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Sport
Montag, 22. Januar 2018

"Collinas Erben" sind zufrieden: Video-Assistenten sind keine Detektive mehr

Von Alex Feuerherdt

Die Video-Assistenten sollen sich laut DFB stärker zurückhalten, nur bei ganz offensichtlichen Fehlern eingreifen. Das klappt in der Rückrunde bislang gut. Lediglich beim Spiel zwischen Hertha und dem BVB ist die Nichteinmischung unverständlich.

Wie hatte es Lutz Michael Fröhlich, der Leiter der Schiedsrichterkommission Elite beim DFB, vor der Rückrunde noch formuliert? "Wir wollen keine Video-Assistenten, die detektivisch tätig werden". Vielmehr müssten für sie klare Fehler der Schiedsrichter im Videomaterial leicht - das heißt: schnell, eindeutig und zweifelsfrei - zu identifizieren, also offensichtlich sein. Nur wenn das der Fall ist, soll der Unparteiische eine Empfehlung zur Korrektur bekommen.

Jetzt schauem Sie doch noch mal nach: Dortmunds Borussen bedrängen Schiedsrichter Christian Dingert.
Jetzt schauem Sie doch noch mal nach: Dortmunds Borussen bedrängen Schiedsrichter Christian Dingert.(Foto: imago/Thomas Bielefeld)

Eine Entscheidung dagegen, die sich erst nach vielen Wiederholungen aus mehreren Kameraperspektiven und in unterschiedlichen Geschwindigkeiten als mutmaßlich falsch erweist, kann nicht so daneben sein, dass sie unbedingt der Änderung bedarf. Fröhlichs Festlegung bedeutet eine Kurskorrektur beim Videobeweis, und die hat ihre Gründe: Die obersten Regelhüter vom International Football Association Board sind der Ansicht, die Video-Assistenten hätten in der Hinrunde der Bundesliga zu häufig interveniert.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Sie taten das nämlich auch in Fällen, in denen die Entscheidung eben nicht für jeden offensichtlich falsch gewesen, sondern noch in den Ermessensspielraum des Unparteiischen gefallen ist. Damit einhergegangen ist - auch wenn die Helfer am Monitor formal nur Assistenten sind - eine faktische Machtverschiebung zulasten des Schiedsrichters auf dem Feld.

Dort, auf dem Rasen, soll die Entscheidungsgewalt aber bleiben, und das nicht nur in der Theorie. Man will nicht, dass die Entscheidungen der Unparteiischen in spielrelevanten Situationen nur noch den Charakter unverbindlicher Vorschläge haben. Die Video-Assistenten sollen in erster Linie dabei behilflich sein, die gröbsten Fehler auszubügeln, und nicht den Eindruck vermitteln, Oberschiedsrichter zu sein. Die Referees wiederum, auch das stellte ihr sportlicher Leiter noch einmal klar, sollen pfeifen, als gäbe es keine Video-Assistenten. Das heißt, sie sollen in jeder Situation eine eigene Entscheidung treffen und nicht - wie das in der Hinrunde ein paar Mal zu oft der Fall war - in unklaren Situationen oder Grenzfällen das Spiel im Vertrauen darauf laufen lassen, dass der Video-Assistent sich nötigenfalls schon einschalten wird.

Video-Assistenten halten sich auffällig zurück

Diese Neuausrichtung lässt bei konsequenter Umsetzung in der Rückrunde deutlich weniger Eingriffe, Konsultationen und Korrekturen erwarten als bisher. Der 19. Spieltag bestätigte diese Erwartung. Die Video-Assistenten hielten sich insbesondere in Situationen zurück, in denen ihre Kollegen auf dem Feld aus günstigem Blickwinkel und angemessener Distanz sowie mit freier Sicht auf das Geschehen eine bewusste Entscheidung trafen. So wie Bibiana Steinhaus gleich zweimal in der Partie zwischen Borussia Mönchengladbach und dem FC Augsburg (2:0). Nach 29 Minuten spielte der Augsburger Daniel Opare in der Mitte der eigenen Hälfte den Ball in Richtung seines Torhüters Marwin Hitz zurück, der Pass war allerdings etwas kraftlos, weshalb der Gladbacher Stürmer Raffael seine Chance witterte und sofort losrannte. Weit kam er jedoch nicht, weil Opare, der die Gefahr ahnte, ihn am Arm festhielt.

Kein klarer, unzweifelhafter, offensichtlicher Fehler: Bibiana Steinhaus, hier mit Gladbachs Patrick Herrmann.
Kein klarer, unzweifelhafter, offensichtlicher Fehler: Bibiana Steinhaus, hier mit Gladbachs Patrick Herrmann.(Foto: imago/DeFodi)

Kein Augsburger Feldspieler hätte mehr eingreifen können, und die Wahrscheinlichkeit, dass Raffael den Ball ohne das Foul vor dem herausstürmenden Hitz erreicht und so eine herausragende Torchance gehabt hätte, war groß. Dennoch zeigte die Unparteiische nur die Gelbe Karte, das heißt: Sie wertete Opares Foul nicht als "Notbremse". Das war zwar eher falsch als richtig, aber es war kein klarer, unzweifelhafter, offensichtlicher Fehler, weil sich nicht mit Bestimmtheit sagen ließ, dass Raffael auf jeden Fall eher am Ball gewesen wäre. Wenn der Abstand zwischen zwei aufeinander zulaufenden Spielern relativ groß ist, ist es manchmal schwierig einzuschätzen, wie sich die Geschwindigkeit der beiden entwickelt hätte, wenn kein Vergehen dazwischengekommen wäre. Dass Video-Assistent Daniel Siebert nicht eingriff, war deshalb nachvollziehbar, zumal unter den neuen Maßgaben.

