem kleinen Bach bei Weitefeld fand. Rein fachlich sei das kein so außergewöhnlicher Fall gewesen, erinnert sich Germerott. Aber wegen all der Berichterstattung drumherum irgendwie dann doch wieder.

Längst nicht der einzige spektakuläre Fall: Die Obduktion der Leiche der zwölfjährigen Luise aus Freudenberg im Siegerland war ebenfalls hier. Ihr Tod hatte bundesweit für Entsetzen gesorgt, zwei Mädchen, selbst erst 12 und 13 Jahre alt, gestanden die Tat.

Insgesamt drei Seziertische stehen in der Rechtsmedizin in Mainz - zwei in einem Raum nebeneinander, der dritte einzeln in einem Nachbarraum. Das könne praktisch sein bei Infektionsfällen, erklärt Germerott. Das sei während der Corona-Pandemie ein großes Thema gewesen und sei es immer wieder bei Fällen von Tuberkulose, Meningitis oder anderen ansteckenden Krankheiten.

"Wir sehen schon heftige Sachen"

Germerott und ihre Kolleginnen und Kollegen haben es mit Opfern von Verkehrsunfällen oder mit Leichen zu tun, die längere Zeit in Wohnungen gelegen haben, bei denen Fäulnisprozesse im Gang sind. "Wir sehen schon heftige Sachen", sagt die Leiterin, die seit 2017 in der Mainzer Rechtsmedizin arbeitet. "Man muss damit umgehen können und darf nicht so geruchsempfindlich sein - gerade im Sommer."

Für sie persönlich seien Fälle besonders traurig, bei denen Tote schon lange unbemerkt in einer Wohnung oder einem Haus gelegen hätten. Dahinter stecke, dass diese Menschen offenbar von keinem vermisst worden seien.

Neben den Seziertischen aus Edelstahl liegt ein Sammelsurium an Werkzeugen, von Messern über Skalpelle und eine Rippenschere bis hin zu einer Säge. Mit der können Schädel aufgesägt werden. Auch ein Hammer und Metallkeile gehören zur Ausstattung, um kräftige Knochen zu öffnen. Gearbeitet wird in Schutzkleidung, mit Plastikschürze, schnittfesten Handschuhen, Mundschutz.

Durcharbeiten nach der Flutkatastrophe

Je nachdem, wie komplex ein Fall ist, kann die "reine Tischzeit" bei anderthalb oder auch sieben bis acht Stunden liegen, wie die Fachärztin für Rechtsmedizin erklärt. Bei der Identifizierung von Leichen wird auf individuelle Merkmale wie Tätowierungen oder Narben geschaut. Wenn jemand Platten oder Schrauben eingesetzt bekommen habe, könne er über deren Nummer oder Kennung bestimmt werden, sagt Germerott.

Auch Fingerabdrücke, Zähne oder DNA können helfen. Sehr individuell seien zudem die Nasennebenhöhlen eines Menschen. Ob Nebenhöhlen oder Zähne, es braucht allerdings Vergleichsmaterial, also beispielsweise frühere Röntgen- oder Computertomographie-Aufnahmen genau davon.

Das war Germerott zufolge ein Problem bei Flutopfern aus dem Ahrtal. Bei der Katastrophe im Sommer 2021 wurden viele Praxen zerstört und damit mögliches Vergleichsmaterial. Die Leiterin der Rechtsmedizin erinnert sich noch gut an die Zeit. Vorübergehend sei ein zweiter Standort in Koblenz aufgemacht worden. "Wir haben zwei Wochen durchgearbeitet."

Alltag anders als in Fernsehkrimis

So aufregend wie in dieser Phase oder wie in Fernsehkrimis sei der Arbeitsalltag aber definitiv nicht immer. Es gebe auch reine Schreibtischtage, an denen Gutachten geschrieben werden. Es sei auch nicht so, dass Rechtsmediziner quasi die rechte Hand ermittelnder Kommissare in Mordfällen seien.

Sehr wohl können die Gutachten und Beobachtungen aber entscheidend dafür sein, wie eine Tat bewertet oder ein Unfall gesehen wird, nicht zuletzt vor Gericht. Wenn ein Hämatom am Oberarm auf der Außenseite sei, könne ein Opfer durchaus gestürzt sein, sagt Germerott. Befinde sich der Bluterguss auf der Innenseite des Armes, spreche einiges dagegen.

Die Rechtsmediziner suchen nach Projektilen in Leichnamen erschossener Menschen, schauen nach möglichen Behandlungsfehlern bei Toten. Letzteres habe zugenommen, sagt Germerott. Medizinische Behandlungen würden heutzutage mehr hinterfragt. Ihr Team hat es im Schnitt mit ein bis zwei Obduktionen nach Tötungsdelikten pro Monat zu tun. 2025 waren es rund 700.

"Ein Stückweit Saisonarbeit"

Im Gegensatz zu vielen anderen rechtsmedizinischen Häusern hat das Mainzer Institut seit 2021 einen eigenen Computertomografen. In der Regel werde von jeder Leiche zunächst ein Ganzkörper-Scan gemacht, sagt Germerott. Die dreidimensionalen Bilder könnten helfen, Projektile schneller zu orten. Mit dem CT ließen sich beispielsweise auch kleine Metallfragmente finden, die mit bloßem Auge nicht zu sehen wären, Knochenbrüche würden schnell sichtbar.

Bei heißem Wetter häufen sich Leichen mit Insektenbefall. Manchmal könne die Art der Insekten - Germerott spricht von "Leichenbesiedlung" - Aufschluss darüber geben, wie lange ein Mensch schon tot sei und ob der Fundort dem Ort einer Tat entspricht. Im Frühjahr kämen mehr tote Motorradfahrer, die nach dem Winter wieder auf ihre Maschinen gestiegen seien, in Hochsommerwochen mehr Badetote. Ein Stückweit sei es Saisonarbeit, sagt die Leiterin.

Quelle: dpa

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