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Montag, 03. September 2018

"Collinas Erben" mit guter Laune: Diesmal hat der Video-Airbag funktioniert

Von Alex Feuerherdt

Nach dem überaus holprigen Saisonstart überzeugen Schiedsrichter und Video-Assistenten am zweiten Spieltag der Fußball-Bundesliga. Sie tun das vor allem in Frankfurt, Sinsheim und Gelsenkirchen. Dazu gehörten Glück und Können.

Als Felix Zwayer die Partie zwischen Hannover 96 und Borussia Dortmund (0:0) anpfiff und damit den zweiten Spieltag der Fußball-Bundesliga am Freitagabend eröffnete, hatten die Schiedsrichter und ihre sportliche Leitung turbulente und aufwühlende Tage hinter sich. Der Auftakt vor Wochenfrist mit einigen zweifelhaften Eingriffen der Video-Assistenten hatte die Kritik am Videobeweis neu entfacht, nachdem die Debatte nach dem gelungenen Einsatz dieser Neuerung bei der Weltmeisterschaft in Russland gerade erst zur Ruhe gekommen war. Auch Lutz Michael Fröhlich, der Leiter der DFB-Schiedsrichter-Kommission, sprach im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF unumwunden von einem "Fehlstart". Die Video-Assistenten, so seine Vermutung, seien im Bestreben, alles richtig zu machen, womöglich übermotiviert gewesen.

"Es ist wie in einer Fußballmannschaft": Jochen Drees.
"Es ist wie in einer Fußballmannschaft": Jochen Drees.(Foto: imago/Hartenfelser)

Es gab sogar eine personelle Konsequenz: Wolfgang Stark, immerhin der Video-Assistent mit den meisten Einsätzen, wurde vorläufig von seiner Tätigkeit in der Kölner Videozentrale entbunden. Am Premierenspieltag dieser Saison hatte er mit zwei unnötigen Interventionen in der Begegnung des VfL Wolfsburg gegen den FC Schalke 04 dem Unparteiischen Patrick Ittrich die Spielleitung erschwert. Jochen Drees, der neue Projektleiter für den Videobeweis beim DFB, verordnete Stark eine Pause. "Es ist wie in einer Fußballmannschaft: Wenn ein Spieler eine schlechte Phase hat, nimmt er weiter am Trainingsbetrieb teil und kann sich durch Leistung anbieten", sagte er. "Wenn die irgendwann stimmt, steht er auch wieder in der Startelf."

Als am Sonntagabend die letzte Partie abgepfiffen wurde, dürften Fröhlich und Drees aufgeatmet haben. Denn am zweiten Spieltag lief es für die Schiedsrichter und ihre Video Assistant Referees (VAR) vorzüglich. Dort, wo die Helfer an den Monitoren in Köln intervenierten, taten sie es völlig zu Recht und trugen, wie es ihr Auftrag ist, entscheidend dazu bei, gravierende Fehler zu vermeiden. So etwa im Spiel zwischen Eintracht Frankfurt und Werder Bremen (1:2) beim ersten Tor der Gäste in der 21. Minute durch Yuya Osako. Auf das Fahnenzeichen seines Assistenten an der Seitenlinie hin hatte der Unparteiische Sören Storks den Treffer ursprünglich wegen Abseits annulliert. Doch die Bilder zeigten, dass alles mit rechten Dingen zugegangen war.

Keine "Notbremse" von Bremens Pavlenka

Storks korrigierte sich daraufhin. Möglich war das, weil der Schiedsrichter-Assistent mit dem Fahnenzeichen und der Unparteiische mit dem Pfiff gewartet hatten, bis der Ball im Gehäuse der Frankfurter lag. Wäre das Spiel vor der Torerzielung unterbrochen worden, hätte es keine nachträgliche Anerkennung des Treffers geben können. Keine Unterstützung durch den VAR benötigte der Unparteiische dagegen kurz nach der Pause, als Bremens Torhüter Jiří Pavlenka nach einer zu kurzen Rückgabe seines Mitspielers Ludwig Augustinsson den Frankfurter Mijat Gaćinović im Strafraum zu Fall brachte. Die Elfmeterentscheidung war unstrittig. Mancher wunderte sich allerdings darüber, dass Pavlenka für sein Foul ohne Karte davonkam.

