Collinas Erben

"Collinas Erben" deeskalieren "Und dieser Dilettant pfeift Bundesliga!"

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Die Schiedsrichter und ihre Video-Assistenten stehen am 19. Spieltag der Fußball-Bundesliga im Mittelpunkt wie selten in dieser Saison. Manche Kritik schießt dabei übers Ziel hinaus, in einem Fall jedoch begünstigt das Fehlen von Protest vermutlich sogar eine Fehlentscheidung.

Selten hat man Manuel Baum so wütend gesehen wie nach dem 0:2 seines FC Augsburg bei Borussia Mönchengladbach an diesem 19. Spieltag der Fußball-Bundesliga. "Bei der Abseitsregel nicht sattelfest" sei der Unparteiische Harm Osmers gewesen und "zu faul", um seine Entscheidungen überprüfen zu lassen, sagte der Trainer der abstiegsbedrohten Süddeutschen. Dass das Tor der Gastgeber zum 1:0 durch Oscar Wendt in der 78. Minute anerkannt wurde, sei jedenfalls "eine katastrophale Fehlentscheidung" gewesen und habe "uns das Spiel gekostet". Baums Fazit: "So was Dilettantisches. Und der pfeift Bundesliga!"

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Im Mittelpunkt: Schiedsrichter Harm Osmers in Mönchengladbach.

(Foto: imago/Krieger)

Baum erregte, dass das Schiedsrichterteam das eindeutige Abseits von Lars Stindl beim Torschuss von Wendt nicht als strafbar gewertet hatte. Der Gladbacher hatte zwar den Ball nicht berührt, aber dem wenige Meter entfernten, auf der eigenen Torlinie stehenden Augsburger Kevin Danso vermutlich die Sicht versperrt und ihn durch eine kurze Bewegung zum Ball aller Wahrscheinlichkeit nach zusätzlich beeinträchtigt. Das legte die Hintertorperspektive nahe, die auch zeigte, dass Danso mit Verzögerung reagierte, weil er den Ball durch die Sichtbehinderung erst spät sah. Für den Unparteiischen auf dem Feld und seinen Assistenten ist eine solche Sichtfeldeinschränkung schwer einzuschätzen, weil sie die Situation fast immer aus einem Blickwinkel beurteilen müssen, der dafür nicht optimal ist.

Anders verhält es sich mit dem Video-Assistenten, dem zahlreiche Kameraeinstellungen zur Verfügung stehen. Er muss für einen Eingriff allerdings zweifelsfrei zu dem Schluss gelangen, dass es ein klarer und offensichtlicher Fehler des Referees war, nicht auf Abseits entschieden zu haben. Beweisen ließ sich das im Borussia-Park zwar nicht, die Indizien waren aber so stark, dass eine Intervention ratsam gewesen wäre. Osmers - der seine Tauglichkeit, nebenbei bemerkt, in zuvor 28 Erstligaeinsätzen fraglos bewiesen hatte - hätte sich dann in der Review Area selbst ein Bild machen können. Dabei hätte er auch die Möglichkeit gehabt, bei der Anerkennung des Tores zu bleiben, wenn er davon überzeugt gewesen wäre, dass Stindls Abseits nicht strafbar war. Doch der Video-Assistent hielt sich komplett zurück.

Keine Proteste gab es von Hannover 96, obwohl Noah-Joel Sarenren-Bazee im Spiel bei Borussia Dortmund beim Stand von 1:0 für den BVB von Thomas Delaney im Strafraum zu Fall gebracht worden war, ohne dass es einen Elfmeterpfiff gab. Was für die Spieler und vermutlich auch für Schiedsrichter Manuel Gräfe wie ein unglücklicher Pressschlag aussah, entpuppte sich in der Zeitlupe als Tritt auf das Sprunggelenk des Hannoveraners. Nicht auszuschließen, dass das Ausbleiben von Reklamationen gegen die Entscheidung des gut postierten Unparteiischen, den Zweikampf als regelkonform einzustufen, den Video-Assistenten glauben ließ, dass kein klarer Fehler Gräfes vorgelegen haben kann - obwohl die Bilder dem widersprachen. Deshalb sagte Jochen Drees, der Projektleiter des DFB für die Video-Assistenten in der Sportschau, dass ein Review am Spielfeldrand "sinnvoll gewesen wäre".

