Sachsen-AnhaltCSD: Angriff in Berlin wirkt bis nach Sachsen-Anhalt

Berlin steht unter Schock, nachdem ein Auto während des CSD in Passanten gefahren ist. Auch in Sachsen-Anhalt werden Erinnerungen wach - und alte Forderungen nach mehr Sicherheit laut.
Magdeburg/Berlin (dpa/sa) - Dass am Rande des CSD in Berlin ein Auto in eine Menschenmenge gefahren und dabei mindestens ein Mensch gestorben ist, sorgt auch in Sachsen-Anhalt für Fassungslosigkeit. "Wir waren gestern selbst bis zum Ende vor Ort", sagte der Sprecher des CSD Sachsen-Anhalt, Falko Jentsch, der Deutschen Presse-Agentur.
Angriffe wie in Berlin lähmten nicht nur die Leichtigkeit auf den Veranstaltungen, sie führten auch in Sachsen-Anhalt zu einem Teilnehmerrückgang und veränderten den Grundgedanken des CSD, sagte Jentsch. Justizministerin Franziska Weidinger (CDU) erinnerte kurz nach dem Vorfall auch an die Todesfahrt von Magdeburg.
Der Angriff in Berlin ereignete sich am späten Samstagabend. Die Behörden fahnden seitdem nach dem 21-jährigen Abdul B., der mehr als ein Dutzend Menschen mit einem Van angefahren haben soll. Eine Frau wurde so schwer verletzt, dass sie starb. Der Verdächtige ist den Angaben der Polizei nach polizeibekannt und wird der islamistischen Szene in Berlin zugerechnet.
Veranstalter: Immer "diffuse Gefahrenlage" vor einem CSD
Das in Berlin Geschehene werde wahrscheinlich Konsequenzen für den CSD in Magdeburg am 22. August haben, sagte Jentsch. "Ich habe nach gestern gleich gedacht, dass es gut ist, dass wir in diesem Jahr auf dem Domplatz und nicht auf dem Alten Markt sind." Dort seien die Menschen besser zu schützen, gleichzeitig könne man kurz vor der Landtagswahl am 6. September vor dem Landtag präsent sein.
In den nächsten Tagen soll es Gespräche geben, in denen es auch darum gehen soll, wie für Sicherheit während des CSD in der Landeshauptstadt gesorgt werden soll. "Das findet jetzt nach Berlin natürlich vor einem ganz neuen Hintergrund statt", sagte Jentsch.
In Sachsen-Anhalt gebe es vor den CSD-Veranstaltungen "schon seit Jahren eine diffuse Gefahrenlage", sagte er. "Da sprechen wir schon lange nicht mehr über ein Polizeiauto, das uns begleitet, sondern von Hundertschaften."
Mögliche Störungen und Angriffe beherrschten immer die Wochen vor den Veranstaltungen, sagte der CSD-Sprecher. "Wenn dann woanders was passiert, wird einem nochmal viel präsenter, dass es diese Gefahren gibt." Insgesamt sei alles eine "sehr bedenkliche Entwicklung".
Vorfälle aus der Vergangenheit hätten unter anderem dazu geführt, dass etwa junge Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht mehr kämen, weil die Eltern Sorge um sie hätten. "So erreichen CSD-Gegner dann ja ihr Ziel."
Ministerin: Angriff reißt Wunden auf
Justizministerin Franziska Weidinger hatte nach dem Angriff in Berlin auch auf die Parallelen zur Todesfahrt auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt hingewiesen. "Wir wissen aus eigener, schmerzhafter Erfahrung nach dem Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt am 20. Dezember 2024, was Betroffene, Angehörige und eine ganze Gesellschaft in solchen Momenten durchleben", sagte die CDU-Politikerin der Deutschen Presse-Agentur. "Die Ereignisse in Berlin reißen bei uns in Sachsen-Anhalt Wunden auf, die längst nicht verheilt sind."
Ende 2024 war in Magdeburg ein Mann mit einem 340 PS starken Mietwagen durch eine Lücke zwischen Betonabsperrungen auf den belebten Weihnachtsmarkt gefahren. Fünf Frauen und ein neunjähriger Junge starben, Hunderte Menschen wurden verletzt. Der Todesfahrer wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.
Wie kann nach solchen Vorfällen geholfen werden?
Der CSD erinnert an die Aufstände der queeren Community in der Christopher Street in New York City (USA) 1969. Immer wieder warnten Veranstalter in den vergangenen Jahren vor Angriffen und Gewalt und wiesen auf die zunehmende Angst in der queeren Community hin.
Auch die Landesopferbeauftragte Gabriele Theren drückte nach dem Angriff in Berlin ihr Mitgefühl aus. "Der Anschlag in Berlin erschüttert uns zutiefst", sagte sie der dpa. "Wichtig ist, dass alle Helferinnen und Helfer eng mit Betroffenen und Hinterbliebenen zusammenarbeiten, um psychosoziale Unterstützung, Entschädigungsverfahren und Begleitung sicherzustellen."
Wann in Sachsen-Anhalt in diesem Jahr noch CSD gefeiert wird
In diesem Jahr fanden in Sachsen-Anhalt schon mehrere CSD-Veranstaltungen statt, unter anderem in Dessau-Roßlau, Wittenberg und Sangerhausen. Im vergangenen Jahr wurde beispielsweise beim CSD in Köthen die Route aus Sicherheitsgründen nicht vorab veröffentlicht. Zuvor hatten Unbekannte in Wernigerode vor dem CSD unter anderem die Tür eines Jugendzentrums in Schwarz-Weiß-Rot - den Farben der Reichsflagge - angestrichen. Auch eine mutmaßliche Gewaltdrohung war später bekanntgeworden.
Im August und September dieses Jahres will die queere Communitiy in Sachsen-Anhalt noch in Naumburg (1. August), Magdeburg (22. August), Halle (12. September) und Stendal (26. September) zusammenkommen.
Auch in Berlin hatten Menschen aus Sachsen-Anhalt am CSD teilgenommen, sagte Jentsch. "Wir haben auch einen eigenen Truck dort gehabt und sind mit den Berlinern gut vernetzt." Einen Tag nach dem Angriff will sich das sachsen-anhaltische Organisatorenteam auch am Gedenken in Berlin beteiligen.