Sachsen-AnhaltNS-Raubgut und Kolonialzeit: Museen prüfen ihre Sammlungen

Museen, ihre Exponate und offene Fragen: In Sachsen-Anhalt gehen Forscher der Herkunft von Sammlungsstücken auf die Spur.
Bernburg (dpa/sa) - Sechs Forschungsprojekte in Museen in Sachsen-Anhalt widmen sich aktuell der Herkunft von Kulturgütern in ihren Sammlungen. Es geht teils um einen kolonialen Kontext, teils um Raubgut aus der Zeit des Nationalsozialismus und teils um Kulturgut-Entzug in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der DDR, wie Annette Müller-Spreitz vom Museumsverband Sachsen-Anhalt auf Anfrage erklärte.
Die Forschung befasst sich mit der Herkunft einzelner Kulturgüter. Ziel ist es, herauszufinden, ob diese rechtmäßig dorthin gelangt sind, wo sie sich heute befinden.
Fast 200 Objekte vermutlich jüdischer Herkunft
Ein Projekt befasst sich seit Anfang des Jahres mit 176 Objekten vermeintlich jüdischer Herkunft. Das Vorhaben läuft demnach in 22 Museen und wird von der Moses Mendelssohn Akademie Halberstadt verwaltet. In Sachsen-Anhalt sei es als Leuchtturmprojekt anzusehen, sagt Müller-Spreitz. Wegen "fehlender personeller und finanzieller Ressourcen und oft mangelnder Expertise in der Provenienzforschung" könnten die Museen einzeln kaum dem Verdacht nachgehen, dass Kulturgut aus jüdischer Herkunft stamme und in der NS-Zeit entzogen wurde.
"Fehlende Puzzleteile" in Objektbiografien
Es gehe um "fehlende Puzzleteile" in Objektbiografien von Gegenständen des jüdischen Alltags und um Dinge, die mit einem jüdischen Namen in der Museumsdokumentation stünden. Geforscht werde an Objekten, "bei denen der Verdacht besteht, dass sie in der NS-Zeit verfolgungsbedingt verkauft, abgepresst oder zurückgelassen worden sein könnten". Die Leitung habe das Halberstädter Berend Lehmann Museum für jüdische Geschichte und Kultur.
Koordinierungsstelle seit 2019 aktiv
In einem weiteren Projekt werden Unterlagen des Landesamtes zur Regelung offener Vermögensfragen mit Unterstützung des Landesarchivs geprüft und ausgewertet. Auch die Stiftung Luthergedenkstätten Wittenberg, die Anhaltische Gemäldegalerie Dessau und die Franckeschen Stiftungen in Halle befassen sich aktuell mit Provenienzforschung, teilte der Museumsverband mit. Unter seinem Dach arbeitet seit 2019 eine Koordinierungsstelle Provenienzforschung, die Museen bei der Erforschung der Herkunft von Objekten berät.
Insgesamt haben in Sachsen-Anhalt den Angaben nach bislang 43 Museen ihre Bestände auf NS-Raubgut und auf einen kolonialen Kontext geprüft. Viele Museen hatten den Angaben zufolge Berührungspunkte mit dem Kulturgut-Entzug in der Sowjetischen Besatzungszone oder in der DDR.
Zum internationalen Tag der Provenienzforschung am Mittwoch (8. April) soll es laut Museumsverband sieben Veranstaltungen in Sachsen-Anhalt geben, darunter Führungen und eine Buchpräsentation. Provenienzforschung untersucht die Herkunft und Geschichte von Kulturgütern im historischen Kontext.