Reise

"Glockenstadt" im Münsterland In Gescher klingen die Sehenswürdigkeiten

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Logo der Glocken- und Kunstguss-Manufaktur Petit & Gebr. Edelbrock auf einer Glocke von 1961.

(Foto: picture alliance / dpa)

Gescher trägt den Beinamen "Glockenstadt". In einer der letzten Glockengießereien Deutschlands entstehen große Bronzeglocken, allerdings nur noch selten. Die Stadt hat aber noch weitere klingende Sehenswürdigkeiten zu bieten.

Unwillkürlich wird man an Friedrich Schillers "Lied von der Glocke" erinnert: "Fest gemauert in der Erden steht die Form, aus Lehm gebrannt ..." Der geführte Rundgang durch die Glockengießerei Petit & Gebr. Edelbrock ist eine der Stationen des Gescheraner Dreiklangs, bei dem die Touristen außerdem im Kirchturm den Glocken ganz nahe kommen und das Westfälische Glockenmuseum besuchen.

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Glockenformer in der Glocken- und Kunstguss-Manufaktur Petit & Gebr. Edelbrock.

(Foto: picture alliance / Ina Fassbende)

Nur im Abstand von vielen Monaten entstehen heutzutage Bronzeglocken in der traditionsreichen Gießerei. Die Aufträge von Kirchengemeinden seien zurückgegangen, berichtet einer der Glockengießer. Stattdessen arbeiten die 24 Beschäftigten häufiger an Kunstgüssen.

Früh morgens haben die Glockengießer an diesem Tag begonnen, den Schmelzofen mit Braunkohlestaub anzuheizen und mit Zinn und Kupfer zu beschicken. Vier Bronzeglocken für die St.-Albani-Kirche in Göttingen sollen heute entstehen. Flammen schlagen hin und wieder aus den Kaminen in den nächtlichen Himmel. Am Nachmittag ist die rotglühende Schmelze bereit für den Abstich.

"In Gottes Namen"

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Beim Glockengießen wird es über 1100 Grad Celsius heiß.

(Foto: picture alliance / dpa)

Mehrfach wird die Ofenklappe geöffnet, mit einem groben Birkenstamm die Glockenspeise genannte Schmelze verrührt. Fast neun Tonnen Metall brodeln im Schmelzofen. Hitze schlägt den Männern entgegen, mehr als 1100 Grad beträgt nun die Temperatur. Gebete werden gesprochen, die Glockengießer bekreuzigen sich. "In Gottes Namen", erhallt der Ruf.

Ein paar kräftige Hammerschläge auf den Zapfen, und die rotgelbe Bronze quillt aus dem Ofen, bahnt sich wie ein glühender Lavastrom den Weg durch Rinnen. Sie verschwindet in den Öffnungen im Boden, wo in den Wochen zuvor die Gussformen aus Lehm in der Glockengrube festgestampft wurden. Qualm steigt auf, Flammen lodern, angespannt überwachen die Männer den Gussvorgang. Das Ergebnis können sie erst einige Wochen später sehen, wenn die Glocke richtig erkaltet ist.

Wie werden die Glocken zum Schwingen und Klingen gebracht?

Doch wie werden die Glocken später zum Schwingen und Klingen gebracht? Um das herauszufinden, geht es beim Gescheraner Dreiklang hinauf in den Turm der Pfarrkirche St. Pankratius, über 200 steinerne Stufen und knarrende Holzstiegen. Josef Leinen und Reinhold Löring erklimmen immer wieder den neugotischen Kirchturm. Und sind mächtig stolz darauf, die fünf Glocken und das Läutewerk den Besuchern aus nächster Nähe zeigen zu können. "Glocken liegen mir am Herzen", bekennt der 71 Jahre alte Löring. Schon als Kind durfte er sie manchmal läuten: "Mein Opa war Küster von Sankt Pankratius."

"Glocken sind nicht nur ein bedeutendes Symbol des Christentums, sondern auch das Zeugnis großer Handwerkskunst", sagt Hendrik Sonntag beim Rundgang durch das Westfälische Glockenmuseum. Die Sammlung wurde 1980 aufgebaut und zeigt über 1000 Glocken und Glöckchen. Von der tonnenschweren Kirchenglocke über Schiffsglocken, der Glocke eines Stammtisches und Kuhglocken bis zum zart klingenden Glöcklein einer Hotelrezeption reichen die Exponate aus kirchlicher und weltlicher Nutzung.

Quelle: ntv.de, abe/dpa