Collinas Erben

"Collinas Erben" klären auf Wie Bayer durch ein Gegentor im Spiel blieb

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Ein Elfmeter aus der Kategorie "Musser geben!". Aber warum sah Ersatztorwart Wendell nicht auch die Rote Karte?

(Foto: imago images / Moritz Müller)

Ein Leverkusener versucht zum Saisonstart der Fußball-Bundesliga, mit einem strafbaren Handspiel ein Tor zu verhindern. Doch das misslingt, weil der Gegner im Nachschuss trifft. Statt eines Feldverweises gibt es nur eine Verwarnung. Einem Ex-Nationalspieler passt diese Regelung nicht.

Genau 25 Minuten waren in der höchst munteren Partie von Bayer 04 gegen den SC Paderborn 07 (3:2) gespielt, da näherte sich der von Beginn an offensiv auftretende Aufsteiger ein weiteres Mal mit Hochgeschwindigkeit dem Tor der Gastgeber. Christopher Antwi-Adjei brachte den Ball aus spitzem Winkel auf das Gehäuse, Torwart Lukáš Hrádecký wehrte in die Mitte ab, wo Sven Michel völlig frei stand und aus zweieinhalb Metern abzog. Auf der Torlinie rettete der Leverkusener Verteidiger Wendell für seinen Keeper - und zwar in Torwartmanier mit beiden Händen. Eindeutig ein strafbares Handspiel, Antwi-Adjei und Michel protestierten deshalb so umgehend wie vehement. Doch Schiedsrichter Tobias Stieler zögerte an diesem ersten Spieltag der Fußball-Bundesliga mit dem Pfiff.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Und das aus gutem Grund, denn der Paderborner Streli Mamba stand völlig frei und drosch den Ball aus kurzer Distanz zum 2:2 ins Netz. Der Unparteiische entschied auf Vorteil, gab den Treffer und zeigte Wendell die Gelbe Karte. Das verwunderte so manchen: Hätte der Brasilianer nicht des Feldes verwiesen werden müssen? Immerhin hatte er mit grob unsportlichen Mitteln versucht, ein klares Tor zu verhindern. Doch das Regelwerk sieht lediglich eine Verwarnung vor, wenn diesem unfairen Unterfangen kein Taterfolg beschieden ist und das Tor unmittelbar danach noch fällt. Die Vollendung wird also härter bestraft als der gescheiterte Versuch. So kennt man es auch aus dem Strafrecht.

Im Bezahlsender "Sky" hatte Ex-Nationalspieler Dietmar Hamann dennoch einen Einwand gegen die Regel. Er fand, dass die Paderborner womöglich einen größeren Vorteil gehabt hätten, wenn es statt der Anerkennung des Tores und der Gelben Karte für Wendell einen Strafstoß und einen Feldverweis gegeben hätte. Dann hätte zwar das Risiko bestanden, dass die Ostwestfalen den Elfmeter verschießen, aber sie hätten mehr als eine Stunde lang in Überzahl spielen können. Hamann plädierte deshalb für ein Wahlrecht für das betreffende Team in einer solchen Situation. Dann könnte es seine Entscheidung vom Spielstand und der verbleibenden Spielzeit abhängig machen.

Das Tor als größter Vorteil

Den Fußballregeln liegt allerdings der Gedanke zugrunde, dass es situativ keinen größeren Vorteil für ein Team gibt als ein Tor. Ein Elfmeter ist nichts weiter als die spieltechnische Kompensation für ein Vergehen durch die verteidigende Mannschaft in der torgefährlichsten Zone, ein Feldverweis oder eine Verwarnung ist die individuelle Strafe für den fehlbaren Spieler. Muss nichts kompensiert werden, weil das Vergehen durch die Anwendung der Vorteilsbestimmung nicht zum Tragen kam, fällt auch die persönliche Bestrafung milder aus.

Das Team, dem Schaden zugefügt wurde oder werden sollte, wird so oder so im Hier und Jetzt hinreichend entschädigt. Das heißt: Wenn der Strafstoß und die Überzahl den Paderbornern lieber gewesen wären, hätte Mamba auf den Torschuss verzichten müssen. Keine Option wäre es gewesen, den Ball am Tor der Leverkusener vorbeizuschießen. Denn dadurch, dass Mamba in zentraler Position wenige Meter vor dem leeren Tor frei und unbedrängt zum Schuss kam, war eine eindeutige und herausragende Vorteilssituation gegeben, die eine größere Torchance darstellte als ein Elfmeter. Im Moment des Torschusses trat der Vorteil unwiderruflich ein, ungeachtet seines Ergebnisses. Ein Fehlschuss hätte also nicht zu einer weiteren Chance in Form eines Strafstoßes geführt - und aufgrund der Vorteilsgewährung auch nicht zu einem Feldverweis für Wendell.

Was sonst noch wichtig war:

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    "Du warst es": Schiedsrichter Harm Osmers erklärt Marko Grujic noch einmal seinen Fehler.

