Regionalnachrichten

Sachsen-AnhaltJüdisches Leben - zwischen Begegnung und Bedrohung

22.04.2026, 04:02 Uhr
Trotz-der-Schutzmassnahmen-sind-wir-offen-sagt-Rimma-Fil-Geschaeftsfuehrerin-des-Landesverbands-Juedischer-Gemeinden-Sachsen-Anhalt

In Magdeburg lädt die Synagoge regelmäßig zu Begegnungen ein – trotz ständiger Polizeipräsenz und wachsender Sorge vor Antisemitismus. Wie der Landesverband jüdischer Gemeinden darauf blickt.

Magdeburg (dpa/sa) - Einladend öffnet Rimma Fil die große Holztür. "Kommen Sie nur herein", sagt sie und lächelt. Die Polizisten vor der Synagoge in Magdeburg sind immer in Ruf- und Reichweite - doch offene Türen gehören für Rimma Fil als Jüdin zu ihrem Selbstverständnis. Synagogen seien nicht nur ein Gebetsort, sagt die Geschäftsführerin des Landesverbands Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt. "Sie sind auch ein Ort der Begegnung und ein Ort des Lernens."

Vor gut zweieinhalb Jahren ist die Synagoge in der Landeshauptstadt eröffnet worden. Seitdem hätten etwa 5.000 Menschen die Synagoge besucht, sagt Fil. Dazu gehören Erwachsene, aber auch viele Schulklassen waren da. Außerdem fänden hier regelmäßig Konzerte und andere Kulturveranstaltungen statt, sagt Fil. "Das gehört auch zu jüdischem Leben. Trotz der Schutzmaßnahmen sind wir offen."

"Wir erleben eine Welle von Antisemitismus"

In Sachsen-Anhalt gibt es in Magdeburg, Dessau-Roßlau und Halle derzeit drei traditionelle Gemeinden mit insgesamt rund 1.200 Mitgliedern. Viele Jüdinnen und Juden seien gut integriert, sagt Fil. Sie verfügten oft über die deutsche Staatsbürgerschaft, für die Kinder sei Deutsch die Muttersprache. Und doch sei ein Thema immer irgendwie präsent: Antisemitismus.

"Wir erleben eine Welle von Antisemitismus. Das geschieht im Internet, aber auch in Schulen. Viele Juden haben Angst, als Juden erkannt zu werden – sie zeigen ihre Identität nicht offen", sagt die Geschäftsführerin. Eine klare Einordnung nach politischen Lagern hilft aus ihrer Sicht nur begrenzt. "Ich kann nicht sagen, ob der Antisemitismus von Linksextremen oder der Antisemitismus von Rechtsextremen gefährlicher ist. Extremismus ist wie ein Virus, der die Gesellschaft erwischt hat."

Straftaten mit antisemitischer Tatmotivation

In Sachsen-Anhalt hat die Polizei in den Jahren 2020 bis 2024 insgesamt 588 politisch motivierte Straftaten mit antisemitischer Tatmotivation registriert. Die Fallzahlen stiegen von 87 (2020) über 111 (2021) auf 144 (2022) und gingen anschließend auf 130 (2023) und 116 (2024) zurück. Die Entwicklung müsse jedoch vor dem Hintergrund von Maßnahmen zur Bekämpfung von Antisemitismus bewertet werden, erklärt das Landeskriminalamt auf Anfrage. Eine gestiegene Anzeigebereitschaft könne durch intensiveren Austausch und Zusammenarbeit mit Beratungsstellen das "Hellfeld" vergrößert haben.

Die Landesregierung hat die Förderung des jüdischen Lebens in den vergangenen Jahren ausgebaut. "Jüdisches Leben gehört seit weit mehr als tausend Jahren zu unserer Region und gehört zur Identität unseres Landes", erklärt die Staatskanzlei. Der Schutz aller jüdischen Einrichtungen wird ununterbrochen gewährleistet. Die Bewachung beruhe auf einer Einschätzung der Gefahrenlage durch die Sicherheitsbehörden, heißt es dazu auf Anfrage. "Die Gefahrenlage hat sich seit dem Hamas-Überfall auf Israel im Oktober 2023 noch einmal erhöht."

"Eine Minderheit ist aktiver und aggressiver"

Für die Jüdinnen und Juden selbst ist wichtig, dass Begegnungen weiterhin möglich bleiben. Es gebe in der Gesellschaft viele Vorurteile und Fragen, sagt Rimma Fil. "Deshalb müssen wir mit den Menschen reden." Man wolle aber keinesfalls "besonders" sein. "Wir wünschen uns Frieden und Respekt." Viele Menschen stünden an der Seite der jüdischen Gemeinden – das sei die Mehrheit. "Aber eine Minderheit ist aktiver und aggressiver."

Mitte Mai sollen die Türen der Magdeburger Synagoge wieder weit geöffnet werden, um Einblick in jüdisches Leben zu geben. Dann steht die Einweihung einer alten Thora-Rolle an.

Quelle: dpa

Regionales