Sachsen-AnhaltSchwitzen im Talar, Blumen im Haar – Luther-Paar gesucht

Jedes Jahr sucht Wittenberg ein neues Luther-Paar für das Stadtfest "Luthers Hochzeit". Welche Voraussetzungen Bewerber erfüllen müssen und warum die Rolle von Martin Luther schwer zu besetzen ist.
Wittenberg (dpa/sa) - Das schwarze Gewand reicht bis zu den Schuhen, auf dem Kopf sitzt eine runde schwarze Kappe. So geht Bernhard Naumann über den Wittenberger Marktplatz. Schon nach wenigen Schritten bleiben die ersten Touristen stehen. Handys werden gezückt, eine Frau bittet um ein Foto. Eine Schulklasse läuft vorbei, einige Kinder rufen über den Platz: "Luther!" Naumann bleibt stehen, lächelt und spielt die Rolle, die er seit Jahrzehnten kennt.
Bis heute ist die Figur des Reformators in Wittenberg präsent. Einmal im Jahr rückt sie zum historischen Stadtfest "Luthers Hochzeit" besonders in den Mittelpunkt. Dann verkörpern zwei Menschen aus der Gegenwart für ein Wochenende das bekannteste Ehepaar der Stadtgeschichte: Martin Luther und Katharina von Bora. Sie eröffnen das Fest, besuchen Vereine, begrüßen Gäste und ziehen drei Tage lang durch die Altstadt.
Wer diese Rollen übernimmt, entscheidet sich jedes Jahr neu. An diesem Donnerstag wird das aktuelle Paar vorgestellt. Aber wie wird man eigentlich ein Wittenberger Luther-Paar?
Kein klassisches Casting
In den Anfangsjahren kamen Luther und Katharina meist aus dem Kreis der Initiatoren und beteiligten Vereine. Viele Darsteller gehörten zu den Gruppen, die das Fest organisierten und trugen. Mit der wachsenden Bedeutung des Stadtfestes wurde die Suche nach geeigneten Luther-Paaren später ausgeweitet, erinnert sich Denis Lehmann, Projektleiter der Marketinggesellschaft der Stadt.
Ein klassisches Casting gibt es bis heute nicht. "Es gibt jetzt keine Talkshow oder Castingshow", sagt der 52-Jährige. "Die Auswahl entsteht in vielen Gesprächen." Häufig kennen die Organisatoren mögliche Kandidaten bereits aus dem Stadtleben. Viele engagieren sich in Vereinen oder wirken ohnehin am Fest mit. In diesem Umfeld beginnt meist die Suche nach einem passenden Paar. Inzwischen erweitern die Veranstalter den Kreis jedoch. In diesem Jahr veröffentlichte die Marketinggesellschaft am Valentinstag zusätzlich einen Aufruf auf Instagram, um weitere Interessenten zu erreichen.
Die Entscheidung fällt in der Marketinggesellschaft. "Wir sind hier acht Leute im Büro und am Ende hat jeder eine Stimme", erklärt Geschäftsführerin Sandra Wilking. Die Entscheidung sei jedoch überwiegend schnell klar. "Bisher musste noch kein Paar in die Kampfabstimmung."
Überwiegend bewerben sich Frauen
Mit den Jahren haben die Organisatoren auch einige Erfahrungen gesammelt. Eine betrifft die Bewerbungen selbst. "Es haben sich ganz viele Frauen gemeldet", sagt Lehmann. Für viele sei die Rolle von Katharina von Bora besonders reizvoll: ein historisches Kleid, Blumen im Haar und ein festlicher Auftritt. "Und der Mann, der drückt sich." Ganz unrecht hat er damit wohl nicht. Während Katharina im prächtigen Gewand auftritt, steckt Luther im schwarzen Talar – und das mitten im Sommer.
Eine weitere Erkenntnis betrifft die Zusammensetzung des Luther-Paares. Früher kam es vor, dass einzelne Bewerber ausgewählt und anschließend miteinander kombiniert wurden. Heute suchen die Organisatoren bevorzugt Paare, die sich bereits kennen oder zusammen sind. Wer mehrere Tage lang gemeinsam durch das Festprogramm geht, Vereine besucht und ständig im Mittelpunkt steht, muss gut miteinander harmonieren. Paare, die sich vertraut sind, wirken natürlicher und erleichtern auch die Organisation.
