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Die Nummer 20 hätte vom Platz gemusst: Deniz Aytekin und Schalkes Thilo Kehrer.
Die Nummer 20 hätte vom Platz gemusst: Deniz Aytekin und Schalkes Thilo Kehrer.(Foto: imago/DeFodi)
Montag, 27. November 2017

"Collinas Erben" applaudieren: Kehrers Glück ist Aytekins einziges Manko

Von Alex Feuerherdt

Im irren Spiel des BVB gegen Schalke leistet sich der souveräne Schiedsrichter trotz vieler Herausforderungen nur einen Fehler. In Augsburg diskutieren sie wieder über den Videobeweis - der Unparteiische sagt Überraschendes dazu.

Das denkwürdige 4:4 im Revierduell zwischen Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04 an diesem 13. Spieltag der Fußball-Bundesliga wird nicht nur den Spielern beider Klubs, ihren Trainern, Funktionären und Fans noch lange im Gedächtnis bleiben. Auch Schiedsrichter Deniz Aytekin dürfte die Begegnung so schnell nicht vergessen. Denn in dieser schier unglaublichen Partie hatte er viele komplizierte Entscheidungen zu treffen, die gleichzeitig Einfluss auf den Spielverlauf nahmen und deshalb Stoff für Diskussionen bargen.

Dass der Unparteiische dennoch keineswegs im Mittelpunkt der Debatten stand, lag nicht zuletzt an seiner abgeklärten, souveränen Art der Spielleitung. Der 39-jährige Fifa-Referee verstand es schon durch seine unaufgeregte Körpersprache und seine unerschütterliche Ruhe, sich allseitige Akzeptanz zu verschaffen. So protestierten die Schalker nach zwölf Minuten kaum gegen den Führungstreffer des BVB, obwohl Pierre-Emerick Aubameyang das Tor mit seiner rechten Hand erzielt hatte.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Vorausgegangen war ein misslungener Schussversuch von Nuri Sahin; der Ball landete beim heranrauschenden Aubameyang, der ihn aus kurzer Distanz ins Gehäuse der Gäste zu drücken versuchte. Der Schalker Torhüter Ralf Fährmann wehrte die Kugel ab, sie sprang dem Dortmunder Stürmer, der sich immer noch in der Rutschbewegung befand, an den Fuß und von dort an die Hand, bevor sie schließlich im Tor landete. Das alles spielte sich in Sekundenbruchteilen ab.

Man kann zwar der Auffassung sein, dass ein mit der Hand oder dem Arm erzielter Treffer grundsätzlich nicht zählen sollte. Doch rein regeltechnisch betrachtet gab es keinen Grund, Aubameyangs Tor die Anerkennung zu versagen. Denn von den Kriterien, die zur Beurteilung der alles entscheidenden Frage herangezogen werden, ob das Handspiel absichtlich erfolgte, traf keines zu. Aubameyang hatte mit seiner Hand keine aktive Bewegung zum Ball unternommen, die Armhaltung war auch nicht unnatürlich, sondern völlig normal, die Reaktionszeit äußerst gering, und die Körperfläche wurde nicht vergrößert, schon gar nicht in unsportlicher Absicht. Damit war der Treffer regulär.

Nur einmal lag Aytekin deutlich falsch

Genauso wie das 2:0 für die Gastgeber, für das Benjamin Stambouli mit einem Eigentor sorgte. Zwar befand sich Julian Weigl bei Sahins Freistoßflanke im Abseits, jedoch in einiger Entfernung zum Schalker. Dass dieser womöglich nur deshalb so waghalsig zum Ball sprang, weil er verhindern wollte, dass ihn Weigl erreicht, ist dabei unerheblich. Denn eine strafbare Beeinflussung hätte laut den Regeln nur dann vorgelegen, wenn Stambouli vom Dortmunder angegriffen oder behindert worden wäre. Ebenfalls richtig war es, Naldos Tor in der 53. Minute wegen Abseits zu annullieren. Hier musste allerdings der Video-Assistent helfen, weil das Schiedsrichterteam auf dem Platz die Abseitsstellung nicht erkannt hatte.

Das war dann doch eher Gelb-Rot: Thilo Kehrer trifft Andrej Jarmolenko.
Das war dann doch eher Gelb-Rot: Thilo Kehrer trifft Andrej Jarmolenko.(Foto: dpa)

Knifflig gestaltete sich für Aytekin mehrmals auch die Wahl des Strafmaßes nach Foulspielen. Die rüde Grätsche des Schalkers Thilo Kehrer gegen Sahin nach 21 Minuten nur mit einer Verwarnung zu ahnden, ging in Ordnung, weil der Dortmunder nur am Fuß getroffen wurde und das Vergehen zwar rücksichtlos, aber trotz seiner Dynamik nicht gesundheitsgefährdend brutal war. Als sich Kehrer in der 40. Minute ein weiteres, ähnlich gelagertes Foul gegen Andrej Jarmolenko leistete, dürfte er allerdings selbst überrascht gewesen sein, nicht Gelb-Rot zu sehen. Hier dehnte der Schiedsrichter seinen Ermessensspielraum zweifellos zu weit aus.

