Reise

"Fotografieren verboten!" Besuch auf dem Tempelberg

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Israelische Polizei ist ständig auf dem Tempelberg präsent.

(Foto: Ulrich W. Sahm)

Nach Ausbruch der Intifada im Herbst 2000 wurde der Jerusalemer Tempelberg für nicht-muslimische Touristen gesperrt. Mittlerweile dürfen Touristen wieder das "Erhabene Heiligtum" besuchen. Verboten ist weiterhin das Betreten der beiden Moscheen, Felsendom und El Aksa. Ulrich W. Sahm hatte die ungewöhnliche Chance, auch das Innere der Moscheen zu sehen.

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"No photo, no photo!"

(Foto: Ulrich W. Sahm)

"No photo, no photo" brüllt plötzlich ein Beamter des Wakf, der von Jordanien bezahlten Verwaltungsbehörde des Jerusalemer Tempelberges. Der Mann im langen grauen Mantel mit der Kappe frommer Moslems auf dem Kopf fuchtelt mit einem Funkgerät und gibt dem Stativ einer Fernsehkamera einen deftigen Tritt. Betroffen ist eine Gruppe Journalisten, die ausnahmsweise und auf Einladung des Wakf auch das Innere der beiden Moscheen besuchen und fotografieren darf.

Seit dem Ausbruch der Intifada im Herbst 2000 ist es Touristen und Nichtmoslems verboten, den Felsendom mit seiner goldenen Kuppel und die El Aksa Moschee zu betreten. "Da kann ich nichts machen, die ändern ständig ihre Beschlüsse", sagt der Vertreter des Wakf kopfschüttelnd, der die Presseleute nahe dem Stefanstor abgeholt hatte. Amir Cheschin, ehemaliger Berater "für arabische Angelegenheiten" des Jerusalemer Bürgermeisters, führt die Gruppe. Doch auch ihm gelingt es trotz guter Beziehungen zu der muslimischen Behörde nicht, den Untergrund des Tempelberges für die Presse zu öffnen. Dort befindet sich die seit Dezember 2000 zunächst heimlich ausgebaute größte unterirdische Moschee der Welt in den "Ställen Salomons". Verboten ist den "Ungläubigen" auch der Zugang zur Krypta unter der El Aksa Moschee, wo es noch Gewölbe mit Stuckdecken aus der Zeit von König Herodes gibt. Jesus muss sie gesehen haben, als er den Tempel betrat.

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Eine von vielen Studiengruppen auf dem Tempelberg.

(Foto: Ulrich W. Sahm)

Nur wenige Stunden am Tag ist das riesige Areal mit den beiden Moscheen für "ungläubige" Touristen geöffnet, außerhalb der muslimischen Gebetszeiten. Ein neuer und recht ungewohnter Anblick sind dutzende "Studienrunden". Hunderte Moslems sitzen im Kreise und studieren gemeinsam den Koran. "Seit Jahren besteige ich mindestens einmal im Monat den heiligen Berg, aber derartiges habe ich noch nie gesehen", sagt Cheschin.

Wenn Kern, dann hier

Der Tempelberg, von den Moslems Haram Esch Scharif, das erhabene Heiligtum, genannt, von wo der Prophet Mohammad seine nächtliche Himmelfahrt auf dem Pferd Burak antrat, ist nicht nur zwischen Juden und Moslems umstritten. Die Juden behaupten, dass an der Stelle des heutigen Felsendoms einst der salomonische Tempel mit dem Allerheiligsten gestanden habe. Die Moslems dementieren das und behaupten, dass der Tempel eine jüdische Erfindung sei, um den Moslems ihr Heiligtum wegzunehmen. Falls es tatsächlich einen "Kern des Nahostkonflikts" geben sollte, so ist es dieses Plateau im Osten der Altstadt Jerusalems. Umstritten ist der Tempelberg auch zwischen Jordanien und den Palästinensern.

