Fußballticker

Automatisch aktualisieren
 2. Bundesliga, Mo., 23. Apr. 20:30 Uhr SpieltagTabelle
Kiel 1:2 (1:2) Nürnberg Spielbericht
Sport
Dann wollen wir doch mal schauen: Guido Winkmann in Mainz.
Dann wollen wir doch mal schauen: Guido Winkmann in Mainz.(Foto: imago/Eibner)
Dienstag, 17. April 2018

"Collinas Erben" zum Videobeweis: Mainzer Rarität mit dicken Fragezeichen

Von Alex Feuerherdt

Einen Elfmeter nach dem Halbzeitpfiff, als viele Spieler den Platz verlassen haben, gab es in der Bundesliga bis zum Spiel Mainz gegen SC Freiburg noch nicht. Der Fall ist nicht nur eine Rarität, sondern regeltechnisch auch höchst verzwickt.

In der fast 55-jährigen Geschichte der Fußball-Bundesliga hat es schon so manches Kuriosum gegeben: einen Spielabbruch aufgrund eines gebrochenen Pfostens, einen Halbzeitpfiff nach nur 30 Spielminuten und diverse Phantomtore. Dass aber noch ein Strafstoß gegeben wird, obwohl der Schiedsrichter die erste Hälfte eigentlich beendet hat und die meisten Spieler das Feld in Richtung Kabine verlassen haben, ist bis zum Montagabend in der Eliteklasse noch nie vorgekommen. Nun ist das deutsche Fußball-Oberhaus um ein Novum reicher, denn genau diese Situation trug sich beim Spiel des 1. FSV Mainz 05 gegen den SC Freiburg (2:0) zu.

Der Mainzer Daniel Brosinski flankt - und gleich lenkt der Freiburger Marc Oliver Kempf den Ball mit dem ausgestreckten linken Arm ab.
Der Mainzer Daniel Brosinski flankt - und gleich lenkt der Freiburger Marc Oliver Kempf den Ball mit dem ausgestreckten linken Arm ab.(Foto: imago/Jan Huebner)

Geschehen war dies: In der 45. Minute schlug der Mainzer Daniel Brosinski eine Flanke vor das Tor der Gäste. Dort lenkte der Freiburger Marc Oliver Kempf den Ball mit dem ausgestreckten linken Arm ab, Torhüter Alexander Schwolow parierte. Kurz darauf pfiff Schiedsrichter Guido Winkmann zur Pause. Er hatte, wie er später sagte, "keine Wahrnehmung gehabt, dass es ein Handspiel gewesen sein könnte". Bei Video-Assistentin Bibiana Steinhaus war das anders: Während sich das Team der Unparteiischen und die Spieler aufmachten, den Platz zu verlassen, prüfte sie die Szene in der Kölner Zentrale. Und kam zum - vollkommen richtigen - Ergebnis, dass hier ein eindeutig strafbares Handspiel übersehen worden war.