Konsequent war er hingegen auf der anderen Seite nach 72 Minuten bei der völlig korrekten Gelb-Roten Karte gegen Aubameyang, der Amine Harit durch ein Beinstellen von hinten zu Fall gebracht hatte. Das unterschiedliche Maß im Vergleich zu Kehrers Vergehen war Aytekins einziges Manko an diesem Tag. Gonzalo Castros eher unglücklichen als brutalen Tritt in die Hacken von Harit bei einem Laufduell in der 80. Minute nur mit einer Verwarnung zu bestrafen, war jedenfalls genauso angemessen wie die Nachsicht gegenüber dem bereits verwarnten Sokratis bei dessen übertrieben wehleidiger Reaktion auf ein Foulspiel von Yevhen Konoplyanka neun Minuten später. Eine weitere Gelb-Rote Karte für den BVB wäre hier überzogen gewesen.

Wieder Streit um den Videobeweis

In Augsburg gab es derweil beim Spiel gegen den VfL Wolfsburg (2:1) einmal mehr Aufregung über den Videobeweis, mit dessen Hilfe Schiedsrichter Tobias Stieler zweimal eine Entscheidung korrigierte. Zunächst nach acht Minuten, als er Maximilian Arnold für ein Foul an Alfred Finnbogason erst verwarnte, den Wolfsburger schließlich jedoch nach Rücksprache mit dem Video-Assistenten Tobias Welz und der selbstständigen Prüfung der Bilder in der Review Area wegen einer "Notbremse" des Feldes verwies. Und später, nach einer Stunde, als der Referee nach einem Zweikampf zwischen dem Wolfsburger Torwart Koen Casteels und dem Augsburger Caiuby auf Elfmeter für die Hausherren entschied, den Strafstoß jedoch nach einer weiteren Rücksprache mit der Video-Zentrale in Köln zurücknahm.

Strittige Szene: Wolfsburgs Torhüter Koen Casteels gegen den Augsburger Caiuby.
Strittige Szene: Wolfsburgs Torhüter Koen Casteels gegen den Augsburger Caiuby.(Foto: imago/Thomas Frey)

Einerseits gab es gute Gründe für diese Korrekturen. Denn dass Finnbogason ohne Arnolds Foul aufs Tor zulaufen und nicht mehr am Abschluss aus erfolgversprechender Position hätte gehindert werden können, ist wahrscheinlich. Casteels wiederum traf zuerst klar den Ball und erst danach Caiuby. Andererseits kann man argumentieren, dass sich Finnbogason angesichts heraneilender Wolfsburger Verteidiger womöglich für einen schnellen, nicht so aussichtsreichen Schuss vom Strafraumeck entschieden hätte und dass Casteels bei seinem riskanten Einsatz nun mal nicht bloß den Ball getroffen, sondern auch Caiuby abgeräumt hat. Darüber, ob wirklich glasklare Fehler vorlagen, die den Video-Assistenten ins Spiel bringen mussten, lässt sich also streiten. Bekanntlich soll der Video-Assistent nur bei glasklaren Fehlern eingreifen. Der Punkt ist allerdings: Er hat es in Augsburg gar nicht von sich aus getan, vielmehr hat der Schiedsrichter ihn um seine Einschätzung gebeten.

Das sei "in 90 Prozent der Fälle so", sagte Stieler dem "Kicker". In der Theorie mag das kein Unterschied sein – schließlich soll der Video-Assistent im einen wie im anderen Fall nur dann eine Änderung der Entscheidung empfehlen, wenn er eine eindeutige Fehlentscheidung feststellt. In der Praxis aber lässt die explizite Bitte des Unparteiischen um Prüfung der Bilder auf eine gewisse Unsicherheit bei einer schwerwiegenden Entscheidung schließen, was offenbar häufiger vorkommt, als zu vermuten war. Das wiederum wird den Helfer vor den Monitoren in Köln nicht unbeeindruckt lassen – und in Zweifelsfällen dazu führen, dem Referee zum Gang in die Review Area zu raten.

Warum Steinhaus in Köln richtig lag

Eine Empfehlung, die weniger wahrscheinlich ist, wenn der Schiedsrichter sich seiner Sache sicher ist und deshalb nicht um Hilfe ersucht - schließlich hat er die Entscheidungshoheit. Hätte Welz auch ohne Stielers Bitte zweimal interveniert? Das ist fraglich. Sicher ist dagegen, dass es Stimmen gegeben hätte, die im Falle einer Nichteinmischung lautstark bemängelt hätten, dass der Video-Assistent sich trotz einer "klaren Notbremse" und eines "völlig unberechtigten Elfmeters" nicht eingeschaltet hat. Denn was ein eindeutiger Fehler ist, ist eben keineswegs immer eindeutig. Und das ist und bleibt das zentrale Problem beim Einsatz des Videobeweises.

Auch Bibiana Steinhaus wurde beim 0:2 des 1. FC Köln gegen Hertha BSC damit konfrontiert. War das Handspiel des Berliners Karim Rekik im eigenen Strafraum nach einem Schuss von Sehrou Guirassy nun strafbar oder nicht? Die Hand ging zum Ball, aber aus einer nicht unnatürlich wirkenden Bewegung heraus. Die Distanz war sehr gering, Rekik musste sich abstützen, lag am Boden, konnte kaum ausweichen. Man kann mithin Argumente für und gegen einen Elfmeterpfiff anführen. Die Schiedsrichterin ließ erst weiterspielen, sprach in der nächsten Unterbrechung mit ihrem Video-Assistenten und schaute sich die Bilder schließlich selbst an. In der Review Area sah sie, dass ihre Entscheidung zumindest nicht klar falsch war. Deshalb blieb sie bei ihr. Und das war richtig so.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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