Kleiner Bruder der Notbremse: Bremens Torhüter Jiří Pavlenka stoppt den Frankfurter Mijat Gaćinović.
Kleiner Bruder der Notbremse: Bremens Torhüter Jiří Pavlenka stoppt den Frankfurter Mijat Gaćinović.(Foto: imago/Jan Huebner)

Ein Feldverweis wäre hier nicht in Betracht gekommen, denn selbst wenn der Referee von der Verhinderung einer offensichtlichen Torchance ausgegangen wäre, hätte es nur eine Verwarnung gegeben. Schließlich hatte der Schlussmann der Norddeutschen versucht, den Ball zu spielen, und war nur knapp zu spät gekommen. Eine solche ballorientierte "Notbremse" wird seit zwei Jahren nur noch mit der Gelben Karte bestraft, sofern sie innerhalb des Strafraums gezogen wird. Sören Storks ging aber nicht von einer glasklaren Tormöglichkeit aus, weil Gaćinović beim Versuch, an Pavlenka vorbeizuziehen, den Ball relativ weit nach außen gespielt hatte und die Kugel ohne das Foul wohl erst kurz vor der Torauslinie erreicht hätte. Somit lag regeltechnisch nur die Unterbindung eines aussichtsreichen Angriffs vor - ein Vergehen, das gewissermaßen der kleine Bruder der "Notbremse" ist. Bei ihm wird die Bestrafung entsprechend eine Stufe niedriger angesetzt: Findet es außerhalb des Strafraums statt, zieht es stets eine Verwarnung nach sich.

Innerhalb des Strafraums kommt es wie bei der "Notbremse" darauf an, ob der Ball gespielt werden konnte und sollte. Wenn nicht - was beispielsweise bei einem Stoßen, Halten oder Ziehen der Fall ist -, dann ist eine Gelbe Karte vorgeschrieben. Wenn ja, dann gibt es gar keine persönliche Strafe. Deshalb blieb Pavlenka unbehelligt, zumal ihm der Unparteiische auch keinen rücksichtslosen Einsatz vorwerfen mochte. Eine nachvollziehbare Entscheidung.

Beim Freiburger Tor war alles regulär

Beim 3:1 der TSG Hoffenheim gegen den SC Freiburg in Sinsheim intervenierte der VAR ebenfalls zu Recht, als er bei der Überprüfung des Tores von Leonardo Bittencourt nach sieben Minuten feststellte, dass sich der Ex-Kölner knapp im Abseits befunden hatte. Schiedsrichter Robert Hartmann annullierte den Treffer deshalb. Das Führungstor auf der anderen Seite dagegen, das mit Dominique Heintz ein weiterer früherer Domstädter erzielte, blieb bestehen, obwohl auch hier viele eine strafbare Abseitsstellung des Schützen gesehen haben wollten. Doch da täuschten sie sich, denn das Team der Unparteiischen lag ganz richtig.

Reguläres Tor für Freiburg: Dominique Heintz.
Reguläres Tor für Freiburg: Dominique Heintz.(Foto: imago/Achim Keller)

Zwar war Heintz tatsächlich im Abseits, als Jerôme Gondorf einen Freistoß für die Freiburger in den Strafraum der Gastgeber schlug. Doch er erhielt den Ball nicht direkt aus dieser Flanke, sondern vom Hoffenheimer Kevin Akpoguma. Diesem missglückte der Versuch, die Kugel aus der Gefahrenzone zu befördern, derart gründlich, dass Heintz keine Mühe hatte, sein erstes Saisontor zu erzielen. Regeltechnisch war Akpogumas Fauxpas ein absichtliches Spielen des Balles, durch das ein etwaiges Abseits aufgehoben wird. Der Begriff "absichtlich" stellt dabei nicht auf das Ergebnis der Aktion ab, sondern - im Unterschied zum unkontrollierten Abfälschen der Kugel - lediglich auf die Intention und den bewussten Willen, den Ball zu erreichen. Wenn dieser dann beim Gegner landet, der zuvor auch noch im Abseits war, ist das eben Pech für den betreffenden Spieler.

