SachsenFehlende Fahrer und hohe Energiepreise belasten Tafeln

Oft reichen schon zwei Stunden pro Woche, um mitzuhelfen. Warum Sachsens Tafeln dennoch händeringend Ehrenamtliche suchen und welche Folgen das für die Versorgung hat.
Dresden (dpa/sn) - Sachsens Tafeln suchen händeringend nach mehr Fahrern für die Abholung von Lebensmitteln. "Ich kenne keine Tafel, die nicht mehr Ehrenamtler bräuchte, vor allem Fahrer", sagte Stephan Trutschler, Pressesprecher und stellvertretender Vorstand der Tafel in Meißen.
Wenn Fahrer fehlen, bleiben Lebensmittel liegen
Gerade in der Ferienzeit kommt es zu Engpässen, denn auch die Ehrenamtlichen seien im Urlaub. Teilweise ist das Personal so eng, dass die Teams die Essensabholungen zurückfahren müssen. "Wenn es einfach nicht genug Fahrer gibt, dann können wir zu einem Markt, wo wir sonst dreimal die Woche abholen, nur einmal fahren."
Freiberger Tafel musste schließen
In Freiberg musste die Tafel sogar zwischenzeitlich ganz schließen. Erst seien die Fahrzeuge an sich das Problem gewesen, dann gab es keine Fahrer mehr. Nach einem Trägerwechsel kann es dort aber weitergehen.
Einfach ist es nicht, neue Helfer für die Tafel zu gewinnen. Er habe das Gefühl, beim Ehrenamt gelte bei vielen das Motto: "Ist gut, wenn andere es machen, ich muss aber nicht." Dabei würden schon zwei oder drei Stunden Unterstützung pro Woche reichen, etwa bei der Essensausgabe oder beim Gemüse putzen.
In Meißen hat Trutschler daher eine Kampagne mit Flyern ins Rollen gebracht. Sie liegen unter anderem in Arztpraxen und bei der Stadtverwaltung aus. Darauf die dringende Bitte: "Meldet euch!"
Hohe Sprit- und Stromkosten belasten die Tafeln
Immer größere Sorgen bereiten den Tafeln auch die gestiegenen Preise für Sprit und Strom. "Das ist eine Katastrophe", sagt Trutschler. Inzwischen müsse man genau überlegen, ob sich eine Abholung wirklich lohne, wenn die Menge nicht groß genug ist.
Besonders trifft das die Tafeln abseits der großen Städte, die sowohl für die Abholungen als auch bis zu den Ausgabestellen oft größere Distanzen fahren müssen. "Wenn im Erzgebirge einer 160 Kilometer fährt und dann irgendwo Waren im Wert von 30 Euro einfährt, dann ist das ein Problem", so Trutschler.
Stromkosten in Dresden verdreifacht
Hinzu kommen höhere Energiekosten: Seit etwa die Tafel in Dresden ihr Kühlhaus vor zwei Jahren an einen anderen Standort verlegen musste, hat sich die Stromrechnung auf 3.000 Euro verdreifacht.
Die gestiegenen Kosten könnten sich bald auch bei den Kunden der Tafeln bemerkbar machen. In Meißen habe der Vorstand gerade erst eine Preiserhöhung diskutiert. Ein Warenkorb könnte dort dann 5 Euro statt wie bisher 4 Euro kosten. Im Vergleich zum Supermarkt würde es sich trotzdem lohnen: Ein Warenkorb enthält laut Trutschler in der Regel Lebensmittel im Wert von 25 bis 40 Euro.
Kreative Ideen gegen leere Kassen
Seit Jahren fordert der Landesverband daher die Regierung auf, einen Teil der jährlich 400.000 Euro Fördermittel zur freien Verwendung zur Verfügung zu stellen. Das Geld könnte dann auch für laufende Kosten genutzt werden.
Bis es so weit ist, setzt Trutschler auf kreative Lösungen, um die gröbsten Finanzlöcher zu stopfen. Er hält etwa Vorträge gegen Spenden, die dann Kosten die nächste Tankfüllung abdecken.
KI sorgt für weniger Spenden aus Supermärkten
Ein Trend, den die Tafeln bereits seit längerem beklagten, hält an: Weil Supermärkte auf Künstliche Intelligenz (KI) setzen, um ihre Wareneinkäufe effizienter zu machen, fallen weniger Spenden ab. Grundsätzlich würden die Tafeln begrüßen, dass es dadurch weniger Lebensmittelverschwendung gibt, so Trutschler. "Aber es fällt uns natürlich auf die Füße."
Bundesweites Netzwerk hilft kleineren Tafeln
Inzwischen hat jedoch ein bundesweites Verteilsystem etwas Abhilfe geschaffen. Der Bundesverband der Tafeln arbeite massiv an der Akquise von Großspenden, die Waren werden dann über Regionen hinweg verteilt und ausgetauscht. Davon profitieren besonders kleinere Tafeln. "Wir haben zum Beispiel in Niesky Riesenprobleme, weil es dort nicht so viele Märkte und Bäckereien gibt", erklärt Trutschler.
Die Tafel Torgau etwa hat gute Kontakte in die Oberpfalz, wo ein Unternehmen ein bis zwei Mal monatlich bis zu zwei Tonnen Fleischwaren wie Schinkenendstücke oder Leberkäse spendet. "Die Torgauer fahren dann mit einem Transporter runter nach Bayern und beliefern auf dem Rückweg mehrere Tafeln", sagt Trutschler.
Sächsische Milchprodukte gegen Getränke aus Tschechien
Auch mit den Kollegen in Tschechien gibt es einen Warenaustausch: "Wir haben da seit Jahren einen Deal, das läuft sehr gut." Die dortige staatlich organisierte Foodbank bekomme durch eine Vereinbarung mit einem Hersteller monatlich Dutzende Tonnen Getränke. Sachsen hat hingegen mit einer großen Molkerei einen "fantastischen Spender", zusätzlich liefert ein Unternehmen aus Bayern regelmäßig zu viel produzierte Milchprodukte an, die auf tschechischer Seite des Erzgebirges fehlen.
Im Freistaat sind laut Landesverband 45 Tafeleinrichtungen mit etwa 110 festen und mobilen Ausgabebestellen tätig. Über 1.000 Ehrenamtliche helfen dort beim Einsammeln, Sortieren und Ausgeben der Lebensmittel. Im vergangenen Jahr verzeichneten sie rund 900.000 Abholungen, insgesamt fast 1.200 Tonnen Waren wurden verteilt.