Fußball-WM 2019

Mysterium Frauenfußball Elf Dinge, die wir gelernt haben

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Drei Wochen Frauenfußball - Spaß hat's gemacht!

(Foto: picture alliance / dpa)

Drei Wochen Frauenfußball und Frauenfußball. Und was hat’s gebracht? Jede Menge! Wir wissen jetzt, dass kleine Jungs gerne Hope Solo wären, Frauen nicht kommentieren sollten, Joseph Blatter ausgepfiffen wird und Silvia Neid nach Komplimenten fischt. Und: Dritte Plätze sind wirklich was für Männer.

1. Frauen spielen Frauenfußball. Bleibt auch nach der Weltmeisterschaft ein Rätsel. Handballerinnen spielen Handball, Volleyballerinnen spielen Volleyball, Basketballerinnen spielen Basketball. Nur Fußballerinnen spielen Frauenfußball. Ist also eine ganz eigene Sportart, der Begriff soll vor Vergleichen schützen. Die ja seit jeher streng verboten sind. Also schreiben und berichten alle von Frauenfußball, Frauenfußball, Frauenfußball. Das hinterlässt Spuren. So tief, dass die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" am Finaltag von "Frauenfußballspielerinnen" berichtete. Großartig. Wir haben verstanden. (sgi)

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Eine der schillerndsten Stars dieser WM: Hope Solo.

(Foto: AP)

2. Frauenfußball wirkt. Ein Spielplatz in Berlin, am Tag nach dem großartigen Viertelfinale USA gegen Brasilien. Vier Jungs, zwischen sieben und zehn Jahren alt, stellen das Elfmeterschießen nach. "Ich bin Hope Solo", sagt der eine. "Dann bin ich die Torhüterin der USA", sagt ein anderer. "Das ist doch Hope Solo." – "Ach so. Dann bin ich die von Deutschland." "Nadine Angerer, die ist auch gut", sagt der, der Hope Solo sein darf. Alles klar, es kann losgehen. Was wohl Manuel Neuer dazu sagt? (sgi)

3. Frauen sollten keinen Frauenfußball kommentieren. Zumindest nicht, wenn sie Claudia Neumann heißen. Das ZDF hat es probiert und sich damit gebrüstet, dass erstmals eine Frau live im deutschen Fernsehen WM-Spiele kommentieren durfte. Funktioniert hat es nicht. Und das liegt nicht daran, dass Frauen keine Fußballspiele kommentieren können. Claudia Neumann kann es nur nicht in einer Weise, die der Zuschauer dauerhaft ertragen kann. Atemlos arbeitete sie sich durch ihre Partien. Während männliche Kollegen bisweilen von ihrer Arbeit unendlich gelangweilt scheinen, war Neumann meist so begeistert, dass sich ihre Stimme selbst bei Einwürfen in unerträgliche Tonlagen schraubte. Bisweilen führte es dazu, dass die Lebendigkeit des Spiels nicht Schritt halten konnte mit Neumanns Begeisterung. Sprachlos war sie nur, als die ungarische Schiedsrichterin Gyoengyi Gaal das legendäre Handspiel von Äquatorial-Guineas Bruna übersah - weil sie es auch nicht erkannt hatte. (cwo)

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Die anwesenden deutschen Spitzenpolitiker nehmen den armen Sepp schützend in ihre Mitte.

(Foto: dapd)

4. Missliebige Funktionäre werden auch beim Frauenfußball ausgepfiffen. Beim Eröffnungsspiel hatten die WM-Organisatoren Joseph Blatter noch versteckt, weil sie Pfiffe gegen den FIFA-Präsidenten fürchteten, der . Beim Finale in Frankfurt durfte Blatter zur Pokal-Vergabe an die Japanerinnen auf den Rasen - und prompt pfiffen ihn die Zuschauer aus. Immer wenn der Patron des Fußball-Weltverbandes auf dem Videowürfel prominent zu sehen war, regte sich lautstarker Widerstand auf den Rängen. "Blatter raus!" (cwo)

5. Silvia Neid und Selbstkritik, das passt nicht. Vor der WM war Bundestrainerin Silvia Neid die Erfolgstrainerin. Der Joachim Löw mit Titeln in der Vitrine, wenn man so will. Nach der WM ist die Bundestrainerin zur Zick-Zack-Silvia mutiert, für die Selbstkritik ein Fremdwort ist. Die Woche nach dem WM-Schock mit dem Aus gegen Japan hat gezeigt, dass Neid nicht in der Lage ist, das eigene Tun kritisch zu hinterfragen. Jeder Ansatz von Selbstkritik war letztlich nur ein "Fishing for Compliments", um DFB-Präsident Theo Zwanziger und andere zu öffentlichen Sympathiebekundungen zu nötigen. Hat geklappt - . (cwo)