Warum Moisanders Handspiel nicht bestraft wurde

Keinen Eingriff aus Köln gab es auch in Bremen, als Ante Rebic nach 35 Minuten für Eintracht Frankfurt das 1:1 erzielte. Dabei hatte Luka Jovic in der Entstehung des Tores den Ball mit dem Arm angenommen - oder doch mit der Brust? Oder gar mit beiden? Keine Kameraeinstellung konnte das zweifelsfrei klären, weshalb der Video-Assistent nicht intervenierte. Außerdem ist es fraglich, ob Jovics vermeintliches Handspiel überhaupt noch in die für die Torerzielung maßgebliche Angriffsphase fiel, da ein Bremer den Ball kurz darauf in Richtung Spielfeldmitte befördert hatte, wo die Frankfurter ihn erneut eroberten.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Auf Verstöße überprüfen darf der Video-Assistent nach einem Treffer nur diejenige Angriffsphase, die unmittelbar, also ohne zwischenzeitliche Klärung durch die verteidigende Mannschaft, zur Torerzielung geführt hat. Noch größer war die Aufregung im Weserstadion kurz vor Schluss. Nach einem Zuspiel von Sebastian Haller wollte Jovic den Ball an der Strafraumgrenze der Hausherren an Niklas Moisander vorbeispielen, doch der Bremer beförderte die Kugel mit der Hand aus der Gefahrenzone - und zwar recht eindeutig absichtlich, wie die Zeitlupe zeigte. Schiedsrichter Markus Schmidt ließ gleichwohl weiterspielen, was wütende Proteste der Hessen hervorrief. Der Video-Assistent empfahl dem Referee dennoch kein Review, auch nicht in der nächsten Spielunterbrechung, als er mit ihm kommunizierte. Die Gründe dafür sind komplex. In Betracht gekommen wäre eine Intervention, wenn das Handspiel im Strafraum stattgefunden hätte, also einen Elfmeter hätte nach sich ziehen müssen. Das Bildmaterial ließ keinen eindeutigen Schluss zu, legte jedoch nahe, dass es knapp außerhalb des Sechzehners zum Kontakt gekommen war.

Dort aber darf der Video-Assistent bei ungeahndeten Foul- oder Handspielen nur dann eingreifen, wenn das Vergehen feldverweiswürdig war. Dafür sprach hier viel, denn durch seine regelwidrige Klärung mit der Hand verhinderte Moisander eine offensichtliche Torchance, da sich Jovic ansonsten wohl in zentraler Position frei vor Werders Torhüter Jiri Pavlenka befunden hätte. Dass der Video-Assistent trotzdem nicht einschritt, könnte daran gelegen haben, dass er bei der Überprüfung der Bilder eine ungeahndete Abseitsstellung von Jovic im Moment der Ballabgabe von Haller festgestellt hatte.

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Aufregung im Weserstadion: Schiedsrichter Markus Schmidt.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Die Fernsehbilder legten das jedenfalls nahe. In diesem Fall wäre das anschließende Handspiel ohne Belang gewesen, weil die Partie zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon unterbrochen hätte sein müssen. Eine nachträgliche Ahndung des möglichen Abseits wiederum wäre allerdings nur infrage gekommen, wenn der Unparteiische wegen des Handspiels einen Feldverweis ausgesprochen oder einen Strafstoß verhängt hätte. Da er aber weder das eine noch das andere getan, sondern weiterspielen lassen hatte, schied sowohl eine Bestrafung des Handspiels aus, weil vorher wahrscheinlich ein Abseits vorlag, als auch eine vom Video-Assistenten initiierte Bestrafung des mutmaßlichen Abseits, weil keine Entscheidung getroffen worden war, die das ermöglicht hätte. Vereinfacht gesagt hoben sich die beiden Fehlentscheidungen gegenseitig auf, deshalb gab es keine Intervention.