    (Foto: imago images / Contrast)

    Den Gegner im eigenen Strafraum einfach umzureißen, wenn der Ball weit weg ist und der Schiedsrichter nicht hinschaut, ist im Zeitalter des Video-Assistenten keine gute Idee. Das musste auch Marko Grujić erfahren, der im Eröffnungsspiel dieser Saison zwischen dem FC Bayern München und Hertha BSC (2:2) Robert Lewandowski nach knapp einer Stunde ohne Not am Oberarm packte und zu Boden warf. Weil Referee Harm Osmers in diesem Moment mit den Augen dem Ball folgte, der außerhalb des Strafraums gespielt wurde, griff Video-Assistent Tobias Reichel ein und empfahl dem Unparteiischen ein Review. Das Ergebnis: Strafstoß für Bayern, Gelb für Grujić und das Ausgleichstor für die Münchner zum 2:2-Endstand. Der Herthaner zeigte sich nach dem Spiel einsichtig: "Ich bin noch jung und habe mich da etwas naiv verhalten. So etwas wird mir in Zukunft nicht mehr passieren."
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    "Kann man pfeifen": Wolfsburgs Joshua Guilavogui klärt gegen Dominik Drexler nicht so ganz regelkonform.

    (Foto: imago images / eu-images)

    Nicht einverstanden mit dem Schiedsrichter war dagegen Dominick Drexler. In der Begegnung des VfL Wolfsburg gegen den 1. FC Köln (2:1) war der Mittelfeldspieler der Rheinländer nach 32 Minuten bei einem Zweikampf mit Josuha Guilavogui im Strafraum der Hausherren zu Fall gekommen, der Unparteiische Sven Jablonski hatte sich jedoch nicht zu einem Elfmeterpfiff durchringen können. "Er meinte, ich heb‘ zu früh ab", zitierte Drexler nach dem Spiel aus seinem Dialog mit dem Referee, um zu ergänzen: "Wenn ich nicht abhebe, rammt er mich um. Er kommt zu spät, ich spitzel den Ball vorbei." Tatsächlich traf Guilavogui nur den Gegner, doch zu einem On-Field-Review kam es nicht. Offenbar war Video-Assistent Deniz Aytekin nicht grundlegend anderer Ansicht als Jablonski. Dabei hätte es dafür gute Gründe gegeben, wie selbst Guilavogui einräumte ("Den kann man pfeifen").
  • Seit dieser Saison gilt: Wann immer bei einem Tor zuvor in irgendeiner Form die Hand oder der Arm eines Angreifers im Spiel war, zählt der Treffer nicht. Auch dann nicht, wenn das Handspiel an anderer Stelle auf dem Spielfeld nicht strafbar wäre. Folgerichtig wurde das Tor des Leipzigers Lukas Klostermann in der Partie von Union Berlin gegen RB Leipzig (0:4) annulliert: Sein Mitspieler Yussuf Poulsen hatte den Ball vorher mit dem Arm berührt. Völlig unabsichtlich zwar, aber das spielt keine Rolle mehr. Schiedsrichter Markus Schmidt hatte das Handspiel nicht wahrgenommen, deshalb intervenierte Video-Assistent Bastian Dankert. Ein On-Field-Review durch den Unparteiischen gibt es in solchen Situationen nicht, weil es bei dieser Entscheidung nur schwarz und weiß gibt. Eine Bewertung durch den Schiedsrichter ist deshalb nicht vonnöten.
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    Top-Schiedsrichter Manuel Gräfe zwangspausiert und kritisiert den DFB.

    (Foto: imago images / Eibner)

    Mit Bibiana Steinhaus, Deniz Aytekin und Manuel Gräfe fielen drei bewährte Kräfte zum Saisonstart aus. Sie hatten die Laufprüfung beim Trainingslager der DFB-Referees im Juli verletzt nicht absolviert respektive abgebrochen. Auch beim ersten Nachholtermin mussten sie passen. Ein weiterer steht erst Ende August an, bis dahin werden die drei nicht auf dem Feld eingesetzt. Gräfe kritisierte den DFB: "Der Test findet aus meiner Sicht zu einem völlig falschen Zeitpunkt statt", sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung". "Viele Schiedsrichter, die bis in den Juni pfeifen, trainieren in der Sommerpause bis zum Test durch." Sie verwehrten ihrem Körper die Erholungsphase. Das sei "einer der Gründe, warum sich immer mehr Schiedsrichter muskuläre Verletzungen zuziehen". Zudem schere die Prüfung "alle über einen Kamm und sagt nicht wirklich etwas aus über die Leistungsfähigkeit des Einzelnen". Der 45-Jährige, dessen Name seit Jahren am häufigsten fällt, wenn die Bundesligaprofis in Umfragen den besten Referee nennen sollen, wünscht sich deshalb mehr Individualität im Trainingsbetrieb der Schiedsrichter.

Quelle: n-tv.de