Dass das Luther-Paar nicht zwingend aus Wittenberg stammen muss, zeigt eine Geschichte, an die sich Lehmann besonders gern erinnert. Eines Tages klingelte sein Telefon. Am anderen Ende meldete sich ein Mann mit den Worten: "Mein Name ist Jens Luther und ich würde gern mit meiner Lebensgefährtin die Rolle spielen." Der Anrufer kam aus dem thüringischen Rudolstadt und hatte keine Verbindung zu Wittenberg. Trotzdem lud man ihn ein. Als er schließlich in Wittenberg erschien, war der Eindruck verblüffend. "Der kam hier rein, eins zu eins Martin Luther", erinnert sich Lehmann. Die Geschichte nahm eine besondere Wendung: Während des Festes heiratete das Paar nach jahrzehntelanger Beziehung.
Auftreten und Persönlichkeit sind wichtig
Eine große Ähnlichkeit mit den historischen Figuren kann hilfreich sein, entscheidend ist sie jedoch nicht. Wichtiger sind Auftreten und Persönlichkeit. "Wir suchen positive Menschen, die diese Figuren auch positiv verkörpern können", sagt Wilking. Wer Luther oder Katharina spielt, muss auf Menschen zugehen können, Gäste begrüßen und mit den Vereinen ins Gespräch kommen, die das Fest gestalten. Das Luther-Paar ist schließlich nicht nur Teil der Kulisse, sondern auch Botschafter des Stadtfestes. "Es braucht die Lust, sich da reinzuwerfen in das Fest."
Mit der Wahl beginnt allerdings auch eine intensive Vorbereitung. Wochen vor dem Fest stehen Anproben im Trachtenverein an, der die historischen Gewänder anpasst. Hinzu kommen Gespräche, Einweisungen, Pressetermine und ein offizieller Auftakt. Während des Festwochenendes selbst ist das Luther-Paar nahezu ununterbrochen unterwegs. "Von Freitag mit Vorbereitung, Gewandung und Schminken bis Montag ist man eigentlich durchgehend beschäftigt", beschreibt die 47-Jährige den Ablauf.
Ganz ohne historisches Wissen geht es nicht. Das Paar erhält eine kurze Einführung in das Leben von Martin Luther und Katharina von Bora. Wissenschaftliche Vorträge erwartet allerdings niemand. Wenn während des Festes schwierige Fragen auftauchen, hilft ein sogenannter Herold. Im Mittelalter war das ein Zeremonienmeister und Bote. Auch beim Stadtfest begleitet er das Luther-Paar durch das Programm und unterstützt bei den Auftritten. "Der zieht sie dann auch aus einer Situation raus, die vielleicht ein wenig unangenehm sein könnte", sagt Lehmann.
Manchmal wird die Rolle bewusst anders vergeben, besonders in Jubiläumsjahren. So war es im vergangenen Jahr, als sich Luthers Hochzeit zum 500. Mal jährte. Für diesen Anlass übernahmen der Landrat des Landkreises Wittenberg und seine Ehefrau die Rollen. In solchen Jahren setzen die Veranstalter gezielt auf Persönlichkeiten, die in der Stadt bekannt sind. Sie sollen dem Fest zusätzliche Aufmerksamkeit verleihen.
"Es ist etwas sehr Besonderes"
Bernhard Naumann weiß aus eigener Erfahrung, was diese Rolle bedeutet. Der gebürtige Wittenberger hat den Reformator auf dem Stadtfest bereits vier Mal verkörpert. Für den heute 71-Jährigen ist der Auftritt im schwarzen Talar mehr als ein historisches Spiel. "Es ist etwas sehr Besonderes. Entsprechend sollte man sich verhalten", sagt er. Dazu gehöre auch Disziplin. "Es kann nicht sein, dass man in dieser Rolle und schon gar nicht in diesem Gewand nachts halb eins besoffen vom Hocker fällt."
Während andere Darsteller das Gewand nach dem Fest wieder ablegen, tritt Naumann bis heute gelegentlich als Reformator auf. In der Region gilt er als "Fernseh-Luther". Wenn Fernsehinterviews anstehen oder hochrangige Gäste in Wittenberg empfangen werden, ist seine Erfahrung gefragt.
Wie Luther tatsächlich gewesen ist, darüber lässt sich bis heute streiten. "Wir wissen nicht genau, wie Martin Luther wirklich war", sagt Naumann. Gleichzeitig sei der Reformator eine der am besten dokumentierten Persönlichkeiten seiner Zeit. "Wir haben aus jedem Blickwinkel Einschätzungen von Freund und Feind." Aus diesen Quellen entstehe ein vielschichtiges Bild: Luther sei aufbrausend, cholerisch und mitunter sehr derb gewesen. "Das hat aber auch an der Zeit gelegen."
Während Naumann auf dem Marktplatz noch für ein Foto posiert, läuft hinter den Kulissen längst die nächste Suche nach dem Luther-Paar für 2027.