Kalibrierte Abseitslinien sorgen für bestmögliche Entscheidungen

Bei den Spielen zwischen dem 1. FSV Mainz 05 und dem 1. FC Nürnberg (2:1) sowie zwischen dem VfL Wolfsburg und Bayer 04 Leverkusen (0:3) hingegen griffen die Video-Assistenten jeweils einmal nach einem vom Schiedsrichter zunächst anerkannten Tor ein, dem ein strafbares Abseits vorausgegangen war. In beiden Fällen waren die Entscheidungen dabei äußerst knapp und nur mithilfe der kalibrierten Abseitslinien zu treffen. Diese zeigten, dass es jeweils um wenige Zentimeter ging. Die Trainer der Teams, deren Tor annulliert worden waren, mochten sich damit nicht abfinden. Nürnbergs Coach Michael Köllner sagte, der "Grundsatz des Videobeweises" werde so "ad absurdum geführt", denn das Abseits habe man "mit normalen Menschenaugen" nicht erkennen können. Und Wolfsburgs Übungsleiter Bruno Labbadia sagte: "Ich glaube, es heißt: Im Zweifel für den Angreifer. So habe ich das gelernt."

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"Im Zweifel für den Angreifer": Bruno Labbadia.

(Foto: imago/Christian Schroedter)

Was beide Trainer verkennen: Mit den zur Verfügung stehenden technischen Hilfsmitteln lassen sich Abseitsstellungen in der Bundesliga seit dieser Saison zentimetergenau feststellen. Gewiss, es sind weiterhin - prinzipiell fehlbare - Menschen, die das Bild mit dem exakten Moment des Abspiels bestimmen und die kalibrierten Linien an die maßgeblichen Körperteile der betreffenden Spieler anlegen. Aber diese Menschen sind hervorragend geschult, sie verfügen über ein exzellentes Auge, und die Technik könnte diese Aufgaben auch gar nicht übernehmen, jedenfalls noch nicht. Die Abseitsentscheidungen gegen Nürnberg und Wolfsburg, die mithilfe der Video-Assistenten getroffen wurden, waren deshalb nach menschlichem Ermessen korrekt, so eng es bei ihnen auch zuging, und sie waren die bestmöglichen. Es wäre gut, wenn das auch im Moment der Niederlage einfach akzeptiert werden könnte, selbst wenn es schwer fällt.

Gezeigt hat sich an diesem Spieltag einmal mehr: Geht es um Schwarz-weiß-Entscheidungen, können die Video-Assistenten ihre Stärken ausspielen. Besteht dagegen ein gewisser Ermessensspielraum, dann gibt es nahezu unvermeidliche Diskussionen. Das war schon in der Auftaktbegegnung zwischen Hertha BSC und dem FC Schalke 04 (2:2) am Freitagabend so, als Schiedsrichter Felix Brych den gesundheitsgefährdenden Tritt des Berliners Karim Rekik gegen das Schienbein von Alessandro Schöpf nach 13 Minuten nur mit der Gelben statt mit der angemesseneren Roten Karte ahndete, ohne vom Video-Assistenten zum Gang in die Review Area aufgefordert zu werden. Doch Brych hatte die Szene aus nächster Nähe klar gesehen und bewertet, was die Eingriffsschwelle für den Helfer in Köln deutlich erhöht hat. Der Schiedsrichter auf dem Feld, der mittendrin statt nur dabei ist, soll eben das Sagen behalten. Das ist und bleibt grundsätzlich auch richtig so, selbst wenn er bisweilen einen Fehler macht.

Quelle: n-tv.de

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