Sachsen"Sicher ist sicher" - Kuscheltiere für Sohn im Gepäck

Nach dem Fund einer Weltkriegsbombe müssen 18.000 Menschen die Innenstadt verlassen. Wie erleben die Dresdner die große Evakuierung und was haben sie im Gepäck?
Dresden (dpa/sn) - Marie-Sophie Pietsch steht mit gepackter Tasche in der Hand auf der Straße - sie wohnt und arbeitet in dem Teil der Dresdner Innenstadt, der nach dem Fund einer Weltkriegsbombe evakuiert werden muss. Was sie eingepackt hat? "Einmal Wechselsachen, ein paar Kuscheltiere für meinen Sohn. Sicher ist sicher." Falls doch länger dauert als die letzten Male, sagt Pietsch. Die junge Frau nimmt es gelassen, schließlich ist es schon das zweite Mal, dass sie evakuiert werden. Den Tag will sie nutzen, um im Einkaufszentrum Elbepark ein paar Sachen zu erledigen.
Am Dienstag waren auf dem Gelände der abgerissenen Carolabrücke zwei verdächtige Gegenstände untersucht worden, die im Boden versteckt lagen. Einer davon entpuppte sich als 250 Kilogramm schwere britische Fliegerbombe mit Zünder. Ein Großteil der Dresdner Innenstadt muss evakuiert werden. Etwa 18.000 Menschen sind betroffen. Rund 300 sind in der Notunterkunft in der Messe Dresden untergekommen.
"Ich nehm's wie's kommt"
Eine von ihnen ist auch Hannerose Katterfeld-Siebenschuh. Die ehemalige Opernsängerin ist in der Notunterkunft in der Messe Dresden untergekommen. Sie lässt sich von der Evakuierung nicht unterkriegen. "Der Himmel hat mir schon ein langes Leben beschert. Ich nehm’s wie’s kommt", sagt sie.
Die ehemalige Opernsängerin wohnt seit zwölf Jahren in Dresden und macht die dritte Evakuierung mit. Verwandte oder Bekannte hat sie in Dresden nicht und hätte sich am Morgen mehr Betreuung gewünscht. "Es war nicht gut organisiert", findet sie. "Da kümmert sich auch keiner."
Anwohnerin Marie-Theres Langner sieht die Situation gelassen. "Klar, nerven tut’s, aber was will man anderes machen?", sagt sie. Auch für sie ist es bereits die dritte Evakuierung: "Wir sind da schon geübt, den Evakuierungsbereich pünktlich und vor allem zügig zu verlassen." Gerade mit Kind sei sie aber erleichtert gewesen, dass die Evakuierung nicht schon am Dienstagabend notwendig war. Sie kommt mit ihrer Familie bei der Schwiegermutter unter.
Herausfordernde Situation für Pflegeheime
Eine Herausforderung stellt die Evakuierung trotz aller Routine für die Pflegeheime dar. "Das war ein ziemlicher Kraftakt die letzten drei Tage", berichtet Jeanette Scharfe, die als Pflegedienstmitarbeiterin Menschen aus dem betreuten Wohnen in die Notunterkunft begleitet und dort betreut. 200 Bewohner habe man in anderen Einrichtungen unterbringen müssen. "Die ersten Kollegen waren früh um fünf schon da und haben die Leute in andere Einrichtungen gebracht", erzählt Scharfe.
Dresden hat Routine mit Bombenfunden. Die Elbestadt war am 13. Februar 1945 und in den Tagen danach bei Angriffen englischer und US-amerikanischer Bomber schwer zerstört worden. Bis heute werden bei Bauarbeiten immer wieder Blindgänger gefunden, allein bei den Abrissarbeiten der eingestürzten Carolabrücke gab es im vergangenen Jahr bereits vier Fälle. Im August waren 17.000 Betroffene für eine Entschärfung evakuiert worden.