Ministerpräsident Jitzhak Rabin hatte schon vor der Unterzeichnung des Friedensvertrags zwischen Israel und Jordanien die Verwaltung des heiligen Bezirks dem jordanischen Königshaus überlassen und nicht an Jassir Arafat übergeben. "Die Gehälter erhalten die Mitarbeiter des Wakf aus Amman, aber sie sind Palästinenser", erklärt Cheschin. König Abdullah von Jordanien stiftete neue Gebetsteppiche für die El Aksa Moschee und bezahlte Renovierungsarbeiten im Innern des Felsendoms. Sein Vater, König Hussein, hatte 1993 die Neuvergoldung der Kuppel des Felsendoms aus eigener Tasche finanziert und die Rekonstruktion einer 1969 verbrannten hölzernen Gebetskanzel, ursprünglich von Saladin gestiftet.

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Gerüst im Inneren des Felsendoms.

(Foto: Ulrich W. Sahm)

Das Innere des im Jahr 687 bis 691 von byzantinischen Künstlern im Auftrag des Kalifen Abdel Malik ibn Marwan errichteten Felsendoms ist derzeit mit Gerüsten verschandelt. Der berühmte Felsen ist von einer hässlichen Sichtblende aus Stoff umgeben. An der Stelle, wo Abraham seinen Sohn Isaak opfern wollte und Jakob die Himmelsleiter träumte, liegen Eimer, Stricke und Werkzeug herum. Die Stelle, wo laut muslimischer Tradition Adam und Eva aus dem Paradies traten, ist für Männer gesperrt. Dort dürfen nur Frauen beten. "Weil die Renovierungsarbeiten im Innern geschehen, benötigt der Wakf dafür keine Baugenehmigung von den Israelis", sagt Cheschin.

Der weiße Stern ist übermalt

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Palästinensisch übermalte jordanische Flaggen am Grab von König Abdullah.

(Foto: Ulrich W. Sahm)

Zu dem politischen Streit um das Heiligtum erklärt Cheschin, dass niemand dort "Flagge zeigen" dürfe. Nachdem israelische Soldaten 1967 eine Flagge mit dem Davidstern gehisst hatten, ließ Mosche Dayan sie nach sieben Stunden wieder abnehmen, "um den Status Quo nicht zu verletzen". Auf dem Heiligen Berg gibt es eine israelische Polizeistation, "die einzige im ganzen Land ohne Flagge", sagt Cheschin. Auch die Palästinenser hielten sich an diesen "Status Quo". Einzige Ausnahme seien zwei aufgemalte jordanische Flaggen über dem pompösen Grabmal des in der El Aksa Moschee ermordeten Königs Abdullah, dem Urgroßvater des heutigen gleichnamigen Königs von Jordanien. Doch mit einem kleinen Trick ist die jordanische Flagge in eine palästinensische verwandelt worden: Im roten Dreieck der ansonsten identischen Flaggen wurde der kleine weiße Stern rot übermalt.

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Gegen die Regeln: Palästinensische Fahnen neben dem Grab von Faisal Hussaini.

(Foto: Ulrich W. Sahm)

Völlig überrascht ist Cheschin, als wir durch das dicke grüne Eisengitter einen Blick in Säle weiterer Grabmäler prominenter Palästinenser in der westlichen Umfassungsmauer des Tempelbergs werfen. Neben dem 1948 gefallenen Volkshelden und Kämpfer Abd al-Qadir al-Husayni liegt da auch Faisal Hussaini begraben, Jassir Arafats "Jerusalem-Minister". Hinter dessen Katafalk steht eine palästinensische Flagge. "Das widerspricht den Regeln und Abmachungen", sagt Cheschin.

Auf Wunsch der Palästinenserbehörde hätte dort auch Jassir Arafat begraben werden sollen. Doch das hatte der damalige Ministerpräsident Ariel Scharon unterbunden. So wurde für Arafat inzwischen mit EU-Geldern ein prächtiges Mausoleum in dessen ehemaligem Hauptquartier in Ramallah errichtet.

Quelle: n-tv.de

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