Das teilte sie dem Schiedsrichtergespann per Funk mit. Als Winkmann und seine beiden Assistenten just die Seitenlinie überquert hatten, blieben sie am Rande des Rasens plötzlich stehen. Finger wurden ans Ohr gehalten, es gab eine kurze Kommunikation, dann lief der Unparteiische an die gegenüberliegende Seitenlinie, um sich dort, in der Review Area, die Szene selbst anzuschauen. Rasch kam er zum selben Schluss wie Steinhaus: Nicht auf Handelfmeter entschieden zu haben, war ein klarer und offensichtlicher Fehler. Diesen korrigierte Winkmann nun, indem er den Mainzern den Strafstoß doch noch zusprach. Problem: Die meisten Spieler befanden sich nicht mehr auf dem Feld.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Deshalb ließ der Referee sie auf den Platz zurückholen und den Elfmeter ausführen. Pablo De Blasis verwandelte ihn zum 1:0, danach war endgültig Halbzeit. Ein Nachschuss wäre übrigens nicht möglich gewesen, wenn der Ball vom Freiburger Keeper abgewehrt oder vom Torgestänge abgeprallt wäre. Denn laut Regel 14 (Strafstoß) ist ein Elfmeter, zu dessen Ausführung die bereits abgelaufene (Nach-)Spielzeit verlängert werden muss, abgeschlossen, "wenn sich der Ball, nachdem der Schuss ausgeführt wurde, nicht mehr bewegt, aus dem Spiel ist, von irgendeinem Spieler (einschließlich des Strafstoßschützen) außer dem verteidigenden Torhüter gespielt wird, oder der Schiedsrichter das Spiel wegen eines Vergehens des Strafstoßschützen oder des Teams des Strafstoßschützen unterbricht". Auf diese Besonderheit hatte Winkmann die Spieler vor der Ausführung eigens hingewiesen. Dass es nicht genügt, wenn in einem solchen Fall nur der Schütze und der Torwart auf dem Feld sind, liegt unter anderem daran, dass ein Spiel nicht fortgesetzt werden kann, wenn eine Mannschaft weniger als sieben Spieler auf dem Platz hat.

Auf welcher Grundlage erfolgte der späte Elfmeterpfiff?

Aber darf ein Schiedsrichter überhaupt einen Strafstoß geben, wenn er bereits zur Halbzeit gepfiffen hat? Von Bedeutung sind zwei Anordnungen: eine aus den Fußballregeln und eine aus den Regularien für die Video-Assistenten. In der Regel 5 (Schiedsrichter) heißt es: "Wenn […] der Schiedsrichter die erste oder zweite Halbzeit (einschließlich Nachspielzeit) beendet und das Spielfeld verlassen oder das Spiel beendet hat, darf der Schiedsrichter eine Entscheidung nicht ändern, wenn er feststellt, dass diese nicht korrekt ist oder von einem anderen Spieloffiziellen einen Hinweis erhalten hat." Heißt im Umkehrschluss: Solange der Unparteiische sich nach dem Pausenpfiff noch auf dem Feld befindet, kann er sich korrigieren, wenn ihn beispielsweise einer seiner Assistenten davon überzeugt, dass er einen Fehler begangen oder etwas übersehen hat.

"Die Halbzeitpause unterbricht eben nur das Spiel und man kann danach noch spieltechnische Strafen aussprechen."
"Die Halbzeitpause unterbricht eben nur das Spiel und man kann danach noch spieltechnische Strafen aussprechen."(Foto: imago/Eßling)

Im Handbuch des Ifab für die Video-Assistenten wird diese Regelung bekräftigt. Dort heißt es unter Punkt 8.13: "Der Video-Assistent ist wie ein Schiedsrichter-Assistent. Wenn ein Schiedsrichter-Assistent ein Vergehen anzeigt, das sich ereignete, bevor der Schiedsrichter [zur Halbzeit oder zum Spielende] pfiff, kann der Unparteiische immer noch tätig werden, solange er das Spielfeld nicht verlassen hat." In einer solchen Situation soll der Video-Assistent dem Referee "unverzüglich Bescheid geben, damit dieser die Spieler informieren und davon abhalten kann, den Platz zu verlassen". Ein etwas merkwürdiger Widerspruch besteht darin, dass das Ifab in seinem Handbuch die Änderung einer Entscheidung wie in Mainz ausdrücklich auch nach dem Schlusspfiff zulässt, wenn sich der Schiedsrichter noch auf dem Platz befindet, während der DFB die zugrunde liegende Regel 5 anders interpretiert.

Aus der Formulierung, dass der Unparteiische eine Entscheidung nicht ändern darf, wenn er "die erste oder zweite Halbzeit (einschließlich Nachspielzeit) beendet und das Spielfeld verlassen oder das Spiel beendet hat", schließen die zuständigen Schiedsrichterfunktionäre hierzulande, dass der Abpfiff in jedem Fall endgültigen Charakter hat. So hat es auch Guido Winkmann bestätigt, als er gegenüber dem "Kicker" erklärte: "Die Halbzeitpause unterbricht eben nur das Spiel und man kann danach noch spieltechnische Strafen aussprechen. Nach dem Spiel gibt es heute nur die Möglichkeit zu einer Roten Karte."