Fünf Minuten vor der Pause hatte Steinhaus die nächste knifflige Szene zu beurteilen, nämlich ein Doppel-Handspiel von Daniel Baier im eigenen Strafraum. Der Augsburger war in eine seitliche Hereingabe von Thorgan Hazard gerutscht und hatte dabei ein wenig die Orientierung, sprich: den Ball aus den Augen verloren. Er streifte die plötzlich hinter ihm befindliche Kugel erst leicht mit der einen Hand, dann hielt er sie, als er sich gerade umblickte, mit der anderen auf. Das wirkte beide Male unbeabsichtigt und zufällig, die Hand- und Armhaltung von Baier war auch nicht unnatürlich. Die Schiedsrichterin ließ deshalb weiterspielen und blieb auch nach einer kurzen Kommunikation mit ihrem Video-Assistenten in der nächsten Unterbrechung bei ihrer Entscheidung. Das war in jedem Fall vertretbar.

Auch in anderen Partien hielten sich die Video-Assistenten bedeckt, wo sie in der Hinrunde womöglich noch eingegriffen hätten: Beim rabiaten Tackling des Hamburgers Gideon Jung gegen das Schienbein des Kölners Marco Höger beispielsweise, das der gut postierte Schiedsrichter Guido Winkmann nur mit einer Verwarnung bestrafte, obwohl ein Platzverweis eher angebracht gewesen wäre. Oder beim Beinstellen des Leverkuseners Panagiotis Retsos gegen den Hoffenheimer Nadiem Amiri im Strafraum der Rheinländer, das Referee Tobias Stieler nicht als Foulspiel wertete - vermutlich, weil Amiri auch ein wenig einfädelte. Es gibt gute Gründe, in diesen Fällen eine andere Entscheidung als die jeweils getroffene für besser zu halten. Aber das Handeln der Unparteiischen war nicht völlig abwegig, nicht klar und offensichtlich falsch - und es gab den Video-Assistenten daher keinen Anlass einzuschreiten.

Nur in Mainz kommt es zu einer Korrektur

Im Spiel zwischen Hertha BSC und Borussia Dortmund (1:1) dagegen ereignete sich in der Nachspielzeit eine Situation, bei der man schon eher geneigt sein kann, die Entscheidung des Schiedsrichters für einen klaren und offenkundigen Fehler zu halten. Denn beim deutlichen und ausdauernden Halten des Berliners Fabian Lustenberger im eigenen Strafraum gegen Andriy Yarmolenko, durch das der freistehende Dortmunder den Ball verfehlte, den er sonst erreicht und aufs Tor geschossen hätte, lag der Ermessensspielraum nahe null. Referee Christian Dingert, der gute Sicht auf die Szene hatte und ganz in der Nähe stand, ließ gleichwohl weiterspielen, und Video-Assistent Jochen Drees erhob keinen Einwand. Dabei wäre eine Empfehlung an den Unparteiischen, sich die Szene in der Review Area noch einmal selbst anzuschauen, zweifellos angemessen gewesen.

Doch die Nichteinmischung fügte sich in die Linie beim Umgang mit dem Videobeweis an diesem Spieltag. Lediglich beim 3:2 der Mainzer gegen den VfB Stuttgart kam es zu einer Korrektur, als Schiedsrichter Harm Osmers nach 42 Minuten auf Anraten seines Video-Assistenten Sascha Stegemann in die Review Area lief, um sich die Entstehung des vermeintlichen Mainzer Ausgleichs zum 1:1 anzuschauen. Dort sah er, dass Suat Serdar in der Angriffsphase, die zum Tor führte, den Ball absichtlich mit der Hand gespielt hatte. Deshalb annullierte er den Treffer. Im Unterschied zu den strittigen Szenen in den anderen Stadien hatte der Referee die fragliche Situation in Mainz erkennbar gar nicht wahrgenommen und somit auch nicht beurteilt.

Den Schiedsrichtern tut es gut, wenn die Video-Assistenten sich stärker zurückhalten - vor allem in Situationen, die sie klar selbst sehen und beurteilen können. Der Videobeweis kommt so seiner eigentlichen Bestimmung näher, der Unparteiische gewinnt die Hoheit über die Entscheidungen in spielrelevanten Situationen zurück, auch in der Praxis. Dass es weiter Streitfälle geben wird wie in Berlin, ist kaum zu vermeiden, zumal in der ersten Phase nach der Neuausrichtung in der Winterpause. Wie die Schiedsrichter und ihre Helfer in Köln die veränderten Vorgaben bisher in der Rückrunde umgesetzt haben, ist allerdings bemerkenswert.

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Quelle: n-tv.de