Auch auf Schalke zeigt der Videobeweis seine Stärken

In der abschließenden Begegnung dieses Spieltags zwischen dem FC Schalke 04 und Hertha BSC (0:2) kam der Videobeweis ein drittes Mal zum Einsatz, und auch in diesem Fall lief alles unbestreitbar korrekt ab. Bei einer hohen Flanke in den Berliner Strafraum nach zwölf Minuten war der Herthaner Marko Grujić aus unerfindlichen Gründen mit weit erhobenem Arm zum Ball gegangen und hatte die Kugel dabei mit den Fingerspitzen gestreift. Für Schiedsrichter Sascha Stegemann war diese Berührung nicht zu erkennen, zumal der Ball seine Flugbahn kaum veränderte. In der Wiederholung aber war das Handspiel deutlich zu sehen.

Stegemann musste deshalb auch nur einen kurzen Blick auf den Monitor am Spielfeldrand werfen, dann entschied er berechtigterweise auf Strafstoß. Dass Naldo nach dem Handspiel noch zum Abschluss gekommen war, spielte keine Rolle, denn Stegemann hatte die Vorteilsbestimmung nicht angewendet – weil er ja ursprünglich gar kein Vergehen wahrgenommen hatte. Davon abgesehen ist ein Elfmeter bei Vergehen der verteidigenden Mannschaft im Strafraum fast immer der größere Vorteil. Auf den Strafstoß – den Daniel Caligiuri schließlich neben das Berliner Tor setzte – hätte der Referee hier nur verzichtet, wenn Naldo getroffen hätte. Denn eine Kompensation für Grujićs Handspiel im Strafraum wäre dann ja nicht mehr erforderlich gewesen.

Ohne Hilfe des Video-Assistenten erkannte der Unparteiische die "Notbremse" des Schalkers Yevhen Konoplyanka gegen den eingewechselten Dennis Jastrzembski in der Nachspielzeit kurz vor dem Strafraum. Der Feldverweis war unausweichlich, mochte Konoplyanka auch noch so sehr ein On-Field-Review fordern, das es richtigerweise nicht gab. Denn der Schubser, mit dem der ukrainische Nationalspieler den davongeeilten 18-jährigen Berliner Nachwuchsstürmer zu Fall brachte, war so offensichtlich wie die Torchance, die dadurch verhindert wurde. Und da es auch bei der Balleroberung durch die Hertha kein Foul gegeben hatte, selbst wenn einige Schalker protestierten, hatte der sehr gut leitende Stegemann alles richtig gemacht.

Dieser Spieltag ließ noch einmal deutlich werden, dass die größten Stärken des Videobeweises dann zum Tragen kommen, wenn sich mit seiner Hilfe klare Schwarz-weiß-Situationen aufklären lassen. Die Frage, ob ein Tor aus Abseitsposition erzielt wurde, gehört dazu. Auch ein unzweifelhaft absichtliches Handspiel wie jenes von Grujić ist damit aufzudecken. Ganz anders als am ersten Spieltag hatten die Schiedsrichter und ihre Video-Assistenten diesmal außerdem das Glück, dass es nur sehr wenige spielrelevante Situationen in einem Graubereich gab, bei dem schon der Eingriff des VAR als solcher umstritten gewesen wäre. Die Schiedsrichter entschieden allerdings auch mutiger, und die Video-Assistenten begriffen sich diesmal tatsächlich als "Airbag". So soll es sein.

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Quelle: n-tv.de