War Winkmann überhaupt noch auf dem Feld?

Doch befand sich der Schiedsrichter überhaupt noch auf dem Platz, als er seine Entscheidung änderte? Die Fernsehbilder zeigen jedenfalls, dass er erst zu handeln begann, als er die Seitenlinie bereits überschritten hatte. Das heißt: Auf dem Rasen und damit im Innenraum war er zwar noch, aber nicht mehr auf dem Spielfeld, wie es in den Fußballregeln definiert ist. Hätte das eine Entscheidungsänderung nicht ausschließen müssen? Oder genügte es, dass Video-Assistentin Steinhaus mit Winkmann Kontakt aufnahm, als dieser sich noch auf dem Platz befand? Das war, wie die Auswertung der Video- und Tonaufzeichnung aus der Zentrale in Köln durch den Sport-Informationsdienst Düsseldorf ergab, nachweislich der Fall.

Diese Fragen hätten Sportjuristen definitiv zu klären, doch das werden sie vermutlich zumindest nicht im Zuge eines Einspruchs gegen die Spielwertung durch den SC Freiburg tun. Jedenfalls ist bislang nicht bekannt geworden, dass die Freiburger einen solchen Protest einlegen werden. Zeit dazu hätten sie bis einschließlich Mittwoch. Bestünden für sie Chancen auf ein Wiederholungsspiel? Auch das ist fraglich. Selbst wenn das Sportgericht entschiede, dass Guido Winkmann unzulässig gehandelt hat, weil er sich nicht mehr auf dem Platz befand, als er seine Entscheidung änderte, hieße das nicht automatisch, dass ein Regelverstoß vorliegt und nicht bloß eine falsche Tatsachenentscheidung.

Hätte Freiburg Chancen auf ein Wiederholungsspiel?

Denn für einen Regelverstoß - also die falsche Anwendung der Regeln durch den Schiedsrichter auf einen korrekt festgestellten Sachverhalt - müsste der beispielsweise erklären, irrtümlich davon ausgegangen zu sein, eine Entscheidungsänderung nach dem Halbzeitpfiff sei auch nach dem Verlassen des Rasens möglich. Befand er sich nach seiner Wahrnehmung und Erinnerung aber auf dem Platz, als er den Änderungsprozess durch das Gespräch mit der Video-Assistentin und den Gang in die Review Area einleitete, dürfte lediglich eine falsche Tatsachenentscheidung gegeben sein, die nicht zu einer Spielwiederholung führen würde. Dass das Management dieser Entscheidung äußerst unglücklich war, sah auch Lutz Michael Fröhlich so.

Der Leiter der Schiedsrichter-Kommission Elite beim DFB sagte beim Fernsehsender "Eurosport": "Das sind Szenen, die will am Ende keiner richtig haben. Das nützt am Ende nicht viel, wenn man darüber redet, dass die Entscheidung korrekt ist. Das war keine Werbung, was den Ablauf betrifft."

Fröhlich nahm das Schiedsrichterteam jedoch auch in Schutz: "An der Stelle war es nicht möglich, anders vorzugehen. Wir haben das ganze Spiel sehr viele Trillerpfeifen gehabt, die Verständigung war schwer. Das Wichtigste ist, dass er einen Hinweis bekommt." Dieser Hinweis aber, dass es einen Handspielverdacht gibt und die Szene deshalb noch einmal geprüft wird, hätte schneller erfolgen sollen, idealerweise unmittelbar nach dem Halbzeitpfiff. Dann hätten sich die Spieler vom Gang in die Kabine abhalten und die chaotischen Szenen vermeiden lassen.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de