6. Die schwächeren Mannschaften haben aufgeholt. Das sehen wir daran, dass der Außenseiter aus Japan nacheinander die Großmächte Deutschland, Schweden und USA geschlagen hat, und nun Weltmeister ist. Das sehen wir auch daran, dass es keine Kantersiege gab und die Spielerinnen weniger Tore schossen, was auf eine höhere Leistungsdichte deutet. Ergebnisse wie das 11:0 der deutschen Mannschaft gegen Argentinien bei der WM 2007 wird es nicht mehr geben. Bei den 32 Spielen dieser WM waren es im Schnitt 2,69 Treffer. Das ist zwar ein Minusrekord bei den bisherigen sechs Endrunden, spricht aber für Qualität. (sgi)

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Der Druck zu groß, das Spiel zu schlecht: Die deutschen Fußballfrauen waren die große Enttäuschung der WM.

(Foto: dpa)

7. Deutschland gewinnt doch nicht immer. Für viele eine überraschende Erkenntnis. Galt es doch als nationaler Konsens, dass die DFB-Elf – im eigenen Land! – den dritten Titelgewinn in Folge feiert. Kam dann aber anders. Weil die schwächeren Mannschaften aufgeholt haben. Und , als es Bundestrainerin Silvia Neid und ihre Spielerinnen angenommen hatten. Dabei hatte es Torhüterin Nadine Angerer schon vor dem Eröffnungsspiel gegen Kanada (2:1) in Berlin gewusst. "Simulieren kann man das nicht. Wir können ja nicht einfach 70.000 Zuschauer einladen und das proben." Dennoch hatten sie und ihre Kolleginnen stets versichert, dass ausverkaufte Stadien eine helle Freude seien. Bis die Trainerin nach dem zweiten Spiel gegen Nigeria (1:0) einräumen musste, "dass für einige der Druck wohl zu groß war." Und Kapitänin . (sgi)

8. Frauenfußball in Deutschland geht auch ohne Deutschland. Zumindest für die eine finale Woche. Nicht mehr ganz so viele Menschen schalteten den Fernseher ein, aber immer noch viele. Die Stadien waren nahezu ausverkauft, insgesamt freuen sich die Organisatoren um Steffi Jones darüber, dass sie 782.000 von 900.000 Eintrittskarten verkauft haben. Das entspricht einer Auslastung von 86 Prozent. Und tröstet Steffi Jones vielleicht über die Tränen hinweg, die sie vergoss, nachdem das deutsche Team im Viertelfinale an Japan gescheitert war. Sie fährt jetzt in den Urlaub. "Auch, um das alles zu verarbeiten." (sgi)

9. Frauenfußball ist friedlich. Was eine stimmungsvolle Fankultur betrifft, hat der Frauenfußball noch arg Nachholbedarf. So war das Turnier eine große Familienfeier mit Grillfestatmosphäre und La Ola in den Stadien - völlig unabhängig davon, was gerade auf dem Rasen geschah. Das Gute daran: keine Krawalle, keine Aggression, alles friedlich, zumindest auf den Rängen. Was die WM mitunter sogar von einem Familienfest unterschied. (sgi)

10. WM ist nicht Bundesliga. "Wer das nationale Event der WM auf die Frauen-Bundesliga überträgt, hat vom Fußball keine Ahnung." Sagt Theo Zwanziger, oberster Frauenfußballversteher und gleichzeitig Präsident des DFB. Wo er recht hat, hat er recht. Schließlich kamen bisher im Schnitt nur gut 800 Zuschauer pro Bundesligapartie ins Stadion. Daran wird sich nicht viel ändern. Zumindest nicht sprunghaft. Und auch das Fernsehen wird so schnell nicht mehr so viel berichten. Bis zur nächsten Europameisterschaft. Die findet 2013 in Schweden statt. Für Olympia 2012 in London ist die deutsche Mannschaft ja nicht qualifiziert. Sie wissen schon, wegen Japan und Viertelfinale und so. (sgi)

11. "Dritte Plätze sind etwas für Männer". Stimmt. Und dieser lustige, aber im Nachhinein doch etwas unglückliche Werbespruch wird den deutschen Frauenfußballspielerinnen noch lange nachhängen. Die Männer gewannen nämlich 1974 bei der ersten WM in Deutschland den Titel, 2006 reichte es dann immerhin zu Rang drei. Von wegen Aus im Viertelfinale. Aber lassen wir diese Vergleiche. Schließlich ist Frauenfußball eine eigene Sportart. Haben wir gelernt. (sgi)

Quelle: ntv.de