Fußball-WM 2018

WM-Zeitreise - 8. Juli 1982 Das brutalste Foul der WM-Geschichte

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Battiston bleibt minutenlang regungslos am Boden liegen.

Für viele Zeitzeugen ist es das schlimmste Foul in der Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaften. Besonders die kaltblütige Reaktion Toni Schumachers nach seiner Attacke auf den Franzosen Patrick Battiston lässt Fans und Reporter immer noch erschaudern.

Frankreichs Mannschaftsarzt dachte an diesem 8. Juli 1982, sein Spieler Patrick Battiston wäre tot: "Ich habe zwei Minuten lang keinen Puls gefühlt!". Bewusstlos lag der Franzose auf dem Rasen des Estadio Ramón Sánchez-Pizjuán von Sevilla. Kurz zuvor war der deutsche Keeper Toni Schumacher aus seinem Tor gestürzt und hatte wenige Meter vor der Strafraumlinie Battiston umgerannt. Ohne abzubremsen und ohne Rücksicht auf Verluste. Ein Zusammenprall, bei dem man schon beim Zuschauen lieber sofort wieder wegblicken möchte. Schumacher sagte am nächsten Tag: "Das ist das harte Profigeschäft mit allen Risiken. Mich hätte es auch erwischen können."

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Schumacher haut den Franzosen ohne Rücksicht auf Verluste um.

(Foto: imago sportfotodienst)

Genau diese scheinbare Kaltblütigkeit war es, die viele Beobachter am Abend zuvor beim Halbfinalspiel zwischen Deutschland und Frankreich bei der WM 1982 in Spanien erschreckte und fassungslos zurückließ. Nach der spektakulären und im tragischen Sinne außergewöhnlichen Aktion hatte sich Schumacher den Ball in Seelenruhe hingelegt, um den folgenden Abstoß auszuführen - während nur wenige Meter von ihm entfernt ein gegnerischer Spieler offensichtlich um sein Leben kämpfte. Doch das kümmerte den deutschen Keeper nicht - wenigstens mussten das die Fans und Journalisten im Stadion und die Zuschauer zu Hause an den Bildschirmen angesichts des unmenschlichen Verhaltens Schumachers denken.

"Meine Frau möchte ich küssen können"

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Nachdem Deutschland die Partie nach 120 Minuten und dem ersten Elfmeterschießen in der Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaften gewonnen hatte, konfrontierten Reporter Schumacher noch auf dem Spielfeld mit dem Zustand des Franzosen. Sie erzählten ihm, dass er im Krankenhaus liege und zwei Zähne verloren habe. Das Zitat des deutschen Keepers von diesem Abend ist eine Legende: "Dann zahl' ich ihm eben seine Jacketkronen." Später wird Schumacher sagen, dass er erleichtert darüber gewesen wäre, dass nicht mehr passiert sei und ihm deshalb dieser lockere Spruch über die Lippen gekommen sei.

Verständlicherweise stachelte dieser Satz in den nächsten Tagen die Wut der Franzosen und eigentlich der gesamten Fußball-Öffentlichkeit noch an. Die Bilder von Battiston gingen um die Welt. Besonders tragisch: Der total lädierte Franzose wollte nur wenige Tage später heiraten. "Ob ich dann den Hochzeitssekt trinken kann, ist mir relativ egal. Aber meine Frau, die möchte ich wenigstens küssen können."

Mit etwas Abstand erzählte Schumacher in einem Interview einmal über die Zeit nach seinem Foul an dem Franzosen Battiston bei der WM 1982: "Als ich beim ersten Länderspiel nach der WM gegen Frankreich das Stadion von Straßburg betrat, sah ich mich als lebensgroße Puppe am Galgen baumeln. Ich bin ganz bewusst schon eine halbe Stunde vor Spielbeginn zum Warmmachen auf den Platz gegangen. Das Publikum sollte sich an mir abreagieren können. Mir war klar, um was es für mich ging: Wenn ich diesem Druck nicht standhielt, war meine internationale Karriere beendet. Ich war voll konzentriert, hatte mich durch autogenes Training vorbereitet, auf der Busfahrt ins Stadion mit Peter Maffays Lied 'Revanche' eingestimmt: '… schlagt mich tot, erst dann könnt ihr sicher sein, dass ich mich nicht mehr wehren werde'. Das entsprach meiner Gemütslage." In einem anderen Interview reagierte Schumacher mit einem etwas sonderbaren, aber doch feinfühligeren Satz: "Seither bemühe ich mich, bei jeder leichten Berührung, bei jedem Zusammenstoß, bei jedem Foul im Gegner zuerst den Menschen zu sehen."

Corver hat nichts gesehen

Zwei kleine Randnotizen: Nach Toni Schumachers schlimmen Foulspiel wunderten sich Millionen Zuschauer an den Fernsehschirmen, wieso der Torhüter keine rote Karte gesehen hatte. Verschwörungstheoretiker entwarfen den Plan, dass der Schiedsrichter der Partie ein holländischer Brauerei-Direktor sei, dessen Firma die größten Umsätze in Deutschland mache. Und um den WM-Reibach nicht zu gefährden, habe der Spielleiter Schumacher nach dessen Foulspiel auf dem Platz gelassen. Eine Theorie aus der Kategorie "harter Tobak". Schiedsrichter Charles Corver ging auch nie auf sie ein. Er sagte aber später einmal in einem anderen Zusammenhang, dass er mit den Augen dem Lauf des Balls gefolgt sei und deshalb nicht genau gesehen habe, was zwischen Schumacher und Battiston vorfiel.

Und noch etwas erregte in den Wochen und Monaten nach der Aktion die Aufmerksamkeit der Fußballanhänger. Als in einem Magazin die Autogrammadresse von Toni Schumacher veröffentlicht wurde, sprachen viele Fans von einem sehr symbolträchtigen Wohnort des deutschen Keepers: Krankenhausstraße 88 in 5030 Hürth.

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Quelle: ntv.de

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